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Statt Haarschnitt gab’s Ohrfeige – Bewährung

Rathenow Statt Haarschnitt gab’s Ohrfeige – Bewährung

Weil sie sich um den Preis für einen Haarschnitt stritten, gab es in einem Rathenower Frisörgeschäft eine körperliche Auseinandersetzung. Diese endete mit einer Ohrfeige für den Kunden. Am Dienstag wurde der Streit vor dem Amtsgericht Rathenow verhandelt – der Friseur wurde verurteilt.

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Quelle: dpa

Rathenow. Nach mehr als zwei Stunden, vier Zeugenaussagen und vielen Nachfragen war das Urteil gesprochen. Amtsrichter Axel Teckemeyer hatte soeben eine Strafsache verhandelt, in der drei Sprachen gesprochen wurden. Zwei Dolmetscher übersetzten simultan. Es war ungewöhnlich laut im Saal 1 des Amtsgerichts. Sieben Monate Gefängnis auf Bewährung – das ist das Ergebnis des Prozesses.

Zuerst ein Gutschein

Die Ereignisse liegen knapp zehn Monate zurück. Über den Frisörgutschein, den er von seinem Betreuer im IKW Rathenow bekam, muss sich der jugendliche Asylbewerber Karim Ahmed (Name von der Redaktion geändert) aus Afghanistan mächtig gefreut haben. Am 10. Januar sollte aus dem Gutschein – 13 Euro war er wert – eine schicke Frisur werden. Im Citycenter Rathenow gibt es einen Frisör, bei dem sich auch schon andere Bewohner des Heimes die Haare hatten schneiden lassen. Mehmet B. aus Berlin.

20 statt 13 Euro

Doch zur Dienstleistung kam es nicht. Karim Ahmed hatte sich seine Freundin und zwei Freunde mitgebracht. Einer der beiden ließ sich ebenfalls die Haare schneiden. Und als Karim an die Reihe kam, zeigte er Mehmet B. auf seinem Mobiltelefon, wie er gerne aussehen wollte. Der Haarschnitt, den der Frisör auf dem Foto identifizierte, war allerdings 20 Euro wert, was er dem Kunden zu verstehen gab. Karim Ahmed, der bereits vor dem Spiegel saß, hatte nur den Gutschein. Der Versuch, den Preis herunterzuhandeln, scheiterte. Mehmet B. bestand auf 20 Euro, falls Karim nicht zahlen könne, solle er das Geschäft verlassen.

Zwei Versionen

Soweit war das, was sich an jenem Tag in dem Geschäft ereignete, unstrittig. Wie es weiterging, dazu gibt es zwei Versionen. Karim erklärte, Mehmet B. habe ihn am Kragen gepackt und aus dem Laden geschubst. „Ich wollte eigentlich nur auf meine Freunde warten“, sagte er am Mittwoch vor Gericht aus. Vor dem Laden habe es ein weiteres Wortgefecht gegeben. Karim wollte gehen, Mehmet B. soll hinterhergelaufen sein. Dort, wo das Fahrradreparaturgeschäft in Richtung Ausgang Berliner Straße ist, soll er einen Fahrradständer gegriffen haben. So ausgerüstet sei er vor dem City-Center auf Karim Ahmed losgegangen und habe dem eine Ohrfeige verpasst. Angeblich soll B. zu seinem Opfer noch gesagt haben: „Ich bin Türke, ich darf das.“

Der Tatort vor dem Citycenter

Der Tatort vor dem Citycenter.

Quelle: Joachim Wilisch

Anschließend habe Mehmet B. den Fahrradständer zurückgebracht und sich seinem Tagesgeschäft gewidmet. Karim ging ins Krankenhaus, wo ein großer blauer Fleck am Auge festgestellt wurde und anschließend zur Polizei.

Drei Zeugen sagen aus

Das, was drei Zeugen so oder ähnlich vor Gericht bestätigten, hat Mehmet B. ganz anders in Erinnerung. „Nachdem der Kunde gesagt hatte, er will auf seine Freunde warten, habe ich gesehen, wie er mir mit Gesten drohte. Darum habe ich ihn hinaus begleitet. Dort haben sich unsere Wege getrennt, ich habe nichts weiter getan.“

Das Urteil

Diese Version des Angeklagten glaubte Richter Axel Teckemeyer nicht. Erstens wegen der übereinstimmenden Zeugenaussagen (die der Anwalt von Mehmet B. allerdings als „abgesprochene Einlassungen“ bewertete) und zweitens , weil Mehmet B. kein unbeschriebenes Blatt ist. Zweimal hatte er sich schon eine Bewährungsstrafe eingehandelt. Körperverletzung, Bedrohung, Betrug – insgesamt sechs Einträge stehen im Strafregister. Und die Bewährungszeit für die jüngste Freiheitsstrafe war noch nicht ganz abgelaufen.

Gericht gibt Bewährung

Streng genommen hätte Mehmet B. also nun wegen Bewährungsverstoß auf jeden Fall ins Gefängnis gehen müssen. Das bleibt ihm erspart, weil zum Ablauf der Bewährungsfrist nur wenige Tage fehlen. Für die sieben Monate Freiheitsstrafe, die B. sich für die Ereignisse vom 10. Januar einhandelte, muss er erneut zwei Jahre Bewährung einhalten.

Anwalt legt Berufung ein

Eine Strafe, die der Rechtsanwalt des Angeklagten nicht nachvollziehen kann. Er will Berufung gegen das Urteil einlegen. Er hatte in seinem Plädoyer Freispruch oder eine milde Geldstrafe gefordert. Richter Teckemeyer folgte dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft.

Zahlreiche Frisörgutscheine hat das IKW Anfang des Jahres ausgegeben – alle zu 13 Euro. Der von Karim Ahmed ist verfallen. Mehmet B. hatte ihn wütend zerrissen, nachdem Karim am Tattag ebenso wütend den Frisierumhang auf einen Tisch gefeuert hatte.

Von Joachim Wilisch

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