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Havelland Bröckelnde Erinnerung
Lokales Havelland Bröckelnde Erinnerung
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18:30 07.07.2017
Den Obelisken ließ Wilhelm II. zu Ehren von Friedrich II. aufstellen. Quelle: Ralf Stork
Dallgow-Döberitz

Eine Schönheit ist der Obelisk in der Döberitzer Heide nicht. Elf Meter hoch ragen die roten Granitquader in der Himmel. Ziemlich eckig und ziemlich abgerissen sehen sie aus. Am Sockel grinst einem das bloße Mauerwerk entgegen. Wenn man genau hinschaut, sieht man Hornissen, die ein- und ausfliegen. Wo es geht, krallen sich Gräser und andere Pionierpflanzen in den Fugen fest. Wäre das Denkmal eine x-beliebige Immobilie, würde der Gutachter wohl nur resignierend den Kopf schütteln und die Abrissbirne bestellen.

Aber ein Denkmal muss nicht wie neu strahlen: Erst mal reicht es, wenn seine Grundsubstanz gesichert ist. Wenn es nicht in absehbarer Zeit in sich zusammenfällt und auch in Zukunft noch etwas über die Vergangenheit des Ortes erzählen kann.

Der Obelisk hat eine ganze Menge zu erzählen. Seine Geschichte reicht vom 18. Jahrhundert bis heute: 1753 hatte Preußenkönig Friedrich II. in der Döberitzer Heide ein Manöver mit 44 000 Soldaten abgehalten. Mit etwas gutem Willen kann man dem Truppenaufmarsch eine gewisse Bedeutung für den Lauf der Weltgeschichte beimessen: Drei Jahre später brach der Siebenjährige Krieg aus, an dessen Ende Preußen sich mit militärischem Geschick und sehr, sehr viel Glück als Großmacht etablierte. In der Schlacht bei Leuthen (1757) besiegte Friedrich ein zahlenmäßig überlegenes Heer der Österreicher mit der sogenannten „Schiefen Schlachtordnung“, die er vielleicht zuvor in der Döberitzer Heide geübt hat. Im späteren Kriegsverlauf teilte er seine Soldaten in mehrere eigenständige Kolonnen ein, die den Gegner unabhängig voneinander angreifen konnten. Beide Taktiken erforderten viel Disziplin und eine gute Koordination der Truppenteile. Um das einzustudieren, waren Großmanöver wie das von 1753 extrem wichtig.

Der Preußenkönig hat sich den Granitklotz nicht selbst auf den Hasenheideberg gestellt. Das besorgte 1903, also 150 Jahre später, Kaiser Wilhelm II. für seinen Urahn, als er ebenfalls ein Manöver in der Döberitzer Heide abhielt. Wahrscheinlich sollte so ein wenig von der ruhmreichen Aura, die Friedrich den Großen damals umgab, auf ihn abfärben.

Zwei Weltkriege später übernahm die Rote Armee das militärische Übungsgelände und damit auch den Obelisken. Auch diese Zeit hat sich in das Denkmal eingeschrieben: Überall auf dem Sockel finden sich kyrillische Buchstaben, die Soldaten in den harten Stein gekratzt haben.

Der Obelisk ist bequem über einen Wanderweg zu erreichen, der am Parkplatz des Havelparks beginnt. Knapp 15 Minuten dauert eine Strecke. Ein alter Kopfsteinpflasterweg führt sanft bergauf mitten durch den Wald. Auf magische Weise verschwinden mit dem ersten Schritt der schnöde Parkplatz, das Einkaufszentrum, der Straßenlärm der B 5 und man ist mitten in der Natur. Die Vögel singen im Wald und ein paar Meter neben einem großen Ameisenhaufen macht sich ein halbes Dutzend Mistkäfer über einen Hundehaufen her. Vielen Dank dafür!

Nach wenigen Minuten hat man die kleine Anhöhe erreicht. Der Wald macht Platz für die Heide, aus der der Obelisk herausragt. Ein kleiner Rundweg führt dorthin, ein paar alte Holzbänke stehen bereit. Wenn man da so sitzt, auf den Obelisken schaut und in die Stille lauscht, kann man die historischen Schichten, die sich rund um das Denkmal abgelagert haben, geradezu zu spüren. Kaiser Wilhelm, der Alte Fritz, die Russen und irgendwie gehört auch der nahe Havelpark dazu. Geschichte im Schnelldurchlauf, gebündelt an einem Ort.

Trotz des offensichtlichen Verfalls hat der Ort so gar nichts Düsteres an sich. Es scheint vielmehr so, als hätte er nach dem vielen Säbelrasseln endlich wieder seinen Frieden gefunden. Mauersegler und Schwalben zischen über die offene Fläche, die nur so wimmelt von Käfern, Heuschrecken, Schmetterlingen und anderen Insekten. Ab und zu schraubt sich ein Feldlerche hoch in die Luft und singt. Und so erzählt der Obelisk von 250 Jahren kriegerischer Geschichte und ist doch ein sehr versöhnlicher Ort..

Von Ralf Stork

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