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Märkischer Gutsherr mit Sinn fürs Moderne

Buchvorstellung in Groß Behnitz Märkischer Gutsherr mit Sinn fürs Moderne

Ernst-Friedrich Harmsen schreibt über seinen Onkel Ernst von Borsig. Darin stellt er ihn als märkischen Gutsherren und Gegner des Nazionalsozialismus vor. Auf dem Landgut A.Borsig hat der Autor das Buch vorgestellt.

Groß Behnitz Behnitzer Dorfstraße 29 52.5826099 12.7366115
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Ernst-Friedrich Harmsen hat am Sonntag das neue Buch in Groß Behnitz vorgestellt.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Groß Behnitz, . Hier hat er gesessen, hier hat er gejagt, hier ist er geritten, hier hat er diskutiert. Groß Behnitz ist der Ort, an dem Ernst von Borsig unbeschwerte wie bedrückende Tage erlebt hat. Groß Behnitz ist auch der Ort, an dem am Sonntag sein Neffe Ernst-Friedrich Harmsen ein Buch über den berühmten Mann vorgestellt hat.

Der Verlag für Berlin-Brandenburg hatte sich das Landgut A. Borsig für seine Buchpremiere ausgesucht. An historischer Stelle wurde an einen märkischen Gutsherren, der Neues wagte und zum Gegner des Nationalsozialismus wurde, erinnert.

Ernst von Borsig war das jüngste von vier Kindern des Großindustriellen Ernst von Borsig. Sein Neffe hat nun das umfangreiche Familienarchiv mit Briefen, Fotos und Gästebüchern durchforscht. Er zeichnet danach kenntnisreich den Werdegang Borsigs von der fast sorglosen Kindheit bis zu gefährlichen Treffen des Kreisauer Kreises. Und so bietet das Buch beides: Es zeichnet das Bild eines Menschen, der die Dinge zum Guten verändern will, und es liefert Informationen über das Havellanddorf Groß Behnitz.

Denn dort hat sich der Großteil des Lebens Ernst von Borsigs abgespielt. Die Kindheit verbrachte er auf dem Familienanwesen am Tegeler See und auf dem Gut in Groß Behnitz. Das erbte er 1933 nach dem plötzlichen Tod des Vaters. Zuvor hatte Ernst von Borsig in München Landwirtschaft, Volkswirtschaft und Jura studiert, er hatte gerade seine Dissertation beendet, darin beschäftigte er sich mit der Frage, ob eine staatspolitische und wirtschaftliche Ausrichtung Deutschlands zu einer gezielten „Reagrarisierung“ sinnvoll sei. Er sah einen solchen Weg zurück zur Agrarwirtschaft weder volkswirtschaftlich noch demografisch als richtig an. Den theoretischen Jahren sollten ab 1933 ganz praktische folgen. Der 26-Jährige übernahm das Rittergut Behnitz und setzte dabei auf moderne, effektive Landwirtschaft, auf Qualität der Produkte und das Kräftespiel des Marktes.

1934 heiratete er Barbara von Müffling, die als eine ihrer ersten Maßnahmen durchsetzte, dass ihr Mann in Groß Behnitz nicht mehr als „Herr Ernst“, sondern als „Herr Doktor“ angesprochen wird. Der vertraute Umgang mit den Leuten im Dorf schien ihr unangemessen, sie wurde von Zeitzeugen als „unnahbar“ beschrieben, aber auch als Frau der Tat, so hat sie einen modernen, gut ausgestatteten Kindergarten im Dorf eingerichtet.

Ernst von Borsig wandelte den Betrieb zu einem Mustergut, während des Krieges wurde es als kriegswichtig eingestuft, der Gutsherr wird nicht eingezogen. Neben Schnittern aus den Masuren kommen bald auch französische, englische und russische Kriegsgefangene, schließlich Frauen aus dem Frauengefängnis Berlin.

Kreisauer Kreis

Der Kreisauer Kreis war eine Widerstandsgruppe, die sich ab 1940 mit Plänen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem angenommenen Zusammenbruch der Hitler-Diktatur befasste. Die Gestapo nannte die Widerstandsgruppe nach Moltkes Gut Kreisau in Schlesien „Kreisauer Kreis“.

Bei den Treffen in Groß Behnitz zwischen 1941 und 1944 wurde vor allem über die landwirtschaftliche Neuordnung Deutschlands beraten.

Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg waren die Führungskräfte der Gruppe. Nach der Verhaftung Moltkes Anfang 1944 löste sich der Kreis auf, einige Kreisauer schlossen sich der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an. Nach dessen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde die Arbeit des Kreises durch die Gestapo aufgedeckt.

Nach dem Scheitern des Attentats zahlten unter anderem Yorck, Trott, Leber, Moltke und Delp dafür mit ihrem Leben.

Die politischen Veränderungen beschäftigten den jungen Mann sehr. Bereits 1934 war sein Bruder Arnold vor der Gestapo ins Ausland geflohen.

Es ist eine Stärke des Buches, dass der Autor keinen Glorienschein über seine Familie legt, wo keiner wäre. Er spart auch schwierige Kapitel nicht aus, etwa wenn es Dorfgespräch ist, dass sich Margarethe von Borsig mit dem Chauffeur Kunckel den kurzen Weg vom Logierhaus zum gegenüberliegenden Friedhof fahren lässt, oder wenn in einem Schreiben dem Vater von Ernst von Borsig frühe Kontakte zur NSdAP bescheinigt werden, oder wenn eine Abteilung der IG Farben im Schloss von Groß Behnitz einzieht.

Wie ein Politkrimi liest sich das Kapitel über den „Kirchenkampf in Behnitz“. Als Patron der Kirche hat Ernst von Borsig aus fast 50 Bewerbern Pfarrer Kurt Fritsche ausgewählt. Das war ein Mann der Bekennenden Kirche, das regte Widerstand im Dorf. Zwar wollten ihn die meisten Einwohner, aber nazitreue Männer setzten sich zur Wehr: Kirchenältester, Bürgermeister und Lehrer kämpften gegen den ausgesuchten Mann, wollten den Posten durch einen Pastor der Deutschen Christen besetzen. Schließlich sprach von Borsig ein Machtwort, Fritsche wurde 1938 eingesetzt.

Einen größeren Teil nehmen Borsigs Kontakte zu Gleichgesinnten ein, wenn es um die landwirtschaftliche Neuordnung Deutschlands geht. Über Studienfreunde kam er mit Mitgliedern des Kreisauer Kreises zusammen, die vor allem adligen Herren trafen sich mehrmals in Groß Behnitz. Bekannte Namen tauchten auf: Peter Yorck von Wartenburg, Helmuth James von Moltke, Adam von Trott zu Solz, Ulrich Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. Ernst von Borsig überstand die Säuberungen nach dem Hitlerattentat, er starb im September 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Ernst-Friedrich Harmsen: „Ernst von Borsig“ 208 Seiten, 38 Abbildungen, Verlag für Berlin-Brandenburg, 24,99 Euro.

 

 

Von Marlies Schnaibel

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