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Das Ende einer Ära

Premnitz Das Ende einer Ära

Die millionenschweren Abrissarbeiten der Viskoseanlagen im Industriepark Premnitz gehen dem Ende entgegen. Damit verschwindet der letzte Betriebskomplex aus der Gründungszeit des Premnitzer Werkes.

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Schießbaumwollefabrik mit Kraftwerk im Jahr 1918.

Quelle: Archiv CFW

Premnitz. Die Abrissarbeiten der Viskoseanlagen im Industriepark Premnitz gehen dem Ende entgegen. Damit verschwindet der letzte Betriebskomplex aus der Gründungszeit des Premnitzer Werkes.

Diese Betriebsanlagen wurden durch die Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken ab 1916 als Schießbaumwollefabrik gebaut, um die erforderliche Menge an „Schießwolle“ für die ab 1915 errichtete Pulverfabrik vor Ort herzustellen. Diese Baumaßnahme in direkter Nachbarschaft zur Pulverfabrik wurde notwendig, weil im Rahmen des „Hindenburg-Programms“ die Kapazität der Premnitzer Pulverfabrik auf das Zehnfache gesteigert werden sollte.

Die Schießbaumwolle, eine hochnitrierte Zellulose, wurde nicht aus Baumwolle, sondern aus Nadelholzzellstoff in Form von kreppartigem Seidenpapier hergestellt. Zur Umsetzung wurde Nitriersäure, eine Mischung von konzentrierter Salpetersäure und konzentrierter Schwefelsäure eingesetzt. Mit einem Wassergehalt von 30 Prozent war die Schießbaumwolle nicht brennbar und nicht explosiv. Die Aufarbeitung zu hochbrisantem Schießpulver erfolgte in der Pulver- fabrik. Die höchste Produktionsmenge wurde im Juni 1917 mit 43 Tonnen Schießbaumwolle pro Tag erreicht.

Im Hauptgebäude, als Gebäude 405 bekannt, befanden sich die Nitrieranlage, Holländerhalle und Mischbühne. In Nebengebäuden waren Filtrationen und Anlagen zur Aufarbeitung und Lagerung der Nitriersäure, Ventilatoren zur Absaugung von Dämpfen, Zellstofflager und Betriebswerkstätten untergebracht. Das benachbarte Kraftwerk diente damals ausschließlich der Herstellung des benötigten Dampfes.

Als am 12. November 1918 auf dem Schießwolle-Gebäude die rote Fahne gehisst wurde, war der schreckliche Weltkrieg zu Ende und damit auch die Schießpulverproduktion in Premnitz.

Es war ein Glücksfall für Premnitz, dass sich Köln-Rottweil bereits 1918 mit Plänen zur Produktion von Zellwolle und Zellulose-Kunstseide beschäftigte. Im März 1919 wurde eine Versuchsanlage für Stapelfaser in Betrieb genommen. Die Gebäude der Schießbaumwollefabrik blieben vom Abriss verschont, da hier die Anlagen zur Produktion von Zellwolle und Kunstseide installiert wurden.

Foto von den Abrissarbeiten, aufgenommen im April des vergangenen Jahres

Foto von den Abrissarbeiten, aufgenommen im April des vergangenen Jahres. Mittlerweile ist von den Gebäuden nichts mehr zu sehen.

Quelle: Bernd Geske

Bereits 1920 nahm eine Anlage für „Vistra“ – der ersten Zellwolle der Welt – mit zwei Tonnen Tagesproduktion die Arbeit auf. Ausgangsstoff für die Zellwolle und die Kunstseide war wieder Zellulose, die im hier angewendeten Viskose-verfahren in Form von Zellstoffplatten eingesetzt wurde. Die Nebengebäude wurden den Anforderungen der Faserstoffproduktion angepasst, etwa zur Aufarbeitung der Natronlauge und des Spinnbades.

Nachdem im November 1928 eine „Travis“-Neuanlage (Gebäude 022) in Betrieb ging, wurde die bisherige Kunstseidenanlage im Gebäude 405 Mitte 1919 stillgelegt und Platz für die Erweiterung der „Vistra“-Anlage geschaffen. Bis 1945 wurde eine Tagesproduktion von 42 Tonnen Zellwolle erreicht.

Leider muss auch an ein verheerendes Unglück erinnert werden. Am 7. Dezember 1932, gegen 9 Uhr, ereignete sich in der Ostecke des Gebäudes 405 eine außerordentlich starke Explosion. Es wurden 13 Personen getötet und weitere acht schwer verletzt. Gebäudetrakt und Betriebsanlagen wurden erheblich beschädigt. Die Ursache der Explosion konnte nicht aufgeklärt werden.

1945/46 wurden die Anlagen des Vistra-Betriebes gemäß der alliierten Reparationspläne demontiert. 1950 bis 1954 wurde im Gebäude 405 die neue Kunstseidenanlage „Prezenta“ aufgebaut und schrittweise in Betrieb genommen. Das neue Verfahren nach dem Viskoseverfahren brachte für die damalige Zeit einen erheblichen technischen Fortschritt. Auf der neuen halbkontinuierlichen Zentrifugen (HKZ)- Spinnmaschine konnten mehrere Arbeitgänge ausgeführt werden, für die bisher arbeitskräfteintensive Abteilungen notwendig waren. Weitere Nebengebäude zur Nachbehandlung der Seide und zur Endfertigung auf Spulen (Konerei) wurden neu errichtet bzw. ausgebaut.

Trotz Übernahme der Kunstseidenanlage durch mehrere Investoren und umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen wurde die Produktion Ende 2002 eingestellt. Eine 84 Tage andauernde Betriebsbesetzung mit der Forderung, den nun als „Prefil“ bekannten Kunstseidenbetrieb zu erhalten, bleiberfolglos.

Über acht Jahrzehnte Produktion von Zellulose-Regeneratfaserstoffen waren damit Geschichte. Nun sind alle Gebäude des historischen Betriebskomplexes abgerissen und das freie Areal wartet auf neue tatkräftige Investoren.

Von Jürgen Mai

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