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Das Geld entschädigt nicht für alles

Hartmut Stawska aus Schönwalde war im DDR-Kinderheim Das Geld entschädigt nicht für alles

Den 10. April 1969 wird Hartmut Stawska nie vergessen. Das Datum hat sich fest in das Gedächtnis des Schönwalders eingebrannt. An diesem Tag wurde seine Mutter von der DDR-Staatssicherheit verhaftet und in ein Arbeitslager gebracht, er selbst kam in ein Kinderheim in Brandenburg an der Havel. Als beide nach zwei Jahren wieder nach Hause durften, war ihr Leben nicht mehr wie vorher.

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Hartmut Stawska in seinem Garten. Mittlerweile bekommt er eine Entschädigung für das, was ihm im Heim widerfahren ist.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Schönwalde-Glien. Den 10. April 1969 wird Hartmut Stawska niemals vergessen. Das Datum hat sich fest in das Gedächtnis des Schönwalders eingebrannt, auch fast 50 Jahre später ist die Erinnerung noch ganz frisch. An diesem Tag wurde seine Mutter von der DDR-Staatssicherheit verhaftet und in ein Arbeitslager nach Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) gebracht, er selbst kam in ein Heim in Brandenburg an der Havel. Als beide nach zwei Jahren wieder nach Hause durften, war ihr Leben nicht mehr wie vorher.

Stawskas Mutter hatte nichts verbrochen und sie war auch keine Oppositionelle. Ihr Vergehen bestand darin, dass sie Westkontakt hatte, dass die Großeltern einst in der Nähe von Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) ein bisschen Land besessen hatten und dass es sich die Familie zwei Jahre zuvor nicht leisten konnte, für die kommunistischen Kämpfer im Vietnam-Krieg zu spenden. „Da waren wir schon abgestempelt“, sagt Hartmut Stawska. Nach einem Streit mit einer Kollegin im Lokomotivbau-Werk „Hans Beimler“ in Hennigsdorf (Oberhavel) wurde sie fristlos entlassen, fand danach keine Arbeit mehr. „Man hat ihr asoziales Verhalten vorgeworfen“, so Stawska.

Er war 15 Jahre alt, als die Stasi mit 17 Mann zur Verhaftung schritt. Man brachte ihn in ein Brandenburger Kinderheim, gut ausgestattet zwar, aber doch mehr Knast als Kinderstube. Durchboxen, lautete die Devise. „Einige von den Erziehern waren ganz in Ordnung“, erinnert er sich. Eine von ihnen, Frau Taube, habe sich sehr für ihn eingesetzt, weil er ihr leid tat, und sogar Kontakt mit seiner Mutter im Arbeitslager aufgenommen, was streng verboten war. „Eines Tages war sie dann plötzlich verschwunden“, so Stawska.

Als er 1971 aus dem Kinderheim entlassen wurde, machte er die zehnte Klasse zu Ende, fand aber im gesamten Altkreis Nauen keine Ausbildungsstelle. „Das war ein abgekartetes Spiel“, sagt er. Doch der Einfluss der Stasi machte auch an der Kreisgrenze nicht Halt: Auch nach seinem Umzug nach Bernau 1982 hatte Stawskas neuer Arbeitgeber immer wieder Probleme, an Aufträge heranzukommen. Stawska hatte schon damals eine Ahnung, dass es wegen ihm sein könnte; nach der Wende bekam er die Bestätigung. „Schau dir diese Schweinebacken an“, schimpft er noch heute über die Staatssicherheit. Noch schlimmer erging es seiner Mutter. Nach ihrer Heimkehr wurde sie weiter beschattet, man verbot ihr den Kontakt zu einer Frau aus Magdeburg, die sie im Lager kennengelernt hatte. Sie hatte gesundheitliche Probleme, fing an zu rauchen und trank exzessiv Kaffee. „Sie war danach ein vollkommen anderer Mensch“, sagt Stawska. Ihre Rente reichte vorne und hinten nicht. 1997 starb sie in Staaken.

Hartmut Stawska nahm Kontakt mit der Stiftung für politische Häftlinge und politische Hinterbliebene in Bonn auf, um für seine Mutter wenigstens posthum eine finanzielle Entschädigung für ihr Leid zu erstreiten. Doch dafür brauchte es einen Nachweis über ihren Aufenthalt in Quedlinburg. „Das ist ihr Lottogewinn“, meinte der zuständige Sachbearbeiter der Stiftung zu ihm, als das Papier schließlich in den Akten entdeckt wurde.

Bei Stawska selbst war der Fall weniger eindeutig. Zwar leidet auch er an den Spätfolgen seines Heimaufenthalts; immer wieder hat er gesundheitliche Probleme, vor allem die Niere macht ihm zu schaffen. Doch der Schönwalder hatte einen Job und war auch sonst ganz gut in die Gesellschaft integriert. Andere in seiner Selbsthilfegruppe für ehemalige Heimkinder hat es viel schlimmer getroffen.

Der 61-Jährige wandte sich an die Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in der DDR in Potsdam, angesiedelt bei der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe. Seit 2012 können sich Betroffene dorthin wenden, wenn sie finanzielle Entschädigung aus dem DDR-Heimkinderfonds bekommen wollen. Ursprünglich hatte die Bundesregierung den Fonds nur mit 40 Millionen Euro ausgestattet, doch weil sich bis Anfang 2015 bereits fast 27 000 Betroffene gemeldet hatten, wurden die finanziellen Mittel mittlerweile auf bis zu 364 Millionen Euro aufgestockt. Die Kosten teilen sich der Bund und die ostdeutschen Bundesländer.

Auch Hartmut Stawska gehört zu den Nutznießern, jeden Monat bekommt er Geld überwiesen – als kleine Entschädigung für das Unrecht, das ihm damals widerfahren ist. „Ich möchte mich bei allen Mitarbeitern der Potsdamer Beratungsstelle für ihr großes Engagement und die gute Betreuung bei der Aufarbeitung meines Falles bedanken“, sagt der Schönwalder. Und fügt noch etwas hinzu, das ihm ganz wichtig ist: „Das Geld macht aber nicht wett, was meine Mutter und ich damals erleben mussten.“

Von Philip Häfner

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