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Das königliche Musterdorf

MAZ-Serie Zu Hause in Paretz Das königliche Musterdorf

In der MAZ-Serie „Zu Hause in ...“ geht es heute um den Ketziner Ortsbereich Paretz. Der hat wesentlich mehr zu bieten, als das Schloss von Königin Luise.

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Wer von Ketzin nach Paretz fährt, kann die Bockwindmühle nicht übersehen.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Paretz. Ein schöneres Kompliment als ein Gast aus Bayern jüngst ausgesprochen hat, kann man Paretz eigentlich nicht machen: „In Paretz müsste man eine Schön-Wohn-Steuer erheben, so idyllisch ist das hier. Die Havel vor der Nase und in 30 Minuten ist man in Berlin.“

Das denkmalgeschützte Dorfensemble mit der Kirche, dem Park, dem Gotischen Haus und natürlich dem Schloss von Königin Luise gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen preußischer Landbaukunst um 1800. Zu verdanken haben das die Paretzer dem Architekten David Gilly.

Doch ob Paretz in seiner heutigen Pracht genauso dastehen würde, wenn sich Ruth Cornelsen mit ihrer Kulturstiftung nicht in dem Dorf engagiert hätte? „Die Stifterin setzte den entscheidenden Druckpunkt für die Restaurierung des Schlosses“, sagt Matthias Marr. Der heutige Schloss-Kastellan und Vorsitzende des Vereins Historisches Paretz weiß wovon er spricht, hat doch auch er seit der Wendezeit die Entwicklung des 400-Seelen-Dorfes, das heute ein Ortsbereich von Ketzin/Havel ist, mitgestaltet. „Frau Cornelsen gab 1,5 Millionen Mark für die Restaurierung der historischen Papiertapenten im Schloss. Aber sie machte das abhängig davon, dass diese auch einen würdigen Platz in einer Ausstellung bekommen.“

Sanierung des Schlosses erfolgte ab 1999

Nach einigem Hin und Her mit der Fachhochschule Potsdam kaufte schließlich 1996/97 das Land Brandenburg das Schloss, das als solches gar nicht mehr zu erkennen war. Viele Um- und Anbauten in der 70er -Jahren, als es die höchste Verwaltungsinstanz für Tierproduktion der DDR, der Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Tierzucht beherbergte, hatten das historische Ensemble verunstaltet. Es sei ein DDR-Flachbau im Einheitsgrau gewesen, sagten die Auswärtigen. Die Sanierung erfolgte 1999 bis 2001. Heute kommen jährlich zwischen 12 000 und 17 000 Besucher ins Schloss, um sich Ausstellungen anzusehen und einen Eindruck vom einst königlichen Sommersitz von Friedrich Wilhelm III. und Luise zu bekommen.

„Aber Paretz ist eben nicht nur das Schloss“, sagt Matthias Marr. Der Verein Historisches Paretz habe sich 1990 gegründet, „um das historische Ortsbild und das gesamte Paretz als Denkmal zu erhalten“. Dazu gehöre allen voran die Dorfkirche, die mittlerweile in einem Top-Zustand sei. „Dabei kann man das Engagement vom leider gerade verstorbenen Wolfgang Keil und seiner Frau Ingeborg gar nicht genug würdigen“, sagt Marr. Die Familie Keil sei ein Glücksfall für Paretz.

Zupfkuchen im „Gotischen Haus“

Am Parkring, der den Schlosspark umschließt, befinden sich neben dem Kindergarten und mehreren Wohnblöcken auch der Friedhof mit der sanierten Kapelle und dem Restaurant „Gotisches Haus“. Dort können die Gäste unter anderem den russischen Zupfkuchen genießen, den schon Königin Luise geliebt haben soll.

Markante Gebäude gibt es an beiden Eingangstoren von Paretz. Aus Uetz kommend sind die restaurierte Schleuse Paretz und die neue Paretz Akademie der Breuninger-Stiftung nicht zu übersehen.

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Der Ketziner Ortsbereich Paretz hat wesentlich mehr zu bieten, als das Schloss von Königin Luise.

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Nach langjährigem Kampf war es der Stadt Ketzin/Havel gelungen, einen Verbindungsweg für Fußgänger und Radler von der Schleuse ins Dorf bauen zu lassen, so dass inzwischen auch die Gäste der Ausflugsschiffe, die Paretz anlegen, sicher zum Schloss gelangen können.

Wer aus Ketzin in den Ortsbereich Paretz fährt, stößt unweigerlich auf die alte Bockwindmühle, die bis 1958 in Betrieb war. Nach dem Verfall baute der heutige Eigentümer Wilfried Schwetzke in 26-jähriger, eigenhändiger Hobbyarbeit, nur von Freunden unterstützt , das Bauwerk wieder auf. Besichtigungen sind nach Anmeldung möglich.

Scheune ist ein Kleinod

„Einen zusätzlichen Schub“, wie es Matthias Marr nennt, habe dem Ort die Stifterin Helga Breuninger gegeben. Auch wenn es besonders in der Anfangszeit ihres Engagements in Paretz einige Unstimmigkeiten und Missverständnisse gab und die Einheimschen den Tatendrang von Helga Breuninger erst einordnen mussten, ist die Akzeptanz inzwischen gegeben: „Wer in Paretz möchte heute noch die Scheune missen“, bringt Matthias Marr es auf den Punkt. Die mit Stiftungsgeld umgebaute und komplett sanierte Scheune in der Werderdammstraße ist aus dem kulturellen Leben des Dorfes nicht mehr wegzudenken.

Genauso wenig wegzudenken sind die Pferde. Etwa 120 Tiere sollen in Paretzer Ställen stehen, sagt Evelin Sens, die auch im Verein Historisches Paretz Mitglied ist. Vom Gefühl her sei Paretz ein Pferdedorf. Mit positiven aber leider auch mit den negativen Seiten. Fehlende Reitwege seien das eine, unachtsame und uneinsichtige Reiter das andere.

Nach dem Aus des VVB Tierzucht und dem Rechenzentrum für Tierzucht der DDR nach der Wende ist Anfang dieses Jahres mit dem Telefonbuchverlag Potsdam der letzte große Betrieb aus Paretz verschwunden. So lebt Paretz im Wesentlichen von und mit Touristen. Zu schlucken haben viele „Ureinwohner“ immer noch daran, dass Paretz kein Ortsteil ist. Dann könnte nämlich auf dem Ortseingangsschild Paretz ganz oben stehen und nicht der Name: Ketzin/Havel.

Von Jens Wegener

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