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Das sagt Distel über sein aktuelles Stück

Berliner Kult-Kabarett Das sagt Distel über sein aktuelles Stück

Das Berliner Kabarett Distel gastiert mit seinem Programm „Einmal Deutschland für alle!“ am 11. Mai im Rathenower Kulturzentrum. Ein Gespräch mit Michael Nitzel, seit 1983 Schauspieler bei der Distel, über das Programm, das Entstehen der Texte, Kritik, Schmähkritik und den Fall Böhmermann/Erdogan.

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Die Distel-Schauspieler Michael Nitzel, Sebastian Wirnitzer und Dagmar Jaeger (von links), die in Rathenow gastieren werden.

Quelle: Jörg Metzner

Rathenow. Die Distel in Berlin zählt zum Besten, was das Kabarett in Deutschland zu bieten hat. Am Mittwoch, 11. Mai, gastiert um 19.30 Uhr das Ensemble mit dem Programm „Einmal Deutschland für alle!“ im Theatersaal des Rathenower Kulturzentrums. Schauspieler Michael Nitzel, seit 1983 bei der Distel, spricht mit der MAZ über das Programm, das Entstehen der Texte, Einarbeiten aktueller Bezüge, Jan Böhmermanns „Schmähkritik“ und ob es für die Distel Grenzen gibt.

MAZ: Sie haben zuerst zwölf Jahre Theater gespielt, sind dann 1983 zur Distel gegangen und dort bis heute geblieben – macht Ihnen Kabarett mehr Spaß als die normale Schauspielerei?

Michael Nitzel: Dass ich zur Distel kam, ist Zufall gewesen. Ich habe seinerzeit an allen möglichen Theatern vorgesprochen, unter anderem bei der Distel und dort wollte man mich haben. Im Laufe der Zeit habe ich dann den Spaß am Kabarett entwickelt, obwohl zu DDR-Zeiten viel hineingeredet worden ist. 1988 ist uns sogar ein Programm nach der Generalprobe verboten worden.

Mit solchen Zwangsmaßnahmen war es nach der Wende ja zu Ende...

Nitzel: Wir konnten zu dieser Zeit auf der Bühne natürlich einiges machen, was das Theater nicht konnte. Wir sind schnell bundesweit bekannt geworden, haben unter anderem in den USA, England, Frankreich und sogar Namibia gespielt. Die Distel ist privatisiert worden. Deshalb haben auch wir Schauspieler eine gewisse Verantwortung übernommen und uns unser Geschäft sehr zu eigen gemacht.

Erstmals seit der Neueröffnung wieder da

Seit der Neueröffnung des Kulturzentrums Rathenow im Jahr 2004 gastiert das Berliner Kabarett Distel erstmals wieder dort.

In den Jahren vor der Schließung des Hauses zum Umbau 1998 hatte die Distel dort mehrmals gespielt.

Das Potsdamer Kabarett Obelisk gastiert gegenwärtig ein- bis zweimal pro Jahr im Kulturzentrum. Die Herkuleskeule aus Dresden war seit 2004 zweimal hier.

Die Distel mit „Einmal Deutschland für alle!“ am Mittwoch, dem 11. Mai, um 19.30 Uhr im Theatersaal.

Karten im Vorverkauf kosten 22 Euro, ermäßigt 18 Euro. Erhöhte Preise an der Abendkasse. Theaterkasse: 03385/ 51 90 51.

Können Sie ein bisschen was über das Programm „Einmal Deutschland für alle!“ verraten, das Sie in Rathenow spielen?

Nitzel: Ausgangspunkt der Geschichte ist ein kleiner Lieferservice mitten in Berlin. Ein deutscher Mikrokosmos, Sammelpunkt menschlicher Begegnungen und Ausdruck des Zeitgeistes. Alles ist unterwegs. Zur nächsten Wahl, zum nächsten Zweitjob, zum nächsten Lebensabschnittsgefährten. Den Lieferservice betreibt ein buntes Team aus einem glühenden Altachtundsechziger, einem smarten Yuppie und einer ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten. So unterschiedlich wie die Drei sind auch ihre Begegnungen, die das Publikum in skurrilen Szenarien erlebt.

Gibt es Höhepunkte, besonders witzige Abschnitte, die Ihnen sehr am Herzen liegen?

Nitzel: Da möchte ich nichts hervorheben. Wir haben viele wunderbare Szenen. Das Programm dauert mit Pause zwei Stunden.

Das Rathenower Kulturzentrum hat die Distel trotz vieler Bemühungen seit seiner Neueröffnung 2004 jetzt erst zum ersten Mal wieder engagieren können. Warum sind Sie so schwer zu kriegen?

Nitzel: Wir haben einen festen Spielplan, spielen mit zwei Truppen gleichzeitig zwei Programme und sind viel unterwegs. Tut mir leid, dass Rathenow so lange warten musste.

Wie entstehen Ihre Texte? Wird das Textbuch am Anfang von den Autoren einmal geschrieben und die Schauspieler müssen dann immer alles gleich aufsagen?

Nitzel: Nein, so ist das nicht. Vor dem Entstehen eines neuen Programms treffen sich die Autoren, Spielleiter, Regisseure und Schauspieler. Dann sprechen wir darüber, wohin es gehen soll. Das Kabarett wird bei uns als ein Stück verfasst. Wir versuchen, eine Geschichte zu spielen. Die Autoren machen dafür ein Textangebot. So etwas geht immer über mehrere Runden. Auch unsere Musiker haben Mitspracherechte.

Und wenn das Textbuch fertig ist, gibt’s keine Änderungen mehr?

Nitzel: Doch natürlich. Wir müssen dafür sorgen, dass die neuen politischen Entwicklungen mit einfließen können. Es gibt immer ein Solo zu Beginn, das sehr häufig aktualisiert wird.

Im Theater sprechen Schauspieler üblicherweise ihre genau vorgegebenen Texte. Ist das bei Ihnen in der Distel auch so?

Nitzel: Nein. Bei uns reden die Schauspieler von Anfang an mit. Du hast eine bestimmte Rolle, bist an ihrer Entwicklung beteiligt und für sie mit verantwortlich. Wir spielen kleine Geschichten, das macht Spaß. Es ist unser Produkt. Wir haben die Pflicht dazu, auf dem neusten Stand zu sein. Bei uns sind die Schauspieler keine Befehlsempfänger.

Gibt es für Ihre Texte eine Grenze, die man bei der Distel nicht überschreiten möchte?

Nitzel: Persönliche Beleidigungen gibt es bei uns nicht. Aber was die politischen Dinge angeht, da gibt es bei uns keine Grenze.

Wenn ich über den allseits diskutierten „Schmähkritik“-Dialog von Herrn Böhmermann über Herrn Erdogan sagen würde, er sei damit zu weit unter die Gürtellinie gegangen und hätte es nicht tun sollen – was würden Sie mir da antworten?

Nitzel: Ich habe das Original gesehen. Dabei ist es gerade der Kunstgriff in dem gespielten Gespräch gewesen, klarzumachen, was nicht geht, weil es eine persönliche Beleidigung ist. Liest man dagegen nur den Text, geht dieser Eindruck verloren.

Finden Sie es also gut und richtig, was Herr Böhmermann gemacht hat?

Nitzel: Es ist nicht so mein Geschmack. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass ich nicht gutheißen kann, wenn aus so einer Kleinigkeit jetzt ein Riesenereignis gemacht wird. Es gibt unglaublich viele Anzeigen gegen Jan Böhmermann. Das zeigt, dass in dieser Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist. Dann ist dieses Strafverfahren auf Antrag von Herrn Erdogan zugelassen worden. Unglaublich, dass man sich so in die Hand eines Despoten begibt.

Haben Sie auch etwas in Ihrem Programm zur Türkei und Herrn Erdogan?

Nitzel: Ja, wir haben etwas drin. Aber nicht so ausufernd, mehr eine Zustandsbeschreibung.

Von Bernd Geske

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