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„Der Bedarf an Pflegeplätzen ist groß“

Havelland „Der Bedarf an Pflegeplätzen ist groß“

Die gebürtige Rathenowerin Christina Höffler arbeitet seit 2008 als Sozialplanerin für den Landkreis Havelland. Über ihre Aufgaben, das Potenzial der Generation 65-Plus, den Fachkräftemangel in der Pflege und mögliche Lösungsansätze sprach sie mit der MAZ.

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Als Sozialplanerin hat Christina Höffler die Zukunft der Havelländer im Blick.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Als Sozialplanerin für das gesamte Havelland hat Christina Höffler die Zukunft der Havelländer im Blick. Was genau ihre Aufgabe ist, wie der Landkreis dem Fachkräftemangel entgegenwirken will und was sich sonst noch ändern muss, um ein Altern in Würde zu ermöglichen, erklärt sie im Interview mit der MAZ.

Was genau sind die Aufgaben einer Sozialplanerin?

Christina Höffler: Im Prinzip geht es um die Analyse der sozialen Infrastruktur im Landkreis. Dabei sind wir für Bereiche wie Altenhilfe und Eingliederungshilfe zuständig. Wir schauen uns das Marktgeschehen an, tauschen uns mit den Trägern und Akteuren aus, erfahren, wo es klemmt. Wir haben auch im Blick wie sich die Bevölkerung entwickelt, um zu wissen, was auf uns zukommt. Dementsprechend entwickeln wir mit den Trägern neue Angebote oder weisen daraufhin, wo Angebote gesetzt werden müsse.

Sie sprechen in der Wir-Form. Wie viele Mitarbeiter sind für die Sozialplanung zuständig?

Ich bin allein, arbeite aber eng mit Kollegen aus den Fachbereichen zusammen. Übrigens, Nicht jeder Landkreis leistet sich eine Sozialplanung. Die meisten installieren gerade wieder Stellen, weil es der demografische Wandel erfordert. Denn anders als im Schul- oder Kita-Bereich wo die Bedarfsplanung Pflicht ist, ist die Pflegebedarfsplanung zumindest im Land Brandenburg bisher keine Pflichtaufgaben.

Sollte sich das angesichts der prognostizierten Entwicklung nicht ändern?

Die Politik ist vielerorts dabei nachzubessern. Aus dem siebenten Altenbericht der Bundesregierung etwa geht hervor, dass die Kommunen Planer brauchen. Diese Empfehlung wird von vielen Fachexperten geteilt. In Brandenburg fehlen hierzu jedoch entsprechende gesetzliche Bestimmungen und finanzielle Mittel. Der Landkreis will die Entwicklung der Daseinsvorsorge nicht dem Zufall überlassen, sondern konzeptionell aufgestellt sein und gezielt steuern.

Haben Sie in ihrer Arbeit nur die ältere Generation im Blick?

Nein, dem Grunde nach geraten alle Wirkungsbereiche des Sozialamtes je nach Handlungsdruck in den Blick. Auch asylpolitisch waren und sind wir gefordert und erstellen im Bedarfsfall Teilanalysen.

Wo liegt derzeit der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Die Erstellung eines neuen Altenhilfeplans nimmt im Augenblick viel Zeit in Anspruch. Dazu kommt der Austausch mit den Fachakteuren. Dies funktioniert für den Bereich der Altenhilfe zum Beispiel sehr gut über die gleichnamige Arbeitsgemeinschaft, die zweimal jährlich tagt – eine gute Plattform für Austausch und Diskussion.

Welche Bedeutung hat für ihre Arbeit die Kreisseniorenwoche und inwiefern arbeiten sie mit dem Seniorenbeirat zusammen?

Wir begrüßen es, dass der Kreisseniorenrat die Veranstaltung plant und unterstützen diese organisatorisch und finanziell. Zudem begleiten wir die Arbeit der Senioren das ganze Jahr über in dem wir Räume oder Technik zur Verfügung stellen, Referenten vermitteln oder auf Förderprogramme hinweisen. Mit ist es wichtig, dass die Senioren die Themen, die sie bewegen auch selbst setzen. Das funktioniert in der Regel sehr gut.

Wie hoch ist der Anteil der Pflegebedürftigen im Havelland?

Der liegt bei 3,6 Prozent. Die differenzierte Betrachtung zeigt jedoch, dass etwa die Hälfte der 85- bis 90-Jährigen und sogar 75 Prozent der über 90-Jährigen einen Pflegebedarf hat. Aktuell sind etwa 6000 Bürger im Landkreis pflegebedürftig. Man geht davon aus, dass diese Zahl 2030 auf 9 000 ansteigt.

Eine Fachkraft aus der Region

Christina Höffler wurde in Rathenow geboren und wuchs in der Region auf.

Sie hat Sport- und Betriebswissenschaft an der Universität Dresden studiert.

Ihren Berufseinstieg absolvierte sie bei der AOK Sachsen in Dresden, wo sie als Trainee in alle Geschäftsbereiche der Kranken- und Pflegekasse Einblick bekam.

Nach zwei Jahren Trainee-Zeit stieg sie in den Verhandlungs- und Vertragspartnerbereich ein, und erstellte unter anderem Wettbewerbsanalysen.

Seit Juli 2008 arbeitet sie als Sozialplanerin für den Landkreis Havelland.

Mit ihrem Mann und drei Töchtern lebt Christina Höffler in Hohennauen.

Gibt es genug Pflegeplätze?

Wir sind dabei die aktuellen Zahlen für den Altenhilfeplan zu berechnen. Man kann auf jeden Fall so viel sagen: Es gibt einen großen Bedarf.

Wo liegen die größten Probleme?

Im Moment haben wir knapp 34 000 Personen, die 65 Jahre und älter sind. Im Jahr 2030 werden es 49 000 sein. Wir werden immer älter. Das ist sehr positiv. Allerdings dürfen wir die Augen nicht davor verschließen, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit der Pflege- und Hilfebedürftigkeit steigt. Multimorbidität, chronische Krankheiten nehmen zu. Auf der anderen Seite steigt der Fachkräftemangel. Verschärfend kommt hinzu, dass das familiäre Unterstützungsnetzwerk wegbricht. Durch die Landflucht nach der Wende sind Familienstrukturen verloren gegangen. Lange Wege zur Arbeit tragen dazu bei, dass Menschen ihre Angehörigen nicht mehr in dem Maße unterstützen können. Es sind also verschiedene Aspekte, die die Situation verschärfen.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Die Richtung, in die es gehen muss, ist bereits vorgezeichnet. Wir haben kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem. Man weiß, man braucht generationsgerechte Lebensbedingungen. Das beginnt beim Wohnumfeld, das barrierearm gestaltet sein muss. Wir brauchen bezahlbaren, altersgerechten Wohnraum. Hinzu kommt die Wohnraumgestaltung. Mit unserer Musterwohnung Selma setzen wir genau hier an.  Wir zeigen, wie das Zuhause ohne große finanzielle Aufwendungen altersgerecht gestaltet werden kann. Zudem sind Hilfe- und Beratungsangebote mit niedrigschwelligem Zugang erforderlich. Alle Einflussbereiche müssen ineinander greifen. Man darf nicht mehr sektoral denken und allein die pflegerische Versorgung in den Blick nehmen. Es braucht einen Pflegemix vor Ort, der lokal gestrickt ist und nur über das Bündeln der Kräfte gelingen wird. Was für Rhinow funktioniert, passt nicht unbedingt in Falkensee. 

Sie erwähnten die Familienstrukturen, die wegbrechen. Wie steuert der Landkreis dagegen?

Das ist schwierig. Es gibt die Möglichkeit alltagsunterstützende Angebote zu setzen. Ein Schlagwort ist niedrigschwellige Betreuungs- und Entlastungsangebote, für die die Pflegekassen Geld zahlen. Dazu gehören Dienstleistungen wie Gartenarbeit und Wohnungsreinigung. Entsprechende Angebote tragen stark zur Entlastung der pflegenden Angehörigen bei. Wichtig sind zudem Angeboten, die den Pflegebedürftigen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Diese müssen wir künftig noch stärker implementieren.

Was tut der Landkreis um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzuwirken?

Das Jobcenter ist in diesem Rahmen sehr engagiert. Hier besteht ein enger Austausch mit den Anbietern der Pflege, um alle möglichen Potenziale auszuschöpfen. Im Rahmen des Demografieprojekts haben wir darüber hinaus ganz konkret einen niedrigschwelligen Einstieg in den Beruf zur Pflegekraft erprobt. Wir bilden ehrenamtliche Alltagshelfer aus, bieten Schulungsserien zu Pflege und Gesundheit an.

Abgesehen von der Gefahr der Pflegebedürftigkeit, sehen Sie auch Potenzial in der Generation 65-Plus?

Natürlich! Sehr viele Seniorenvertreter engagieren sich, bringen sich ein und verfügen über einen wertvollen Erfahrungsschatz. Viele Bürger stehen kurz vor dem Ende ihres Berufslebens und wir hoffen, dass sie sich neben der Erfüllung langer Lebensträume  auch künftig gesellschaftlich einbringen.

Verliert man bei all dem Fokus auf die Senioren nicht die Jugend aus den Augen und schafft sich an dieser Stelle ein neues Problemfeld?

Genau deshalb rede ich nicht gern von altersgerechten Lebensbedingungen, sondern von generationsgerechten Lebensbedingungen. Natürlich muss jeder für seine Interessen eintreten. Ich werbe immer für den Generationendialog, dieser ist besonders wichtig wenn ich die sorgende Gemeinschaft im Blick habe. Die funktioniert nur, wenn ein Miteinander von Jung und Alt gegeben ist.

Von Christin Schmidt

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