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Der Kapitän des Havellandes nimmt Abschied

Neujahrsempfang Kreis Havelland Der Kapitän des Havellandes nimmt Abschied

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist Burkhard Schröder Landrat im Kreis Havelland. In dieser Eigenschaft ist er Freitagabend zum letzten Mal als Gastgeber des Neujahrsempfangs aufgetreten. Im Golfhotel Semlin wollten mehr als 300 Gäste dem SPD-Politiker Lebewohl sagen. Ende März zieht sich Schröder in den Ruhestand zurück.

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Burkhard Schröder bei seiner letzten Neujahrsrede als Landrat im Havelland.
 

Quelle: Tanja M. Marotzke

Semlin.  Es war sein 22. oder 23. Neujahrsempfang, so genau weiß das Burkhard Schröder (SPD) selbst nicht mehr. Fest steht, dass die Feier am Freitagabend im Golfresort Semlin sein letzter Empfang als Landrat gewesen ist. Zum 1. April geht der 65-Jährige vorzeitig in den Ruhestand, er will künftig mehr Zeit für seine Familie haben. 330 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Sport, Kultur und dem sozialen Bereich waren gekommen, um noch einmal mit ihm zu feiern und sich von ihm zu verabschieden – manch einer so überschwänglich, dass es Schröder fast schon ein wenig unangenehm war. „Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagte er. Auch nach seinem Rückzug wird er den Menschen, mit denen er als Landrat zusammengearbeitet hat, freundschaftlich verbunden bleiben. Karl-Reinhold Granzow (Linke), einem langjährigen Mitglied des Kreistags und der Rathenower Stadtverordnetenversammlung, rief er zu: „Wir sehen uns dann auf den Seniorenreisen!“

Viele Gäste hatten Geschenke mitgebracht. Von der Brieselanger SPD bekam Schröder eine Nymphe aus Porzellan und einen Stoff-Teddybär, vom Falkenseer Grünen-Stadtverordneten Günter Chodzinski einen Kalender der Bürgerinitiative Schönes Falkensee (BISF) mit Motiven aus Falkensee und Schönwalde-Glien. Martin Gorholt und Ralf Tebling, die beiden SPD-Kandidaten für die bevorstehenden Wahlen zum neuen Landrat und zum Bürgermeister in Premnitz, überreichten ihm eine hochwertige Angelausrüstung. Vielleicht als stille Aufforderung, im Wahlkampf für sie auf Stimmenfang zu gehen.

Am Eingang bildeten sich zeitweise lange Schlagen, weil jeder noch einmal ein Foto mit Schröder machen wollte. „Das ist ja hier wie auf dem Kreuzfahrtschiff“, kommentierte die Falkenseer Kreistagsabgeordnete Ingrid Junge (SPD).

Das Bild passte, denn Burkhard Schröder war tatsächlich so etwas wie der Kapitän des Havellandes gewesen. Fast 26 Jahre wirkte er als Kreischef, zunächst ab 1990 im damaligen Altkreis Nauen, dann seit Gründung des Landkreises Havelland im Jahr 1994 als dessen Landrat. „Sie haben sich den Landkreis Havelland verdient gemacht“, sagte Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Linke) aus Rathenow, der ebenfalls unter den Gästen weilte. Es sei bekannt, so der stellvertretende Ministerpräsident, dass das Amt einen Menschen prägen könne. „Sie sind ein Beispiel dafür, dass ein Mensch auch ein Amt prägen kann.“ Schröder sei immer mehr gewesen als bloß der Hauptverwaltungsbeamte – ein „politischer und meinungsstarker Landrat.“

Das wurde auch in Schröders Neujahrsrede noch einmal deutlich. Darin ließ der Landrat noch einmal das vergangene Jahr Revue passieren, in dem die Unterbringung der Flüchtlinge das beherrschende Thema gewesen war. „Hilfe für Flüchtlinge und die Sozialarbeit schlechthin hat immer eine wichtige humanitäre, solidarische, selbstlose Seite. Sie hat natürlich aber immer auch eine technische und organisatorische Seite und wirft das Problem real verfügbarer Ressourcen auf“, so Schröder. Die Unterbringung, Betreuung und beginnende Integration von derzeit 1700 Asylbewerbern im Havelland forderten den Landkreis, die Träger der sozialen Wohlfahrt und das Ehrenamt grenzwertig. „Ein weiterer deutlicher Anstieg der Flüchtlingszahlen vor Ort im Jahr 2016 würde uns wohl finanziell, aber auch in jeder Hinsicht operativ überfordern. Gerade deshalb ist zu verlangen, dass staatliche Entlastungen, Verfahrensbeschleunigungen und wirklich angemessene finanzielle Unterstützung bis auf unsere Ebene greifen. Dem ist zurzeit nicht so.“

Unter den Gästen war auch Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Linke, vorn), der  aus Rathenow kommt

Unter den Gästen war auch Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Linke, vorn), der aus Rathenow kommt.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Es freue ihn, so der Landrat, „dass die Diskussion der Bewältigung des Flüchtlingsstroms in Staat und vor Ort sachlicher und realitätsnäher geworden ist.“ Es folge jetzt zunehmend mehr Differenzierung und Nachdenken.

Burkhard Schröder betonte, dass trotz des omnipräsenten Flüchtlingsthemas auch weiter in die Entwicklung des Landkreises investiert werde, in die bestehende technische und soziale Infrastruktur, den Wirtschaftsausbau, Bildung, die Jugend- und Sozialarbeit und in die Kultur. Alle wichtigen kreislichen Sach- und Investitionsförderprogramme würden in 2016 beibehalten. Als ein Beispiel nannte er den „Goldenen Plan Havelland“, eine vornehmlich an Vereine gerichtete Investitionshilfe für Sportstätten. In der Vergangenheit wurden bereits 82 Neubau- und Sanierungsmaßnahmen von Sportvereinen und Gemeinden mit insgesamt mit 2,7 Millionen Euro gefördert. Der Landkreis plant 2016 außerdem weitere Maßnahmen beim Ausbau des Feuerwehrtechnischen Zentrums in Friesack. Bereits Anfang April wird dort die erste überbaute Halle mit Rettungswache und Sanitätszentrum des Katastrophenschutzes in Betrieb genommen.

Splitter vom Empfang

Thomas Fuhl (CDU), Kreistagsabgeordneter aus Falkensee, ergriff spontan das Mikrofon, um Burkhard Schröder (SPD) für dessen langjährige Tätigkeit als Landrat zu danken. „26 Jahre, das ist ja mehr als ein halbes Jahrhundert“, sagte er. Der Saal lachte, Fuhl korrigierte sich. „Ich meinte natürlich mehr als ein Vierteljahrhundert. Also fast ein halbes.“ Schröders Reden seien übrigens in dieser Zeit „mit jedem Jahr besser geworden“, lobte Fuhl.

 Als Burkhard Schröder ans Mikrofon trat, bat er den Techniker, das Licht etwas zu dimmen. „Das ist ja schlimmer als im Theater hier.“ Der Kommentar von Thomas Fuhl: „Das hat ihn doch sonst nicht gestört!“

Für die musikalische Begleitung des Abends sorgten Georg Wasser und Frank Wasser. Sie spielten den „Basin Street Blues“ von Spencer Davis und Vincent Youmanns’ „Tea for two“.

 Zusammen mit seinem Dallgower Amtskollegen Jürgen Hemberger (Freie Wähler) plante Schönwaldes Bürgermeister Bodo Oehme (CDU) seine ganz eigene Gemeindegebietsreform und die Aufteilung Falkensees. „Alles nördlich der Bahnlinie gehört mir, alles südlich davon gehört dir“, sagte er zu Hemberger. „Ich bekomme das Rathaus und du kriegst Selgros.“

Der Neujahrsempfang 2016 war ein Kandidaten-Schaulauf. Wer an Landrat Schröder vorbeidefiliert war, der traf sogleich auf Ralf Tebling (SPD). Der langjährige Büroleiter des Landrates nimmt im April möglicherweise auch seinen Abschied, denn er will Bürgermeister in Premnitz werden. Als Martin Gorholt eintraf und Tebling die Hand gab, begegneten sich zwei Kandidaten. Gorholt möchte gerne Landrat Schröder beerben. Etwas weiter hinten stand der Premnitzer Bürgermeister-Kandidat Kai Berger (AfD). Sein Parteifreund Kai Gersch wird sich wahrscheinlich um den Landratsposten bewerben. Ebenso wie Roger Lewandowski, der es für die CDU versucht.

Ein sinnreiches Geschenk hatten übrigens Martin Gorholt und Ralf Tebling für den Landrat dabei. Eine Angelausrüstung. Mit seinem Enkel will Schröder demnächst auf Angeltour gehen. Ob ihm der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion, Rocco Buchta, die besten Fischgründe verrät?

Die Küche des Land- und Golfhotel Semlin hatte wieder aufgefahren und erntete dafür von den Gästen viel Lob. Ob Wild, Schwein, Klöße und Gemüse oder raffinierte Vor- und Nachspeisen. Die Vorschusslorbeeren, die Landrat Schröder bei seiner Rede für Essen und Organisation Seiten des Hotels verteilte, waren berechtigt.

Die havelländischen Partnerschaften mit Rendsburg-Eckernförde, Siegen-Wittgenstein und Spandau werden Jahr für Jahr weiter gefestigt. Für die Siegener (Nordrhein-Westfalen war die Teilnahme Ehrensache, und sie bereicherten mit ihrem Humor den Empfang. Ein gern gesehener Dauergast ist aber auch der Rendsburger Kreistagspräsident Lutz Clefsen.
Immer wieder hübsch anzusehen: Havelländer Ernteköniginnen. Es waren aber auch schon mal mehr da, bemerkte ein Gast.

Und am Schluss die spannende Frage: Wer empfängt die Gäste 2017? Darüber wurde viel orakelt. Bei dem großen Kandidatenandrang sind Vorhersagen schwer. Philip Häfner, Joachim Wilisch

Wie kaum ein anderer Landkreis in Brandenburg habe der Landkreis Havelland von Anfang in wichtigen Bereichen der Daseinsvorsorge für den Bürger selbst politische und wirtschaftliche Verantwortung übernommen, so Schröder. Heute habe der Kreis neben der Beteiligung am Sparkassenzweckverband und der 2011 errichteten Kulturstiftung Havelland 14 Kreisbetriebe und Beteiligungen mit Tochter- und Enkelunternehmen. „Auf die Leistungen unserer Unternehmen können wir in Gänze stolz sein“, sagte er.

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Beim Neujahrsempfang des Kreises Havelland hat Burkhard Schröder am Freitagabend im Golfhotel Semlin mehr als 300 Gäste begrüßt. Ende März zieht sich der SPD-Politiker nach mehr als 25 Jahren im Amt in den Ruhestand zurück.

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In diesem Jahr startet der Landkreis zwei weitere Großprojekte: die Übernahme der Altenpflegeschule Selbelang durch eine Tochtergesellschaft der Havelland Kliniken sowie den Ausbau des alten Rangierbahnhofs in Wustermark zu einem Bahntechnologie-Campus. Mit mit über sechs Millionen Euro an Eigenmitteln ist es eines der größten Investitionsprojekte in der Geschichte des Kreises. Burkhard Schröder wird die weitere Entwicklung bald nur noch aus der Ferne beobachten. Zwar bleibe er dem Landkreis mit der einen oder anderen Tätigkeit noch verbunden, aber jenseits der Tagespolitik: „Ich werde ganz sicher nicht aus dem Kreistag heraus auf das Treiben der Verwaltung gucken und sagen, zu meiner Zeit sei alles besser gewesen.“

Von Philip Häfner

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