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Der Massenmörder vom Falkenhagener See
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Vor 120 Jahren wurde Friedrich Schumann in Spandau geboren, doch es wäre besser gewesen, er wäre nie zur Welt gekommen Der Massenmörder vom Falkenhagener See

Seinen ersten Mord beging Friedrich Schumann (1893-1921) als halbes Kind. Das Opfer: Seine 15-jährige Cousine Hertha Balzuweit. Doch dass es Mord war, blieb bis zur Nacht vor seiner Hinrichtung sein Geheimnis.

SPANDAU/FALKENSEE. .

Der Polizei und auch dem Gericht hatte er seinerzeit glauben gemacht, dass es sich damals um einen Unfall gehandelt habe. Für ein Reh hätte er sie gehalten, da habe er mit seinem Tesching – die Waffe hatte ihm seine Mutter zum 16. Geburtstag geschenkt – das Tier zur Strecke bringen wollen. Er war bei einer Familienfeier mit Hertha zum Spielen in den Wald geschickt worden. In seinen geliebten Spandauer Forst, wo er jede Vogelstimme kannte, jede Kreatur ihm vertraut war.

Er schoss, weil ihm die bezopfte Hertha zu laut war mit ihrem fröhlichen Geplapper. „Das macht man doch nicht“, soll er später seinem Pflichtverteidiger Erich Frey gegenüber entrüstet geäußert haben. Das war am 27. August 1921. Am Morgen danach fiel im Strafgefängnis Plötzensee Schumanns Kopf unter dem Beil des Scharfrichters Carl Gröpeler. Der Hingerichtete war nur 28 Jahre alt geworden.

Lange hatte er in Falkenhagen und rings um den See die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Auf sein Konto kamen 25 Morde, elf versuchte Morde, unzählige Notzuchtverbrechen und schwere Diebstähle. Friedrich Schumann, vor seiner Inhaftierung wohnhaft in Spandau, Staakener Straße 6, ging als „der Massenmörder vom Falkenhagener See“ in die Kriminalgeschichte ein.

Seine Geburt vom 1. Februar 1893 stand unter keinem guten Stern. Der Vater war ein Trinker und Kleinkrimineller, der als leicht debil beschrieben wird, die Mutter als gutmütig, aber einfältig. Der Junge indes litt bisweilen an Wutkrämpfen. Nach dem dramatischen Vorfall mit der Cousine kam er in Fürsorgeerziehung. Danach absolvierte er eine Schlosserlehre.

1911 wurde auf der Spandauer Chaussee eine Frau erschossen. Der Täter: Friedrich Schumann. Er wanderte für neun Monate ins Gefängnis. Spätere Ermittlungen ergaben, dass er die Frau um eine größere Geldsumme beraubt hatte. Raubmord also. Die Strafe erwies sich im Nachhinein geradezu als lächerlich.

Dann kam der Krieg, Schumann bekam nun Karabiner und Maschinengewehr in die Hand und durfte straflos töten. Als er unversehrt als Träger des Eisernen Kreuzes heimkehrte, arbeitete er fortan im Reichsbahnausbesserungswerk, heiratete ein sanftes blondes Mädchen und nutzte jede freie Stunde für seine Leidenschaft, die Streifzüge durch den Forst und die Wilderei. Was seine Zwiesprache mit der Natur störte, brachte er um.

Im September 1916 versuchte Schumann, den Hegemeister Köpke in Damsbrück zu erschießen. Acht Schüsse hatte er auf ihn abgefeuert, doch der Mann blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Nicht so Nachtwächter Engel von Falkenhagen. Er starb im Mai 1917 just in dem Augenblick, da er des Nachts den umherstreunenden Schumann anhielt und nach seinem Woher und Wohin fragte. Der feuerte wütend drauflos: Exitus.

Die Liste von Schumanns Untaten ist lang. So schoss er am 4. Juli 1917 auf die Gendarmeriemeister Geiseler und Lemm aus Falkenhagen. Die beiden Polizeibeamten hatten gerade ein Protokoll über eines seiner früheren Verbrechen aufnehmen wollen. Oftmals hockte der Wilderer mit seinem Feldstecher im Unterholz, beobachtete Liebespaare, die sich zum Zelten am See niederließen und schlich sich, behend und lautlos wie eine Wildkatze, an das Liebesnest heran. Mit den Männern fackelte er nicht lange, er schoss sie nieder. Die Frauen vergewaltigte er, bevor er auch ihnen eine Kugel in Kopf oder Herz jagte.

Einmal überfiel er eine Frau, die sich heftig gegen seinen brutalen Übergriff zur Wehr setzte, so dass er den Sexualakt nicht zu vollziehen vermochte. Das brachte ihn derart in Rage, dass er die Frau zum Ufer zerrte und ihren Kopf so lange unter Wasser presste, bis sie die Besinnung verlor.

Der Schlosser mit den eiskalten, starren Augen attackierte wahllos Förster, Dienstmädchen, Wandervögel, Jagdgesellschaften, Lokomotivführer, Anwohner. Er brachte einen Lehrer um, der dazwischengegangen war, als Schumann am Falkenhagener See wieder einmal eine Frau vergewaltigen wollte.

Doch letztendlich kam dem Massenmörder vom Falkenhagener See keiner wirklich auf die Schliche. Bis zu jener Begegnung im Falkenhagener Wald mit dem 52-jährigen Forstaufseher Wilhelm Nielbock aus Spandau. Man schrieb den 18. August 1919. Gegen 20 Uhr traf Nielbock in der Nähe des Schießstandes auf den jungen Mann. „Wo wollen Sie denn hin?“, fragte der Forstaufseher. „Nach Hause“, entgegnete Schumann. „Das geht aber dort lang!“, der Forstmann wies in Richtung Siedlung. Als sich sein Gegenüber davon nicht beeindrucken ließ und weiter in den Wald hineinschritt, versuchte ihn Nielbock zurückzuhalten. Schumann zückte seine Parabellumpistole, schoss dem Mann zweimal in die Brust und floh. Trotz seiner Verwundung gelang es Nielbock, seine Schrotflinte auf den Flüchtenden abzufeuern, den er dabei verwundete. Mit letzter Kraftanstrengung schob Nielbock sein Fahrrad bis zur etwa 200 Meter weit entfernten Roten Villa an der Schönwalder Straße, wo er zu Boden sank. Die Bewohner hielten ihn zunächst für einen Betrunkenen, bevor sie die wahre Tragik erfassten. Nielbock konnte den Täter beschreiben: Schlank, mittelgroß, blond, in feldgrauer Kleidung, Schrot in der Schulter.

Als Nielbock noch in der gleichen Nacht im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, waren Kriminalpolizei und Ärzteschaft bereits informiert. Und tatsächlich: Zwei Tage nach dem Schusswechsel, am 20. August, tauchte Schumann in der Arztpraxis von Georg Tepling in Spandau auf, um seine Wunden behandeln zu lassen, wo ihn zwei Kriminalbeamte – herbeigerufen von der Arztgattin – festnahmen. Der Mörder leistete keine Gegenwehr.

Zur Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts III in Moabit herrschte ein unvorstellbarer Andrang. Vor den zwölf Geschworenen lagen zwei Lederkoffer mit Schmuck und Kleidungsstücken der Ermordeten, daneben Schumanns Feldstecher und seine Parabellumpistole. „Dann marschierten die Zeugen auf. Eine Prozession von unendlichem Leid“, schrieb Schumanns Pflichtverteidiger Erich Frey in seinen Erinnerungen. Der alte Nielbock, Vater des erschossenen Försters, hätte um ein Haar im Gerichtssaal den Mörder seines Sohnes hingerichtet, wäre ihm nicht Freys Ehefrau in den Arm gefallen.

Die Strategie des Verteidigers, den Massenmörder für unzurechnungsfähig zu erklären, scheiterte. Am achten Verhandlungstag sprachen die Geschworenen ihr Urteil: Schuldig! Friedrich Schumann wurde für sechs Morde sechsmal zum Tode verurteilt, außerdem zu lebenslanger Freiheitsstrafe für elf versuchte Morde, für vielfache Notzucht und Diebstahl.

13 Monate sollte er im Strafgefängnis Plötzensee noch auf die Vollstreckung warten, die er flehentlich herbeiwünschte. „Es war wie eine Sehnsucht nach Wissen“, beschrieb Frey seine letzten Begegnungen mit seinem unheimlichen Mandanten. „Wollte Schumann am eigenen Leibe erfahren, was er seinen Opfern zugefügt hatte?“ Am Abend vor der Hinrichtung gestand der Todeskandidat dem Anwalt: „Ich habe nicht sechs, auch nicht elf, ich habe 25 umgebracht.“ Ruhig und gefasst ging er am 27. August 1921 um 6 Uhr in der Frühe zur Richtstätte. (Von Hiltrud Müller)

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