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Der Trommler aus dem Bahnhofstunnel

Rathenow (Havelland) Der Trommler aus dem Bahnhofstunnel

Jacob Davies stammt aus Südengland. Der Zufall brachte den Lebenskünstler nach Rathenow. Seit einigen Wochen sitzt der 22-Jährige mit einer Art Steel Drum im Fußgängertunnel am Bahnhof und trommelt sich in die Herzen der Rathenower.

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Jacob Davies, alias Amazonian Reef, an seinem bevorzugten Arbeitsort: im Rathenower Bahnhofstunnel.

Quelle: Kniebeler, Markus

Rathenow. Der Fußgängertunnel am Rathenower Bahnhof ist alles andere als ein gemütlicher Ort – kaltes Neonlicht, kalte Fliesen, kalte Zugluft. In den letzten Tagen allerdings wurde der Tunnel mit Wärme geflutet. Akustischer Wärme. Die verbreitete ein junger Mann mit einer Hang-Drum auf dem Schoß. Mit den Händen entlockte Jacob Davies, so der Name des Musikanten, dem Instrument derart betörende Klänge, dass die Menschen schon vor dem Tunneleingang stehen blieben, den Kopf schief legten und lauschten.

Liebeskummer trieb ihn weit weg

Wie es kam, dass Jacob, der aus der südenglischen Stadt Totness stammt, in Rathenow strandete, das ist ein lange Geschichte. Man kann sie aber auch in einem Wort zusammenfassen: Liebeskummer. Den ganzen weiten Weg von England nach Berlin hatte der 22-Jährige vor vier Wochen auf sich genommen, um einer Verflossenen zu folgen – in der Hoffnung auf einen Neuanfang. Daraus wurde nichts. Jacob, der sich den Künstlernamen Amazonian Reef zugelegt hat, stand also in der Hauptstadt. Enttäuscht, verletzt und von dem ganzen hippen Berliner Gewusel um ihn herum mächtig genervt. Im Internet suchte er nach einem ruhigen Ort im Umland. Er gab Begriffe ein wie Yoga und Meditation und stieß auf ein Haus in Rathenow, in dem junge Leute aus aller Welt sich treffen, um Reiseerfahrungen auszutauschen und Energie zu tanken. Kurzerhand setzte sich Jacob in den Zug und lebt seitdem in besagter Gemeinschaft – ohne je zuvor die geringste Ahnung von Rathenow und dem Ort, an dem er jetzt lebt, gehabt zu haben.

Abenteuer der Normalzustand

Das mag einem havelländischen Familienvater alles ziemlich abenteuerlich vorkommen. Ist es ja auch. Aber für Jacob Davies ist das Abenteuer der Normalzustand. In seiner Heimat England war er das, was bei vielen Erwachsenen Angst und Schrecken auslöst: ein schwer erziehbarer Jugendlicher. Mit 15 von der Schule geflogen, früh schon Erfahrungen mit Alkohol und Drogen und immer wieder im Konflikt mit dem Gesetz. Und dann, vor wenigen Jahren die Wende: „Ich hatte es satt, die Rolle des bösen Jungen zu spielen", sagt Jacob heute. Auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn entdeckte er die Spiritualität. Und die Kunst. Seitdem reist er als Straßenmaler durch die Welt, bereichert tristes Fußgängerpflaster mit seinen bunten Kreidezeichnungen und stellt ebenso farbenfrohe Postkarten her.

Kein Bürotyp

Leben kann er davon nicht. Über die Runden kommt er trotzdem. Und das ohne festen Job. Wenn er Geld braucht, jobbt er ein paar Wochen, verkauft Mangosaft an der Algarve, verdingt sich als Küchenhilfe in England, wäscht Autos in Holland. Wenn es ihm reicht, schmeißt er den Job und lebt von dem Erarbeiteten und widmet sich seiner Kunst. Bis das Geld alle ist und der Kreislauf von vorne beginnt. „Ich brauche diese Freiheit, dieses Ungebundensein“, sagt er. Jeden Tag um 8 ins Büro und um 16 Uhr wieder nach Hause – das könne er nicht.

Straßenmaler und Straßenmusiker

Im Juni allerdings hat sich in Jacobs Leben etwas verändert. Da kam die Trommel ins Spiel. In Portugal hatte er einen Straßenmusiker gesehen, der eine Hang-Drum spielte. Und war hin und weg. Vom Moment, als er den ersten Ton gehört hatte, wusste er, dass er so eine Trommel haben musste. Jacob tat, was nicht seine Art ist. Arbeitete zehn Wochen am Stück in einer Küche, sieben Tage die Woche. Bis er das Geld für das seltene Instrument zusammen hatte.

Das Spielen brachte er sich im Nu bei. Und seitdem ist der Straßenmaler auch ein Straßenmusiker. „Das Trommeln macht mich glücklich“, sagt er. Und wenn Menschen stehen bleiben und lauschen, dann freue das ihn um so mehr. Sehr freundlich seien ihm die Rathenower bislang begegnet, sagt er, der im Bahnhofstunnel spielt, weil dort die Akustik so toll ist. Momentan trifft man ihn dort allerdings nicht. Jacob Davies ist für ein paar Tage nach Prag gefahren. Lange Geschichte. Aber wieder eine, die man in einem Wort erzählen kann: Liebeskummer.

Von Markus Kniebeler

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