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„Der Verbraucher diktiert die Strukturen“

MAZ-Interview: Landwirte haben Bedenken „Der Verbraucher diktiert die Strukturen“

Das Volksbegehren gegen Massentierhaltung im Land Brandenburg hat begonnen. Es könnte nun die erste Volksabstimmung für veränderte Regeln in der Tierhaltung geben. Thomas Richter (Damme), Jens Schmücker (Spaatz) und Johannes Funke, Chef des Kreisbauernverbandes, äußern sich im MAZ-Gespräch.

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Von links: Thomas Richter, Johannes Funke und Jens Schmücker.

Quelle: N. Stein

Havelland. Die Landwirte sind nicht grundsätzlich gegen ein Volksbegehren gegen Massentierhaltung. Sie machen aber deutlich, dass das Verbraucherverhalten ganz anders bewertet werden muss. Wir sprachen mit drei Landwirten aus der Region: Thomas Richter (Damme) , Jens Schmücker (Spaatz) und Johannes Funke.

MAZ : Was halten Sie von dem Volksbegehren gegen Massentierhaltung?

Thomas Richter: Generell sind Volksbegehren Teil unserer Demokratie und so ein legitimes Mittel der Meinungsäußerung. Das ist gut so, verlangt aber auch Verantwortungsbewusstsein in alle Richtungen.

Jens Schmücker : Genauso ist es. Deshalb möchte ich alle dazu ermuntern, am Abendbrottisch über die eigene Konsumeinstellung nachzudenken und auch darüber, was jeder persönlich bereit ist, für Fleisch und Wurst zu bezahlen. Über den Preis diktiert der Verbraucher letztlich die landwirtschaftlichen Strukturen, in denen wirtschaftliche Produktion möglich ist. Darüber sollte jeder vor seiner Entscheidung zum Volksbegehren gegen Massentierhaltung nachdenken. Auch darüber, dass zum Beispiel Schweinehalter nur 1,40 Euro je Kilogramm für das geschlachtete Schwein bekommen. Für eine gerechte Entlohnung dürfte der Preis eigentlich nicht unter 1,80 Euro fallen. Dass das Volksbegehren daran etwas verbessert, erwarte ich persönlich nicht.

Schweine in einer Mastanlage

Schweine in einer Mastanlage.

Quelle: dpa-Zentralbild

Hat die Landwirtschaft ein generelles Problem mit dem Volksbegehren?

Johannes Funke : Ich denke schon. Hier sind viele sogenannte Experten engagiert, von denen die wenigsten aktive Tierhalter oder Landwirte, Fischer, Jäger, Reiter oder Imker sind. Das entspricht durchaus dem gesellschaftlichen Spiegelbild: Immer weniger Menschen leben auf dem Land und müssen ihr Einkommen aus einer typisch ländlichen Tätigkeit erzielen.

Wie äußert sich das?

Funke: Schon seit einigen Jahren demonstrieren Tierschutz- und Umweltverbände und leider auch Teile der Kirchen zur Grünen Woche in Berlin unter dem Motto Wir haben es satt. Dort wird die gesamte Agrarwirtschaft mit Forderungen überzogen, die fachlich meist fragwürdig sind und letztlich auch die Ernährungssicherung leichtfertig in Frage stellen. In diesem Jahr hat erstmals eine Gruppe von Landwirten unter dem Motto Wir machen euch satt“zu einer Gegendemonstration aufgerufen.

Die Strukturentwicklung und Betriebsgrößen in der Tierhaltung sind Teil der kontrovers geführten öffentlichen Debatten. Ist das nicht im Sinne ihrer Familienbetriebe mit eigener Direktvermarktung?

Schmücker: Es geht doch nicht um Betriebsgrößen. Entscheidend sind die Voraussetzungen und Bedingungen für jedes einzelne Tier. Mehr Tiere verlangen mehr Platz. Dafür muss gesorgt sein und dafür gelten in Deutschland hohe Standards.

Richter: Und diese Vorgaben werden auch von 99 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe eingehalten. Davon bin ich überzeugt. Eine in der Verantwortung bäuerlicher Unternehmer geführte und in der Region verankerte Tierhaltung gewährleistet nachhaltiges Wirtschaften. Dazu gehört auch der Bau neuer Ställe, um die Standards in der Tierhaltung weiter verbessern zu können und den Bauernfamilien ein tragfähiges Einkommen zu ermöglichen.

Das Volksbegehren gegen Massentierhaltung

Ein Brandenburger Aktionsbündnis will die großen Mastanlagen stoppen und hat am Mittwoch die Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren gestartet. Das Tierwohl hänge nicht von der Zahl der Tiere ab, argumentiert hingegen die Landesregierung. Und die Landwirte sehen sich zu Unrecht kritisiert.

Das Aktionsbündnis Agrarwende hat am Mittwoch das Volksbegehren gegen Massentierhaltung in Brandenburg gestartet. „Wir sind optimistisch, bis Januar nächsten Jahres die erforderlichen 80000 Unterschriften zusammenzubekommen“, sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses, Michael Wimmer, zum Auftakt in Potsdam.

Die insgesamt 40 Organisationen wollen erreichen, dass das Land keine weiteren Großmastanlagen für Schweine und Geflügel mehr fördert. Zudem fordern sie eine strenge Überwachung der Betriebe auf artgerechte Tierhaltung und ein Verbot des Abschneidens von Schwänzen und Schnäbeln der Tiere, das sogenannte Kupieren.

Und wie stehen Sie zu der Forderung, das Kürzen von Schnäbeln bei Hennen und das Abschneiden von Schwänzen bei Ferkeln zu verbieten?

Schmücker: In größeren Schweinemastanlagen kann auf das Kupieren der Schwänze nicht verzichtet werden, schon aus gesundheitlicher Vorsorge für die Tiere. In unserem Familienbetrieb in Spaatz werden den Schweinen die Schwänze nicht abgeschnitten. Allerdings mästen wir auch nur Schweine für die Vermarktung im Hofladen. Zu Schnäbeln kann ich nichts sagen.

Richter: Wir halten keine Sauen und kaufen die Ferkel deshalb zu. Deren Schwänze sind bereits kupiert, womit ich keine Problem habe.

Der Einsatz von Antibiotika ist auch ein heiß diskutiertes Thema. Oder nicht?

Schmücker: Sicherlich. Eine gute Tiergesundheit zählt zu den obersten Zielen der Landwirte. Nur gesunde Tiere fühlen sich wohl und bringen gute Leistungen. Als Berufsstand haben wir ein effektives und praktikables Tiergesundheitsmonitoring etabliert, das sowohl den Einsatz von Antibiotika umfassend dokumentiert als auch die genaue Beurteilungen und Verbesserung der Gesundheitssituation ermöglicht.

Richter : Als Landwirte sind wir uns einer hohen Verantwortung für die Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit bewusst. Die Eindämmung von Antibiotikaresistenzen aber auch eine schnellstmögliche Behandlung erkrankter Tiere stehen dabei im Fokus. Daher muss ein verantwortungsbewusster Einsatz von Antibiotika als Maßnahme des Tierschutzes auch in Zukunft möglich sein.

Benötigt Brandenburg einen mit dem Volksbegehren geforderten Landestierschutzbeauftragten und für die Tierschutzverbände ein Mitwirkungs- und Klagerechte?

Funke: Ich glaube nicht. Die Gesetzesfülle rund um die Tierhaltung ist schon heute enorm groß und auch die Kontrollen sind gerade in Deutschland sehr streng. Beim Verbandsklagerecht würden wir ein echtes Problem bekommen. Der bürokratische Aufwand bei Stallneubauten würde noch größer werden und das Risiko, mit unkalkulierbaren Klagen überzogen zu werden, wäre einfach zu hoch. So mancher Havelländer Landwirt wäre geneigt, einen neuen Stall lieber östlich der Oder zu bauen. Ich würde es aber begrüßen, wenn das Land einen Forschungsbeauftragten für Tierhaltung benennen würden. So könnten wir die Herausforderungen, die wir durchaus haben, schneller und zielgerichteter angehen.

Wie ist ihre persönliche Entscheidung zum Volksbegehren gegen Massentierhaltung?

Funke: Ich werde nicht unterschreiben.

Schmücker: Ich auch nicht.

Richter : Ein klares Nein, ich lehne Volksbegehren aber grundsätzlich nicht ab.

Von Norbert Stein

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