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Die Charakterköpfe der Bettina Steinborn

Sie Lebendigsten adelt sie mit einem Bronzeguss Die Charakterköpfe der Bettina Steinborn

Der bleibt mit aber zu Hause, sage ihr Mann oft. Meist dann, wenn das Kunstwerk ganz besonders ausdrucksstark und allzumenschlich geworden ist. Ihre Figuren in Ton und Bronze hat die Künstlerin nie gezählt, aber die Blicke der kleinen Gestalten scheinen den Besucher in Atelier, Haus und Garten aufmerksam zu verfolgen.

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Bettina Steinborn mit einer ihrer Arbeiten. „Der Fenstergucker und der Zeiger“, so hat ihr Mann die beiden Herren im Gespräch am Fenster getauft. Doch nicht jedes Werk hat einen Namen.

Quelle: Heike Bergt (2)

Oranienburg . Zwei Männer in Betrachtung des Mondes. Der Blick aufs Firmament gerichtet, bekleidet mit langem Mantel und Hut. Worüber sie sinnieren, das bleibt ihr Geheimnis. Daneben zwei stämmige Nachbarsfrauen. Bauch an Bauch unterhalten sie sich an einem Gartenzaun in Lehnitz, „Das musste ich einfach verewigen“, sagt Bettina Steinborn und lacht. 2014 hatte sie die beiden bei einer Radtour zufällig entdeckt und sofort in einer kleinen Skizze zu Hause festgehalten.

Es sind diese ganz besonderen Alltagsmomente, die die Künstlerin wahrnimmt, um sie in Ton zu modellieren und dabei auf das Wesentlichste zu reduzieren. Für Details müsse ihr Mann ab und zu Modell stehen, um genau beurteilen zu können, wie das ist mit der Schulter, wenn man sich aus dem Fenster lehnt oder mit auf dem Rücken verschränkten Händen und der Brille auf der Nase ein Kunstwerk kritisch beäugt.

„Der bleibt mir aber zu Hause“, sagt Wolfgang Oehler nicht selten. Meist dann, wenn das Kunstwerk ganz besonders gelungen ist. Die allerschönsten Figuren werden zudem in Bronze gegossen. „Maximal fünf Abgüsse lassen wir machen.“ Doch das Original bleibt daheim. Ihre Figuren hat die Künstlerin nie gezählt, aber die Blicke der kleinen Gestalten scheinen den Besucher in Atelier, Haus und Garten aufmerksam zu verfolgen.

Bis zur Wende hat Bettina Steinborn als Gesellin an der Töpferscheibe in Berlin gesessen. „Jedes Stück, ob Vase, Becher, Dose oder Teller wurde uns aus den Händen gerissen.“ Doch mit der Wende brach der Markt weg. Bettina Steinborn gab Keramikkurse im Krankenhaus, kehrte so zufällig zurück in ihren ursprünglichen Beruf als Röntgenassistentin. In Teilzeit. Den Hebel immer wieder umzulegen von der Medizintechnik zur Kunst, das fiele ihr manchmal schwer. Andererseits sei dieser Beruf sehr kommunikativ und biete sozusagen die Basis, um Charaktere kennenzulernen. Sie in Ton zu fassen, dazu hatte sie jedoch eine Ausstellung inspiriert. „Seitdem habe ich nie wieder Teller und Tassen getöpfert“, so Bettina Steinborn. Das war vor rund 15 Jahren. Von der Kunst leben könne man allerdings nicht - man braucht ein zweites Standbein. Regelmäßig stellt sie auf Kunstmessen und in Galerien aus. Auch hierbei findet sie neue Anregungen.

Zur Person

Geboren 1958 in Berlin, lebt Bettina Steinborn seit 1984 mit ihrem Mann Wolfgang Oehler in Oranienburg-Süd.

Sie ist von Beruf Röntgenassistentin und arbeitete bis 1982 als solche in Berlin.

Bis 1990 machte sie eine Lehre in der Erwachsenenqualifizierung zum Töpfer und arbeitete als Gesellin in einer Berliner Töpferei.

Seit 1990 ist sie freischaffend in Oranienburg tätig und arbeitet seit 1996 in Teilzeit als Röntgenassistentin in Birkenwerder .

Für ihre Plastik „Tratschende Männer“ bekam sie 2011 den Brandenburgischen Kunstpreis.

Wer ihre Kunst betrachten oder eine Figur erwerben möchte: Sie stellt am Sonntag, 5. Juli, von 10 bis 20 Uhr während der Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke in Berlin aus. Und vom 4. bis 6. September auf Schloss Reinbek bei Hamburg bei „Kunstwerk/Werkkunst“.

Ihre Figuren sind vergleichsweise klein: 20 bis 30 Zentimeter groß. Augen, Ohren, ein Ohr, Gesten – darauf sind ihre Kunstwerke reduziert. Ob sie Schuhe tragen oder nicht, das scheint sich nach unter zu verlieren.

Warum sie mehr Männer als Weiblichkeit formt, das könne sie gar nicht so erklären, räumt sie ein: „Vielleicht ist es leichter mit Männern etwas auszudrücken, sie sind körperlich klarer.“ Der schwerste Moment einer neuen Arbeit stehe am Anfang: Die Körperhaltung muss stimmen, der Winkel der Arme, die Neigung des Kopfes. Sie hat oft zwei bis drei der kleinen „Kerle“ über längere Zeit parallel in Arbeit, manchmal müssten sie ruhen, bevor der Gesamtausdruck gelingt. Ob sie schon mal einen Tonklumpen in die Ecke geworfen hat? „Nein, das kann ich nicht.“ Sie rede mit den Figuren, die ein Eigenleben entwickeln und ihr zwischendurch immer etwas sagen wollen. Mit Nadeln, Hölzchen und anderem Kleingerät gibt sie ihnen Gesicht. „Das Schwierigste sind die Hände“.

Viele Käufer lassen sich gerne mit ihren neu erworbenen „Mitbewohnern“ fotografieren: „Wir freuen uns zu wissen, wo die Familienmitglieder so verstreut sind“, erklärt Wolfgang Oehler. „Der Kritiker“, jener alte Herr und Ausstellungsbesucher, war am schnellsten vergriffen. Auch die Figur „Reden wir also über Kunst“, die einen Herrn mit wissender Miene, geschürzten Lippen und unter dem Kinn gefalteten Händen zeigt. Auch „Gudrun“ hat schon den Besitzer gewechselt.

Bettina Steinborn erinnert sich an die Frage eines schwulen Paares: „Wie heißt Ihmchen denn?“ Sie erklärte, dass es sich bei der Plastik um eine Frau mit Namen Gudrun handle und ihr Mann flachste „ja, und ich hab Modell gestanden“, woraufhin der eine des Paares schmunzelnd sagte: „Na, ein bisschen Gudrun steckt in jedem Mann.“

Die beiden haben die Plastik mitgenommen.

Von Heike Bergt

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