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„Die Geschichte muss erzählt werden“

MAZ-Interview „Die Geschichte muss erzählt werden“

Ralf Pleger stammt aus Nennhausen im Havelland und ist inzwischen ein gefragter Regisseur für Klassik-Dokumentarfilme. Für seinen Film „Die Akte Tschaikowski“ hat er soeben den Echo Klassik bekommen. Am Mittwoch wurde sein neuer Film vorgestellt: „Die Florence Foster Jenkins Story“.

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Ralf Pleger (links) bei der Vergabe des Echo-Klassik mit Thomas Gottschalk.

Quelle: Team Echo Klassik

Havelland. Ralf Pleger stammt aus Nennhausen im Havelland und ist inzwischen ein gefragter Regisseur für Klassik-Dokumentarfilme. Für seinen Film „Die Akte Tschaikowski“ hat er soeben den Echo Klassik bekommen. Am Mittwoch wurde sein neuer Film vorgestellt: „Die Florence Foster Jenkins Story“.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Florence Foster Jenkins Story zu verfilmen?

Ralf Pleger: Die Filmproduzenten Bernhard von Hülsen und Maria Willer kamen mit der Idee zu mir. Offenbar wussten sie: ich bin verrückt genug, so eine Sache in Angriff zu nehmen. Und tatsächlich habe ich nicht lange gezögert, denn eine so skurrile und zugleich berührende Geschichte wie die von Florence Foster Jenkins muss unbedingt erzählt werden.

Haben Sie lange recherchiert, um sich die notwendigen Quellen zu erschließen?

Pleger: Wir haben etwa zwei Jahre lang intensiv recherchiert. Die Recherchen gingen sogar während der Dreharbeiten weiter. Durch Zufall fanden wir einen Zeitzeugen, der die Auftritte von Florence Foster Jenkins Anfang der vierziger Jahre in New York erlebt hat. Und wir trafen eine Nichte der Jenkins. Sie verwaltet das Familienarchiv und machte bisher unbekannte private Briefe für uns zugänglich. Sie geben Einblicke in das pikante Privatleben der Diva. Wir haben diese Quelle sofort im Film verwendet.

Gab es bei diesem Film besondere Herausforderungen für das Team?

Pleger: Bei den Dreharbeiten im Januar in New York sind wir von einem Blizzard überrascht worden. Das hat uns einige Nerven und einen wertvollen Drehtag gekostet. Aber wir haben daraufhin die Schneemassen und die Räumarbeiten zum Teil des Films gemacht, der dadurch eine ganz besondere Stimmung erhält. Der Schnee wird sogar zum Symbol, das den Film durchzieht.

Wie schwierig war es, Joyce DiDonato, eine der besten Sängerinnen der Welt, zu überzeugen, in die Rolle der schlechtesten Sängerin der Welt zu schlüpfen?

Pleger:  Was ich an Joyce so bewundere, ist ihre Wandlungsfähigkeit. Anders als viele Opernstars schaut sie weit über den Tellerrand und ist offen für Experimente. Es war natürlich ein spannender Moment, sie zu fragen: Wir saßen in Barcelona in einem Strandlokal, und nachdem wir gegessen und geplaudert hatten, sagte ich: Hast du Lust, in einem Kinofilm die Rolle der Florence Foster Jenkins zu übernehmen? Es folgte ein eher staunender als schockierter Blick, und bevor sie etwas sagen konnte, erklärte ich meine Grundidee: Florence Foster Jenkins war davon überzeugt, eine begnadete Sängerin zu sein, ein extremer Fall von Selbsttäuschung. Im Film schlüpfen wir in ihren Kopf und stellen uns vor, wie sie sich selbst erlebt hat. Für die Darstellung dieser idealen Traumwelt brauchen wir eine große Gesangsvirtuosin, die zugleich in der Lage sein muss, plötzlich ganz miserabel zu singen, wenn wir vom Traum in die Realität wechseln. Joyce war von dieser Idee sofort angetan. Wir haben uns dann die Aufnahmen von Florence Foster Jenkins angehört und festgestellt, dass sie eigentlich immer nur sehr knapp daneben lag. Und es ist viel schwieriger (und klingt viel schauderhafter), die Töne nur knapp zu verfehlen als einfach nur falsch zu singen. Joyce hat diese Gratwanderung dann am Set toll gemeistert.

Donna Leon ist Co-Produzentin für den Film. Wie kam es dazu?

Pleger: Mit Donna Leon verbindet mich eine lange Freundschaft. Sie ist die erste, die von meinen neuen Projekten erfährt, und ich schätze ihre Ratschläge und Ermutigungen sehr. Von Florence Foster Jenkins war sie schon immer fasziniert. Sie ist außerdem ein großer Fan von Joyce DiDonato und war entzückt, als ich ihr von dieser Besetzungsidee erzählte. Sie bot uns an, Koproduzentin zu werden und dem Projekt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Wie lange hat es gedauert, den Film fertigzustellen?

Pleger: Wir haben im Oktober 2013 begonnen. Vom ersten Manuskript bis zur Fertigstellung des Films sind genau drei Jahre vergangen.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Pleger: Nach drei Jahren intensiver Arbeit fehlt mir natürlich jeder Abstand zu dem Film, aber ich mag seine Opulenz und seine dramatische Form. Er ist ja kein „klassischer“ Dokumentarfilm, sondern eher ein Drama mit dokumentarischen Elementen und fantastischen Musiknummern. Es gibt eine Szene gegen Ende, die bricht sogar mir jedes Mal das Herz. Und das liegt vor allem an der großartigen schauspielerischen Leistung von Joyce DiDonato.

Sie haben schon viele Preise bekommen, wie fühlt es sich an, den Echo-Klassik zu haben?

Pleger: Das fühlt sich ein bisschen unwirklich an, aber sehr gut! Der Echo-Klassik hat ein riesengroßes Renommee, und mich freut ganz besonders, dass mein Film „Die Akte Tschaikowsky“ damit ausgezeichnet wurde: Einer der berühmtesten Musikpreise der Welt für ein filmkünstlerisches Experiment, von dem niemand vorher sagen konnte, ob es gelingen würde, und das sich obendrein einem schwulen Thema widmet. Das finde ich wirklich sensationell.

Wo steht die Trophäe (der Echo-Klassik) jetzt, haben Sie einen Trophäenschrank?

Pleger (lacht): Haha, nein, aber vielleicht sollte ich darüber nachdenken. So lange ich keinen festen Platz für meine Trophäen habe, stelle ich sie je nach Anlass und Stimmung in der Wohnung um.

Zurück zur Foster Jenkins Story – Sie werden den Film vor der Premiere auch in Rathenow vorstellen. Wie ist es dazu gekommen?

Pleger: Bevor der Film am 10. November offiziell in die Kinos kommt, führt unser Vertrieb Salzgeber eine große Premierentour durch. Bei der Organisation der Tour tauchte die Frage auf, an welchen Orten man dem Publikum eine Vorpremiere in Anwesenheit des Regisseurs anbieten könnte. Ich las ich zufällig in der Zeitung, dass das Haveltor-Kino in Rathenow einen Preis für außergewöhnliche Programmgestaltung bekommen hat und dachte mir: Das könnte zusammenpassen. Daraufhin setzte sich Salzgeber mit Rathenow in Verbindung, und offenbar hat es geklappt. Ich finde es natürlich ganz wunderbar, den Film auf diese Weise persönlich in meiner Geburtsstadt vorstellen zu können.

Haben Sie schon ein neues Projekt?

Pleger: Ja, eine weitere Zusammenarbeit mit Joyce DiDonato. Es handelt sich um ein Konzertprojekt mit dem Titel „In War & Peace“, also „In Krieg und Frieden“. Ich inszeniere dieses Konzert als Bühnenshow, es ist also kein Filmprojekt, sondern eine Bühnenarbeit. Joyce singt eine Reihe von Bravuor-Arien, aber es wird auch eine Geschichte erzählt, und es gibt ein stimmungsvolles Lichtdesign. Ich war gerade in New York, wo wir mit den Proben begonnen haben. Premiere ist dann am 17. November in Brüssel. Danach gehen wir mit der Show auf Tour durch Europa und Nordamerika. Es wird ein aufregendes Abenteuer, auf das ich mich sehr freue.

Von Joachim Wilisch

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