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Die tragischen Schicksale der Nazi-Opfer

Stolpersteine erinnern in Nauen Die tragischen Schicksale der Nazi-Opfer

Acht neue Stolpersteine erinnern in Nauen an einstige Mitbewohner, die von den Nazis ermordet oder in den Tod getrieben wurden. Darunter die Laski-Schwestern, die ein gefragtes Fotogeschäft in Nauen führten. 1938 begingen die jüdischen Schwestern Selbstmord. Die tragischen Schicksale der Opfer.

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Die Laskis betrieben ein renommiertes Fotogeschäft in Nauens Dammstraße. Um 1900 ließ sich dieses Paar dort fotografieren, die Laski-Schwestern führten den Laden zum Schluss, sie starben 1939.
 

Quelle: Sammlung Schnaibel

Nauen.  Acht Stolpersteine sind am 27. September in Nauen verlegt worden. Sie erinnern an Mitbürger, die unter dem Naziterror gelitten haben. Während Paul Jerchel und Karl Thon in Nauen recht bekannt sind, ist das Wissen über die anderen Opfer gering. Manfred Schulz von der Vorbereitungsgruppe Stolpersteine Falkensee/Osthavelland hat biografische Daten zusammengetragen.

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Die Schwestern Erna und Lucie Laski sind in Nauen am 25. Februar 1896 bzw. am 5. August 1900 geboren. Hier betrieben ihre Eltern Isidor und Minna Laski ein „Photografisches Atelier“ in der Dammstraße 17. Viele ehrbare Bürger der Stadt ließen sich hier fotografieren. Fotos von ihnen sind überliefert, Abbildungen der Familienmitglieder Laski nicht. Als der Vater Isidor Laski 1931 starb, übernahmen die Schwestern Erna und Lucie das stadtbekannte Fotogeschäft. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wütete die SA auch im Haus der Laski-Schwestern. Es ist überliefert, dass sie in ihrer Not zu den Nachbarn, dem Kohlenhändler Fritz Kühne, flohen und sich dort versteckten. Selbst nach der schlimmen Nach waren die Schwestern nicht bereit alles aufzugeben. Da sie zum christlichen Glauben übergetreten waren, glaubten sie, dass man sie zu Unrecht als nichterwünscht behandelt hatte. Sie begannen um ihre Existenz zu kämpfen und taten ihren Unmut über die antijüdischen Artikel in der Havelländischen Rundschau kund. Aber schließlich gaben sie doch auf. Die Schwestern Erna und Lucie Laski wurden am 18. August 1939 tot in der Badewanne ihrer Wohnung aufgefunden. Offiziell wurde Selbstmord als Todesursache angegeben. Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof Nauen beigesetzt. Es war die letzte Beisetzung auf dieser Begräbnisstätte.

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Frieda Wally Berta Eck, geborene Gottschalk, wurde am 1. April 1886 in Nauen geboren. Sie war eines von vier Kindern des jüdischen Viehhändlers Leopold Gottschalk und Marianne Gottschalk. Frieda Ecks Ehemann Karl Eck fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Frieda und Karl Eck hatten eine Tochter Ruth Jenny Marianne, die am 9. November 1915 in Berlin-Schöneberg zur Welt kam. Frieda Eck war Schneidermeisterin und betrieb in ihrer Wohnung in Nauen, Berliner Straße 7, eine Damenschneiderei. Als Witwe war sie nach den Rassegesetzen der Nazis auf Grund ihrer jüdischen Herkunft trotz des einstigen arischen Ehemanns nicht mehr geschützt und den Verfolgungsmaßnahmen ausgeliefert. Ihre Wohnung wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 von Männern der SA demoliert. 1943 wurde sie in das Frauen-KZ Ravensbrück eingeliefert, wo sie am 2. September 1944 ermordet wurde.

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Elisabeth Löwenheim wurde am 27. September 1861 in Oranienburg geboren. Sie bewohnte in Nauen in der Mittelstraße 2 (während der NS-Zeit Straße der SA) im zweiten Stock eine Zweizimmerwohnung. Als am 9. November 1938 die Krawalle und Zerstörungswut der SA gegen jüdische Bürger zunahmen, versteckte der Nachbar die 77-jährige Frau Löwenheim im Kleiderschrank seiner Wohnung, wo die SA sie nicht fand. Der vierjährige Sohn des Nachbarn hatte dies mitbekommen und wurde von seinem Vater eindringlich ermahnt, niemandem davon zu erzählen. Elisabeth Löwenheim zog 1939 nach Berlin-Schöneberg und wohnte dort in der Goltzstraße 48 zur Untermiete. Es ist nicht bekannt, ob dies schon ein erzwungener Umzug war. Am 11. August 1942 musste Elisabeth Löwenheim ihre Vermögenserklärung ausfüllen, darin ist ihre Kennkarte mit Kennort Nauen Nr. 0600006 angegeben. Im August 1942 wurde sie von der Gestapo aufgefordert, sich im Altenheim der Jüdischen Gemeinde Berlin in der Großen Hamburger Straße einzufinden. Von dort wurde sie nach Theresienstadt deportiert und einen Monat später ins Vernichtungslager Treblinka verbracht. Dort wurde sie am Tag der Ankunft am 26. September 1942 in der Gaskammer ermordet. Ihre spärlichen Vermögenswerte waren bereits fünf Tage zuvor vom Oberfinanzpräsidium Berlin an die Berliner Händlerfirma Karl Gross zum Weiterverkauf übergeben worden.

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Das Ehepaar Ernst und Else Lebram wohnte in Nauen in der Dammstraße 15 (zur NS-Zeit Adolf-Hitler-Straße). Hier hatte der Mann auch seine Praxis. Ernst Lebram wurde am 1. August 1871 in Berlin geboren, er hatte an der Universität Berlin studiert und die zahnärztliche Approbation erhalten. Seine Ehefrau wurde am 8. November 1892 in Stolp/Pommern geboren und hatte ein Lehrerinnenseminar in Kolberg besucht. Das Ehepaar hatte einen Sohn, der nach Argentinien ausgewandert sein soll. Am 9. November 1938 war das Ehepaar persönlichen Angriffen ausgesetzt. In der Wohnung und in der Praxis wurde gewütet, das gesamte zahnärztliche Inventar wurde zerstört, so dass Ernst Lebram arbeitslos wurde. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum das Ehepaar 1939 nach Berlin zog. Im Januar 1939 war zudem das Berufsverbot für jüdische Zahn- und Tierärzte erlassen worden. Ende Februar 1943 erhielt das Ehepaar seinen Deportationsbescheid. Else Lebram wurde mit dem Transport Nr. 31 am 1. März 1943 von Berlin-Moabit in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht, ihr Mann einen Tag später. Wegen des hohen Alters von Ernst Lebram und der starken Erkrankung von Else Lebram muss davon ausgegangen werden, dass beide bereits am Ankunftstag ermordet wurden.

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Karl Thon wurde 1895 geboren. Er war parteilos und im Arbeitersportverein „Hellas“ von Nauen aktiv. Am 31. Juli 1933 besuchte er in Nauen ein Volksfest auf dem Schützenplatz, auf dem Rückweg sah er im „Schweitzerhaus“, dass sich seine Noch-Ehefrau (das Scheidungsverfahren lief) sich mit einem SA-Mann der Standarte 224 Börnicke amüsierte, Thon geriet mit dem Mann in Streit und wurde später auf dem Heimweg verprügelt und ins KZ nach Börnicke abtransportiert. Auf dem Weg dorthin wurde er von den SA-Angehörigen erschlagen. Auf dem Friedhof Nauen hat er heute ein Ehrengrab, ein Platz und eine Straße wurden in den 50er-Jahren nach ihm benannt.

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Paul Jerchel wurde 1902 in Schildberg/Posen geboren, er kam 1914 mit seinen Eltern nach Nauen. 1927 wurde er SPD-Mitglied. Die Familie wohnte am Lietzowplatz. 1943 wurde er wegen antifaschistischer Äußerungen verhaftet und 1944 in der Hauptverhandlung des Volksgerichtshofes Berlin zum Tode verurteilt. Er starb am 9.Oktober 1944 unter dem Fallbeil.

Von Manfred Schulz

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