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„Diese Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen“

Künstlerin Christa Biederbick „Diese Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen“

Christa Biederbick aus Bahnitz ist Mitbegründerin des Polyester-Realsimus. Ihre Werke haben durchaus eine politische Aussage: „Auf Flip-Flops gegen die Dschihadisten“ zeigt eine Figur einer jungen Frau, die einer Bürgerwehr in Somalia angehört. Ihre Badeschlappen mit Blümchen stehen dabei im Kontrast zu ihrem Maschinengewehr.

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Christa Biederbick in ihrer Scheune in Bahnitz.

Quelle: Ch. Schmidt

Bahnitz. Ihren Namen kennen vermutlich nur wenige Havelländer, dabei hätte die Künstlerin Christa Biederbick sehr viel mehr Aufmerksamkeit in ihrer Wahlheimat verdient. Die 75-Jährige ist Mitbegründerin des Polyester-Realsimus, lebt seit Mitte 1990er Jahre in Bahnitz und füllt dort mit ihrem Mann, dem Bildhauer Karlheinz Biederbick ganze Scheunen mit Kunst. Zwei Werke schenkte Christa Biederbick dem Haveldorf Bahnitz, ein Werk an zentraler Stelle im Landkreis fehlt noch.

MAZ: Was hat Sie ins Havelland gebracht?

Christa Biederbick: Wir mussten aus unseren Ateliers in Berlin raus und brauchten etwas Größeres für unsere vielen Arbeiten. Eine Kollegin, die dieses Grundstück kaufen wollte, suchte jemanden, der es mit ihr teilt. So sind wir nach Bahnitz gekommen und heute ist es diese Scheune mein Atelier.

Klopfen manchmal Leute an ihre Tür, die einen Blick in ihre Scheune werfen wollen, um ihre Kunst zu sehen?

Biederbick: Das Wichtige ist eigentlich der Tag des offenen Ateliers. Wenn sonst jemand kommen möchte, meldet er sich an. Das ist natürlich möglich und das kommt auch vor.

Sind die Bahnitzer inzwischen in Sachen Kunstverständnis den anderen Havelländern voraus?

Biederbick: Das weiß ich nicht. Mit der Zeit hat man ja auch Kontakt zu einigen Bahnitzern bekommen und die sind schon interessiert, weil die Sachen ja auch sehr figürlich sind und verständlich. Ein Bahnitzer ist ganz besonders abgefahren auf die Figur da draußen. (Biederbick zeigt auf eine riesige Bronzefigur im Garten, inspiriert von Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“) Da spricht er mich immer wieder drauf an.

Aber Sie geben sie nicht her?

Biederbick: Nein. Es ist ja auch zu riskant, die Figur ist aus Bronze mit Autolack besprüht und sehr schwer. Ich freue mich immer, wenn ich hier sitze und sie sehe. Und ich habe auch ein bisschen Sorge, dass sie verunstaltet wird. Hier steht sie sicher.

Sie stellen nach wie vor aus. Wo waren ihre Arbeiten zuletzt zu sehen?

Biederbick: Es sind meist Ausstellungsbeteiligungen. Zum Beispiel letztes Jahr auf der NordArt in Büdelsdorf. In Burghausen waren Teile der Figurengruppe „Ein Tag am See“ zu sehen, der andere Teil war auf der Biennale in Neuwerder ausgestellt.

Sie sind 75 Jahre alt und scheinen nach wie vor unermüdlich tätig zu sein. Wie viel Zeit verbringen sie noch mit ihrer Arbeit?

Biederbick: So lange nichts dazwischen kommt eigentlich jeden Tag. Natürlich gibt es auch mal Pausen, wenn wir Besuch haben oder wegfahren.

An was arbeiten Sie gerade?

Biederbick: An meiner Enkelin. Als meine Tochter sieben Jahre war, habe ich sie modelliert und nun sagte meine Enkelin: „Du musst mich jetzt aber auch mal so machen.“

Und wie viel Zeit vergeht von der Idee bis zur fertigen Figur?

Biederbick: Sehr viel. Ein halbes Jahr mindestens und dann geht die Abformarbeit los. Es ist ja in Gips modelliert. Danach fertige ich die Kunststoff-Negativform und darein kommt dann das Kunststoff-Positiv.

Das Motiv mit der großen Schultüte hat sich Ihre Enkelin selbst ausgesucht?

Biederbick: Nein, nein, das war schon meine Idee. Sie ist letztes Jahr eingeschult worden und da habe ich sie mit diesem schweren Ranzen und der Riesenschultüte gesehen.

Sind die Figuren, die hier stehen, Ihnen mal begegnet?

Biederbick: Viele sind nach Fotos in Zeitungen entstanden, aber auch nach eigenen Fotos und Zeichnungen. Für die Figurengruppe „Ein Tag am See“ habe ich mit Aquarellen als Vorlage gearbeitet, die ich zuvor am See gemalt hatte. Die letzte Figur „Auf Flip-Flops gegen die Dschihadisten“ ist ebenfalls nach einem Zeitungsfoto entstanden. (Hinter Biederbick steht die Figur einer jungen Frau, die einer Bürgerwehr in Somalia angehört. Die engen Blue Jeans, das schwarze Top und die Badeschlappen mit Blümchen bilden einen grausamen Kontrast zu dem Maschinengewehr, das sie in der Hand hält.)

Es sind hauptsächlich menschliche Figuren die sie erschaffen, was fasziniert sie daran?

Biederbick: Das hat mich von Anfang an stark interessiert, vermutlich weil ich selbst einer bin. Ich denke, dass man viel vom eigenen Gefühl in den Menschen „hineinstecken“ kann.

Vielleicht ist es das , was ihre Figuren so lebendig wirken lässt, egal ob sie aus Holz, Kunststoff oder Terrakotta sind. Für mich liegt die Faszination darin, dass sie unecht und zugleich sehr real wirken. Man hat das Gefühl, sie beobachten einen. Spüren sie auch manchmal die Blicke ihrer Figuren?

Biederbick: Bei mir ist das auch so. (lacht) Wenn ich sie umstelle, erschrecke ich mich manchmal selber.

Bauen Sie eine persönliche Bindung zu ihren eigenen Arbeiten, zu ihren Figuren auf?

Biederbick: Es ist so, dass ich eine sehr starke Bindung zu ihnen habe, wenn ich sie modelliere. Aber wenn sie dann fertig sind, ist es erst mal vergessen und es geht auf die neue Arbeit zu.

In ihren Arbeiten stecken auch sehr viele politische Statements?

Biederbick: Es ist natürlich auch meine Einstellung, die sich in den Arbeiten widerspiegelt. Diese Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen. Es ist mir wichtig, das darzustellen, es den Menschen klar zu machen und etwas dagegen zu sagen.

Geht es ihnen darum, ihren eigenen Standpunkt deutlich zu machen oder glauben Sie, dass Kunst in dieser Hinsicht auch etwas bewegen kann?

Biederbick: Das hoffe ich! Es ist beides. Aber ich glaube auch, es darf nicht zu viel sein. Es zu hart, sich permanent damit auseinanderzusetzen. Deshalb arbeite ich jetzt an meiner Enkelin, um nicht zu vergessen, dass das andere auch noch da ist.

Ihr Mann, der Bildhauer Heinz Biederbick, ist eben so umtriebig wie sie. Ist er ihr schärfster Kritiker?

Biederbick: (Lacht) Nein. Mein war eigentlich immer derjenige, der alles zu positiv sieht. Das hat mich gestört. Er hat mich unheimlich gelobt, das hat mich so gestört, dass ich nicht weiterarbeiten konnte. Deswegen zeige ich ihm die Arbeiten jetzt immer erst sehr spät.

Wer ist dann ihr schärfster Kritik?

Biederbick: Wahrscheinlich bin ich das schon selbst. Ab einem gewissen Punkt frage ich aber auch meinen Mann. Er sagt dann seine Meinung und nicht nur Positives. Ich frage aber auch andere Kollegen und Freunde.

In Berlin und an vielen anderen Orten stehen Werke von Ihnen im öffentlichen Raum. Im Havelland gibt es bisher nur in Bahnitz die Nixe und die Kuhgeschichte. Hätten sie eine Idee für eine Arbeit an zentraler Stelle in der Region?

Biederbick: Ja, ich hätte eine Idee, wo eins stehen müsste - und zwar in Nauen. Da ist ein wunderbarer Platz neu entstanden mit diesem Kreisverkehr und da habe ich gedacht, müsste eine Plastik. Was dort stehen könnte, dazu müsste ich mir die Geschichte der Stadt ein bisschen näher angucken.

Von Christin Schmidt

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