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Dieser Mann weiß, wie Sie Ihren Tod vortäuschen

Autor im MAZ-Interview Dieser Mann weiß, wie Sie Ihren Tod vortäuschen

Erst vor einigen Wochen hat Martin Gresch seinen skurrilen Todes-Ratgeber „Exit-Strategie“ im Selbstverlag veröffentlicht und ist dafür prompt für einen Nachwuchspreis nominiert worden. Im MAZ-Interview erklärt er, warum er einen Ratgeber schreiben wollte und was man davon hat, wenn man seinen Tod vortäuscht.

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Martin Gresch genießt seinen überraschenden Erfolg als Autor.

Quelle: Privat

Havelland. Geboren in Nauen, aufgewachsen im beschaulichen Dörfchen Wachow – Martin Gresch ist ein waschechter Havelländer. Obwohl er inzwischen in Halle (Saale) lebt und arbeitet, hat er nach wie vor einen Wohnsitz in der Heimat. Hier verbringt er so viel Zeit wie möglich. Gerade wurde der 32-Jährige für den „Kindle Storyteller Self Publishing Award 2016“ nominiert, der am 20. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse an herausragende, unabhängige Schreibtalente verliehen wird. Was ihn dazu brachte, Autor zu werden und ein Buch zu schreiben, dass sich mit dem fingierten Tod beschäftigt, verrät er im MAZ-Interview.


MAZ:
„Exit-Strategie: Fünf Wege den eigenen Tod vorzutäuschen.“ Wie sind Sie darauf gekommen, ein solches Buch zu schreiben?

Martin Gresch: Ich habe einen sehr schwarzen Humor und fange erst an zu lachen, wenn bei vielen anderen der Spaß aufhört. Als ich zufällig im Buchladen vor Lebensratgebern von TV-Köchen, Frühstücksfernseh-Moderatoren, Comedians und anderen gescheiterten Existenzen stand, wurde mir klar, was zu tun ist. Warum nicht mal einen Ratgeber schreiben, der im wahrsten Sinne ein neues Leben verspricht.

Das Buch bei Amazon: Exit-Strategie: Fünf Wege, den eigenen Tod vorzutäuschen

Können Sie in wenigen Sätzen zusammenfassen, was den Leser erwartet?

Gresch: Ich beschreibe in meinem Buch fünf teils makabere Methoden, den eigenen Tod so vorzutäuschen, dass danach ein ungestörter Neuanfang möglich wird, ohne klammernde Ex-Frauen, ermittelnde Staatsanwälte, schnüffelnde Gerichtsvollzieher und unschöne Schuldenberge im Nacken. Die enthaltenen Handlungsempfehlungen sind nicht immer gesetzeskonform, aber sehr effektiv. Man darf das Buch lesen, sich aber nicht dabei erwischen lassen, das Geschriebene in die Tat umzusetzen. 

Sie sprechen von klammernden Ex-Frauen und Ihre Beispiele im Buch beziehen sich zumeist auf Männer. Ist das Ihre Hauptzielgruppe?

Gresch: Ich habe mir beim Schreiben nie Gedanken darüber gemacht, welche Zielgruppe ich erreichen möchte, welche Nische meine Arbeit belegen soll, oder wie man eine besonders große Leserschaft erreicht. Wenn dem so wäre, hätte ich wahrscheinlich etwas über einen Zauberlehrling mit Kindheitstrauma geschrieben, oder den tausendsten Krimi mit heruntergekommenem Ermittler. Mir ging es darum, etwas vollkommen Neues zu machen, humorvoll, verstörend, gesellschaftskritisch und immer mit einem Augenzwinkern. Welches Geschlecht sich eher angesprochen fühlt, ist mir als Autor egal.

Der Referent, der nebenbei Autor ist

Martin Gresch wurde 1984 in Nauen geboren. Er wuchs in Wachow auf und legte 2003 sein Abitur in Nauen ab.

Gresch studierte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2011 machte er seinen Abschluss als Diplom-Soziologe.

Nachdem er zwei Jahre als Referent im Havelland tätig war, zog er 2016 nach Halle.

Sein Debüt als Autor entstand in den letzten zwei Jahren.

Gresch ist ledig, hat keine Kinder, keinen Hund und auch keine Katze, wie er sagt.

Haben Frauen seltener einen Grund, ihren Tod vorzutäuschen und wenn ja, warum?

Gresch: Beweggründe dieses Buch zu lesen, oder gar in die Tat umzusetzen, gibt es für Männer, als auch Frauen gleichermaßen zuhauf. Doch ist Ihnen einmal aufgefallen, dass Frauen viel älter werden als Männer. Die Lebenserwartungslücke zwischen den Geschlechtern hat sich mit der Etablierung der modernen Medizin sogar noch vergrößert. Diese Entwicklung ist bemerkenswert. Sterben Männer wirklich früher, oder fingieren sie ihren Tod nur öfter?

Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen? Haben Sie stundenlang Krimis konsumiert oder schlummerten all diese Ideen bereits in Ihnen?

Gresch: Krimis bestehen zu oft aus sich wiederholenden Elementen. Ich finde das nur noch ermüdend. An dieser Stelle schicke ich beste Grüße an den wöchentlichen ARD-Tatort. Für das Buch habe ich nach Schwachstellen im System gesucht. Ich habe mit Apothekern, Ärzten, Feuerwehrmännern, Bestattern, Polizisten und Meldeämtern gesprochen, immer auf der Suche nach nutzbaren Schlupflöchern. Sie glauben gar nicht, wie schnell man in Deutschland fälschlicher Weise für tot erklärt werden kann.

Ein Satz in ihrem Buch lautet: „Sie wachen am Montag um 5.30 Uhr auf und stellen mit dem ersten Gedankenblitz des sich aktivierenden Bewusstseins fest: Ich hasse mein Leben“. Was glauben Sie, wie vielen Menschen geht das so.

Gresch: Ich glaube, jeder Mensch trägt, tief verborgen und unausgesprochen die Überzeugung in sich, anders zu sein, als alle anderen. Irgendwie etwas Besonderes zu sein. Wenn man sich dann darin wiederfindet, bis ins hohe Alter für drei Wochen Urlaub im Jahr und die Wochenenden zu leben, kann das schon etwas in einem anrichten. Ab und an den Wunsch nach einem besseren Leben zu haben, ist nur menschlich. Jeder, der sagt, er sei immer rundum glücklich und zufrieden mit seinem Leben, lügt.

Wie oft haben Sie selbst diesen Gedanken?

Gresch: Nie. Ich bin immer rundum glücklich und zufrieden mit meinem Leben.

Sie unterstellen Ihren Lesern, vor etwas davon zu laufen, Probleme zu haben und schlagen Ihnen als Ausweg vor, den eigenen Tod vorzutäuschen. Gibt es nicht für jedes Problem eine Lösung?

Gresch: Jetzt nähern wir uns dem Kern der Sache an. Es geht nicht darum, vor seinen Problemen wegzulaufen. Jedes der fünf Hauptkapitel stellt den Leser vor eine moralische Entscheidung. „Wie weit bin ich bereit zu gehen, um neu anfangen zu können? Bin ich in der Lage, gegen meine Prinzipien, meine Moral- und Wertvorstellungen zu verstoßen, um dafür mein Leben zu verbessern?“ Im Kern geht es darum sich selbst zu überwinden.

Wie oft haben Sie selbst ans Abhauen und Abtauchen gedacht und was hat Sie bisher davon angehalten?

Gresch: Mit nur 32 Jahren habe ich mein Leben noch nicht genug gegen die Wand gefahren, um jetzt schon ein neues zu brauchen. Aber wenn ich in ein paar Jahren mit Mahnungen im Briefkasten, verbauter Karriere und unglücklicher Ehe überraschend sterbe, sollte das niemanden wundern. Das ist der große Vorteil Autor dieses Buchs zu sein. Wenn ich mal sterbe, wird es mir niemand glauben.

Ihr Buch hat sich in den ersten vier Wochen bereits 4000 Mal verkauft, für einen absoluten Neuling, der ohne Verlag online veröffentlicht, eine beachtliche Leistung. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Gresch: Wir leben in einer Zeit, in der sich Internettrends innerhalb von Stunden um die Welt verbreiten. Es gibt keine unentdeckten Talente mehr, keine verkannten Genies. Mir war klar, wenn das Buch gut wird, wird es seine Leser finden. Nach der Veröffentlichung verkauften sich in der ersten Woche lediglich um die 150 Exemplare. Wenig später, an einem Sonntag, explodierten die Bestellungen bei Amazon. Ohne Marketingkampagne, ohne Reklame, ohne Verlag und ohne Auslage in den Buchläden des Landes. Das Buch verbreitete sich viral. 

Sie haben zahlreiche Kritiken bekommen, fast alle sind voll des Lobes. Wenn das Buch so gut ist, warum haben Sie ohne Verlag selbst veröffentlicht?

Gresch: Ursprünglich war der größte deutsche Satireverlag mit dabei. Doch dieser wollte im Prozess wesentliche Elemente des Buches entschärfen, um es dem normalen Krimi-Leser schmackhaft zu machen. Dagegen habe ich mich gewehrt. Irgendwann erklärte mir ein Freund, dass es heutzutage möglich ist, sich selbst zu verlegen. Das habe ich dann auch bevorzugt. So konnte ich den einzigartigen Anleitungsstil des Buches erhalten.

Was waren die bisher heftigsten Reaktionen auf Ihre Anleitung zum fingierten Tod?

Gresch: Ich erhalte täglich viele E-Mails. Die meisten Leser sind begeistert vom Konzept und dem schwarzen Humor. Es melden sich aber auch Menschen, die das Ganze zu ernst nehmen und wirklich den Scheintod planen. Ihnen rate ich immer, das Buch noch einmal zu lesen, aber verspreche dicht zu halten, falls ich auf ihr Ableben angesprochen werde. Und dann gibt es vereinzelte Stimmen, die von dem Buch überfordert sind. Wer Atze Schröder für einen guten Entertainer hält, lässt das Buch besser liegen.


Von Christin Schmidt

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