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„Nimm dein Gehirn mit!“

Dietmar Kratzsch über Helme, Handys und die häufigsten Fehler von Radfahrern „Nimm dein Gehirn mit!“

Dienstag ist der Europäische Tag des Fahrrades, und im Havelland kennt sich mit den Radfahr-Regeln kaum jemand besser aus als Dietmar Kratzsch, 63, Chef der Verkehrswacht. Für das MAZ-Gespräch hat er sogar alle noch einmal durchgelesen. Jetzt sitzt er da, in Gedanken schon auf dem Sattel, und bereit, jeden Verstoß mit einem Stirnrunzeln zu strafen.

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Licht funktioniert, Bremsen auch: Verkehrswacht-Chef Dietmar Kratzsch.

Quelle: Peter-Paul Weiler

MAZ: Herr Kratzsch, Lust auf eine Fahrradtour?

Dietmar Kratzsch: Immer. Wie sind wir denn vorbereitet?

Wie meinen Sie das?

Kratzsch: Wer aufs Rad steigt, sollte doch erst einmal schauen, ob er die Regeln beherrscht und ob sein Rad verkehrstüchtig ist.

Also Luft ist drauf und Licht funktioniert, wenn Sie das meinen.

Kratzsch : Und wie sieht es mit den Regeln aus? Die Grundregel Nummer eins im Straßenverkehr lautet: gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn man die beherzigt, ist schon viel gewonnen. Fahren Sie mit Helm?

Und Sie?

Kratzsch: Mit Helm und mit Licht, jederzeit. Es wäre ja nichts peinlicher, als wenn der Chef der Verkehrswacht die Verkehrsregeln nicht beachtet.

Vorgeschrieben ist der Helm aber nicht.

Kratzsch: Stimmt, zumindest nicht bei normalen Fahrrädern. Aus Sicherheitsgründen rate ich trotzdem immer dazu, auch wenn es mir am Anfang zugegebenermaßen selbst blöd war. Aber: Wenn mir ohne Helm etwas passiert, dann wird mir zumindest eine Teilschuld am Unfall zugesprochen. Und das zu Recht.

Sie sagten vorhin, Sie fahren stets mit Licht.

Kratzsch: Auch tagsüber, das gehört für mich zur gegenseitigen Rücksichtnahme dazu. Achten Sie mal in Alleen darauf, wie schlecht Radfahrer zu sehen sind. Sicher müssen Autofahrer auf Radfahrer achten, aber als Radfahrer muss ich doch dem Autofahrer auch die Chance geben, mich zu sehen! Das ist mit Licht einfacher als ohne. Hängt an ihrem Lenker übrigens ein Beutel?

Ja, mit Flaschen, die wollte ich nachher abgeben.

Kratzsch: Eine Unsitte! Meine Frau hat wenigstens vorne am Lenker und auf dem Gepäckträger einen Korb. Ich sage ihr trotzdem immer, sie soll nicht so viel reinpacken, und so langsam trägt mein ständiges Genörgel auch Früchte. Es ist doch so: Viele Unfälle passieren mit Radlern, weil sie unsicher sind und die Spur nicht halten können. Beutel am Lenkrad befördern das. Oder nehmen Sie Hunde, die im Korb transportiert werden ...

Was haben Sie denn gegen Hunde?

Kratzsch: Nichts, aber Tiere sind laut StVO eine Ladung, und die muss gesichert werden. Wenn Polizisten einen ungesicherten Hund im Korb sehen, werden sie den Fahrer anhalten.

Gut, also, Helm auf, Licht an, Bremsen in Ordnung, aufgepumpt ist auch, der Hund bleibt zu Hause, der Beutel ist im Korb festgebunden. Kann es losgehen?

Kratzsch: Meinetwegen.

Ich habe aber drei Bier getrunken.

Kratzsch: Oh. Dann sollten wir lieber gleich wieder absteigen.

Wie? Ich darf nach drei Bier nicht mehr Radfahren?

Kratzsch: Auf dem Rad bin ich Verkehrsteilnehmer, und Verkehrsteilnehmer sollten immer nüchtern sein. Falls etwas passiert, werden auch Radfahrer promilleüberprüft. Viel schlimmer wäre aber folgendes: Stellen Sie sich vor, es rennt ihnen jemand ins Rad, stürzt unglücklich und stirbt. Vielleicht stellt gar keiner fest, dass Sie getrunken haben, aber Sie machen sich Ihr Leben lang Vorwürfe. Davon abgesehen: Wer unter Alkohol mit dem Rad fährt, kann auch seinen Führerschein verlieren.

Ab welchem Wert?

Kratzsch: Bei 1,6 Promille. Wer soviel Alkohol im Blut hat und trotzdem Rad fährt, begeht eine Straftat. Das macht dann drei Punkte und eine Geldstrafe von etwa einem Monatsgehalt. Und man muss zur MPU, dem so genannten Idiotentest. Man kann dem Polizisten zwar erzählen, dass man keinen Führerschein hat, das bringt aber nichts. (lacht) Punkte kann es im Übrigen auch geben, wenn man bei Rot über eine Ampel fährt oder bei geschlossener Schranke einen Bahnübergang überquert.

Unter diesen Voraussetzungen arbeiten wir den Rest dann doch lieber in der Theorie ab. Darf ich im verkehrsberuhigten Bereich schneller als Schrittgeschwindigkeit fahren?

Kratzsch: Eigentlich nicht, aber das ist schwer zu kontrollieren. Klar ist aber: Wenn sie dort mit 30Sachen jemanden umfahren, haben sie Schuld. Überhöhte Geschwindigkeit ist aber eher ein Thema beim Bergabfahren. Die Leute bremsen nicht, obwohl sie unsicher werden. Ich sage immer: Wenn du dich in den Verkehr begibst, nimm dein Gehirn mit.

Darf ich freihändig fahren?

Kratzsch: Natürlich nicht. Ich muss mein Rad so fahren, dass ich es immer in der Gewalt habe. Das geht freihändig nicht.

Darf ich auf dem Rad telefonieren oder Musik hören?

Kratzsch: Auch nicht. Ich soll mich mit all meinen Sinnen auf den Verkehr konzentrieren, und die Ohren sind auch Sinnesorgane.

Was machen Radfahrer noch gerne falsch?

Kratzsch: Der Klassiker ist verkehrt in die Einbahnstraße fahren. Das ist nur erlaubt, wenn ein entsprechendes Zusatzschild angebracht ist. Viele fahren außerdem über Fußgängerüberwege, dort muss man aber absteigen.

Bei so vielen Regeln, warum gibt es keinen verbindlichen Führerschein fürs Fahrrad.

Kratzsch: Gibt es ja, in der vierten Klasse wird die Fahrradprüfung abgenommen. Ich beobachte nur regelmäßig, dass die Kinder zwei Jahre später das meiste wieder vergessen und verlernt haben. Das ging mir selbst in der Fahrschule doch ähnlich. Und wer weiß denn von den Erwachsenen schon, dass es eine Straßenverkehrszulassungsordnung gibt, in der die Beleuchtung des Fahrrades geregelt ist? Kein Mensch! Aber: Wenn ich mich nicht an die Regeln halte und kontrolliert werde, habe ich ein Problem. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

Was halten Sie von Elektrofahrrädern, den so genannten Pedelecs?

Kratzsch: Die bereiten mir Bauchschmerzen. Stellen Sie sich vor, sie biegen mit ihrem Auto aus einem Kreisverkehr ab und sehen neben sich einen älteren Herrn wie mich, der sich auf sein Rad quält. Den vergessen Sie sofort wieder, er spielt für Sie keine Rolle. Und wenn Sie hundert Meter weiter rechts abbiegen wollen, dann ist der plötzlich neben Ihnen, weil er mit seinem Fahrrad 30 Stundenkilometer fahren kann. Autofahrer müssen lernen, an Pedelecs zu denken. Und Pedelecfahrer müssen wissen, dass Autofahrer vielleicht nicht mit ihnen rechnen. Da wären wir wieder bei der gegenseitigen Rücksichtnahme.

Interview: Oliver Fischer

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