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Ein Kleingärtner bangt um sein Lebenswerk

Rathenow Ein Kleingärtner bangt um sein Lebenswerk

Seit 49 Jahren hegt und pflegt Horst Freimuth mit seiner Frau die Kleingartenparzelle Nummer Fünf in der Gartensparte „Waldesruh“ in Rathenow. Der 82-Jährige hängt an seinem Gartenidyll. Doch weil zu viele Parzellen leer stehen und verwildern, sollen nach und nach 19 der insgesamt 38 Gärten zurückgebaut werden.

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Horst Freimuth in seinem Garten in der Sparte „Waldesruh“, den er seit 49 Jahren pflegt.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Seit 49 Jahren fährt Horst Freimuth mit seiner Frau zur Kleingartensparte „Waldesruh“ in die Erich-Mühsam-Straße. Hier im Gang Eins liegt ihr kleines Paradies: die Parzelle Nummer Fünf. 600 Quadratmeter voll mit Obst, Gemüse und Blumen. Das Paar hegt und pflegt den Garten gemeinsam. 1972 hatte Horst Freimuth dazu noch eine Laube gebaut, in der sie zahlreiche Sommer verbrachten. „Jeden Stein, den ich damals gesehen habe, nahm ich für die Laube mit“, erinnert sich der 82-Jährige.

Es sind Erinnerungen, die weh tun, denn vor einem Jahr hat Horst Freimuth erfahren, dass sein Lebenswerk nach seiner Zeit dem Erdboden gleich gemacht werden soll. „Auf einer Versammlung hatte man uns mitgeteilt, dass die Gärten Nummer 1 bis 19 nach der Kündigung durch den Pächter nicht mehr neu verpachtet werden sollen“, berichtet Horst Freimuth.

Hoher Leerstand zwingt den Verband zum Rückband

Weil er sich damit nicht abfinden wollte, wandte er sich an den hiesigen Kleingartenverband und schrieb sogar den Landesverband an. Daraufhin teilte ihm der Kleingartenverband Westhavelland schriftlich mit, dass durch die demografische Entwicklung und den zunehmenden Leerstand ein Entwicklungskonzept für die Kleingärten im Altkreis Rathenow erstellt werden musste. „Diese Konzeption wurde mit den Vorsitzenden aller Kleingartenvereine erarbeitet und in der Vertreterversammlung zur Abstimmung gestellt und verabschiedet“, heißt es in der Antwort.

Weil es auch zahlreiche Gärten gibt, in denen statt Obst und Gemüse das Unkraut wächst, soll die Anzahl der Flächen insgesamt reduziert werden

Weil es auch zahlreiche Gärten gibt, in denen statt Obst und Gemüse das Unkraut wächst, soll die Anzahl der Flächen insgesamt reduziert werden.

Quelle: Christin Schmidt

Gern hätte Horst Freimuth als Pächter hier seine Ideen eingebracht, stattdessen habe man ihn vor vollendete Tatsachen gesetzt. „Laut Statut ist die Mitgliederversammlung das höchste Gremium der Sparte. Hier hätte man das Thema besprechen sollen. Man hätte uns Gärtner fragen sollen, statt über unsere Köpfe hinweg zu entscheiden“, ärgert sich der Kleingärtner. Er sei nicht der einzige, der sich darüber empört. „Aber ich bin der einzige, der den Mund aufmacht“, erklärt Freimuth und fordert die Verantwortlichen auf, sich um einen Kompromiss zu bemühen.

Genau diesen Kompromiss habe man bereits bei der Planung angestrebt, beteuert der Vorsitzende des Kleingartenverbands, Thomas Daschke. 2014 habe man die Vorstände der insgesamt 42 Anlagen gebeten, Vorschläge einzureichen. „Wir hatten verschiedene Kriterien wie Altersstruktur und Attraktivität der Anlagen festgelegt. Die Vorstände konnten schauen, wo ein Rückbau am sinnvollsten ist“, so Daschke. Diese Vorschläge habe man wiederum in Absprache mit der Stadt in das Konzept eingearbeitet. Er gehe davon aus, dass die Pächter in den Prozess einbezogen wurden.

Rückbau der Kleingärten bis 2030

Das dreistufige Entwicklungskonzept sieht einen stufenweisen Rückbau vor.

Demnach sollen die derzeit rund 1500 Kleingärten bis 2030 auf rund 500 Gärten reduziert werden.

Da sich die Entwicklung weniger dramatisch darstellt als prognostiziert - 2016 wurden alle abgegebenen Gärten weiterverpachtet – überlegt man nun die zweite Stufe hinauszuzögern.

Schon jetzt zahlt der Verband rund 10 000 Euro Pacht für leer stehende Parzellen.

Aus dem Entwicklungskonzept geht auch hervor, dass die Anlagen „Wiesengrund“ und „Biberweg“ sollen komplett stillgelegt werden.

0,01048 Cent zahlen die Kleingärtner derzeit für einen Quadratmeter Kleingarten pro Jahr. Die Parzellen sind zwischen rund 130 und knapp 1000 Quadratmeter groß.

Zugleich betont Daschke, dass niemand um seinen Garten fürchten müsse: „Wir schmeißen keinen runter. Erst wenn jemand seinen Garten zum Beispiel aus Altersgründen freiwillig abgibt, wird dieser nicht neu verpachtet.“

Dass bei zu viel Leerstand – rund 150 Gärten des Verbandes liegen derzeit brach – zurückgebaut werden muss, sieht auch Horst Freimuth ein. Aber er versteht nicht, warum Gärten still gelegt werden, die gepflegt sind. „Man könnte doch erst einmal die verwilderten Parzellen aussortieren, für die sich ohnehin kein neuer Pächter mehr findet“, schlägt Freimuth vor. Anders als in Premnitz nimmt die Stadt Rathenow aber keine einzelnen Parzellen zurück, deshalb sei der Verband gezwungen, komplette Flächen an die Stadt zurückzugeben, die später anderweitig genutzt werden können, so Daschke.

Wo heute Gärten sind, sollen später Wohnhäuser stehen

Dort, wo Horst Freimuth derzeit noch Gurken und Tomaten erntet, könnten irgendwann Wohnhäuser stehen. Zumindest zieht das die Stadt derzeit in Erwägung, wie Horst Schirrmacher, zuständig für das Sachgebiet Liegenschaften und Wirtschaftsförderung in der Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilte.

Schirrmacher hat an dem mehrstufigen Entwicklungskonzept für die Kleingärten mitgearbeitet. Er weiß, es ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist und der zudem Konfliktpotenzial bietet. Deshalb ist er bemüht, die Ziele des Verbandes mit denen der Stadt in Einklang zu bringen.

Dabei steht auch die Frage im Raum, wer den Rückbau übernimmt? „Nach der gesetzlichen Lage ist der Verband zuständig, es ist aber anzunehmen, dass dieser damit überfordert ist. Deshalb hoffen wir auf die Hilfe der großen Politik“, so Schirrmacher. Thomas Daschke sieht die Pächter in der Verantwortung. Das würde bedeuten, dass Horst Freimuth die Laube, die er mit eigenen Händen aufgebaut hat auch wieder abreißen muss.

Von Christin Schmidt

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