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Havelland Ein Steckelsdorfer im Hohen Haus
Lokales Havelland Ein Steckelsdorfer im Hohen Haus
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18:11 30.06.2017
Arbeitsplatz im Zentrum der Macht: Corrado Gursch im Paul-Löbe-Haus, in dem in den Ausschüssen des Bundestages richtungsweisende Entscheidungen gefällt werden. Quelle: Kniebeler, Markus
Berlin

Am 24. September werden die Weichen für die Politik der kommenden vier Jahre gestellt. Dann ist Bundestagswahl. Corrado Gursch dürfte der ersten Hochrechnung an diesem Wahlsonntag noch ruheloser entgegenfiebern als die meisten anderen Politikinteressierten. Für den 29-Jährigen entscheidet sich an diesem Tag die berufliche Zukunft: Fortsetzung der Karriere oder zurück auf Null.

Gursch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Uwe Feiler (CDU). Als der vor vier Jahren erstmals in das deutsche Parlament gewählt wurde, schickte Gursch, der kurz vor dem Abschluss seines BWL-Bachelorstudiums stand, einfach mal eine Bewerbung los. Und bekam den Job.

Jung war Gursch, als er in das Feiler-Team aufgenommen wurde, keine Frage. Ein unbeschriebenes Blatt, politisch gesehen, war er aber nicht. Im Rathenower Kinder- und Jugendparlament hatte er sich jahrelang engagiert – zuletzt als dessen Vorsitzender. Und auch danach war er politisch aktiv. Im Bundestagswahlkampf 2013 warf er sich für seinen jetzigen Chef ins Gefecht – freiwillig und unentgeltlich. Klebte Plakate, verteilte Flyer, redete mit Menschen. Das alles muss Uwe Feiler so gefallen haben, dass er sich für Gursch entschied.

Dass Gursch beeindruckt war, als er zum ersten Mal seinen neuen Arbeitsplatz aufsuchte, ist nur zu verständlich. Allein die Adresse: Unter den Linden 71, gleich neben dem Hotel Adlon. Wenn Gursch die paar hundert Meter vom Hauptbahnhof zum Büro zu Fuß geht, dann kommt er am Bundestag vorbei, geht durchs Brandenburger Tor und überquert den Pariser Platz. „Ich freue mich heute noch, wenn ich diese Strecke gehe“, sagt er. Für Geschichte habe er sich immer interessiert – und einen viel geschichtsträchtigeren Ort als das Umfeld seines Büros gibt es nun mal kaum.

Auch das Büro selbst atmet Historie: Es liegt im ehemaligen Bildungsministerium der DDR, wo Margot Honecker ihr strenges Regime führte. Von Grund auf saniert natürlich, aber alles andere als ein Luxusbau. Acht Quadratmeter, genau die DIN-Norm, stehen Gursch zu. Schreibtisch, Stuhl, Computer, Pinnboard. Ein nüchterner Arbeitsplatz.

Als Feiler mit seinem Team – allesamt Bundestagsneulinge bis auf Büroleiter Michael Koch – hier anfing, da war es noch viel nüchterner. In den ersten Wochen habe man auf Umzugskisten gehockt, weil die Stühle noch nicht da waren, erinnert sich Gursch. „Ein einziges Provisorium. Aber es war spannend.“

Etliche Wochen hat es gedauert, bis das Feiler-Team komplett ausgestattet war und Gursch sich an seinem Berliner Arbeitsort zurechtgefunden hat. Nicht nur im Büro musste er sich orientieren, sondern auch im Raumschiff Bundestag mit seinem unterirdischen Wegesystem, seinen endlos langen Bürofluren, seinen Ehrfurcht einflößenden Funktionsgebäuden. „Mittlerweile habe ich den Durchblick“, sagt er. „Wäre schade, wenn ich nun plötzlich aufhören müsste.“

Aber Jammern hört sich anders an. „Ich habe von Anfang an gewusst, dass es von einem Tag auf den anderen vorbei sein kann“, sagt Gursch. „Das ist der Job.“ Gleichwohl hat er die jüngsten Prognosen, denen zufolge Feiler gute Chancen hat, wieder in den Bundestag gewählt zu werden, mit Freude vernommen. „Aber allzu sicher sein darf man sich nie“, sagt er. Bis zur Wahl könne noch viel passieren.

Bis dann wird Gursch seine Arbeit machen. Wird morgens um 7 Uhr in Rathenow in den RE 4 steigen und nachmittags den Zug um 17 Uhr zurück nehmen. Dazwischen hat er jede Menge zu tun. „Unsere Aufgabe ist es, Herrn Feiler so viel an organisatorischer Arbeit abzunehmen, dass der sich ganz auf seinen politischen Auftrag konzentrieren kann.“

Das Aufgabengebiet von Corrado Gursch ist vielfältig. „Gerade das macht die Sache interessant“. Gemeinsam mit seinen Kollegen recherchiert er die

Ein Büro von hunderten im Deutschen Bundestag. Quelle: Kniebeler, Markus

Fakten, wenn sein Chef eine Rede halten muss. Er beantwortet Anfragen von Bürgern. Er bereitet die Sitzungswochen vor und arbeitet danach auf, was in diesen angefallen ist. Und dann ist er auch noch der Herr über Uwe Feilers Terminkalender. Er taktet alles ein, was es einzutakten gibt – und das ist nicht wenig. Auftritte im Wahlkreis, Parteiversammlungen, Gremiensitzungen, Teilnahmen an Gesprächsrunden, Festreden hier, Einweihungen dort. Da muss man den Überblick behalten.„Manchmal ruft mich Frau Feiler an, weil sie wissen will, ob ihr Mann an einem bestimmten Abend frei hat.“

Berlin hat ihn also, beruflich gesehen, fest im Griff. Stellt sich die Frage, warum er nicht gleich hinzieht. „Das kommt für mich nicht in Frage“, sagt Gursch. Er ist seinem Heimatort sehr verbunden – sonst wäre er nie Ortsvorsteher von Steckelsdorf geworden. Auch das Engagement in der Kommunalpolitik will Gursch, der Mitglied der Rathenower Stadtverordnetenversammlung ist, nicht missen. Im Gegensatz zur großen Politik, wo die Wirkung von Entscheidungen oft mit großer Verzögerung zu spüren sei, bekomme man im Lokalen die Folgen von Beschlüssen hautnah mit. Und auch den Bürgern stehe man viel näher. Wenn er in der SVV etwas Umstrittenes sage, dann müsse er auf die Reaktion nicht lange warten. Oft werde er schon am nächsten Tag angequatscht. „Mensch Corrado, wat haste denn da für’n Mist jemacht“. Nicht immer sei das erbaulich, aber er wolle diesen kurzen Draht zum Bürger auf keinen Fall missen.

Die Liebe zum Heimatdorf hat zur Folge, dass Corrado Gursch gefeit davor ist, was manch einem passiert, der aus der Bundeshauptstadtglocke nicht mehr herauskommt: Abzuheben. Gursch macht das an einem Beispiel klar: Als Queen Elizabeth vor zwei Jahren unter bundesweiter Anteilnahme durchs Brandenburger Tor marschierte, konnte er das von seinem Arbeitsplatz hautnah beobachten. Nach Hause gefahren ist er danach trotzdem – wie immer. Und abends saß er im Steckelsdorfer Ortsbeirat und hat über dörfliche Angelegenheiten debattiert.

Das wird er auch weiterhin tun – egal, wie die Wahl am 24. September ausgeht. Einen Plan B für den Fall, dass es mit der Berlin-Karriere zu Ende geht, hat Corrado Gursch übrigens noch nicht. „Ich lasse es auf mich zukommen“, sagt er. „Sollte es so sein, dann wird sich schon irgendetwas ergeben.“

Von Markus Kniebeler

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