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Eine Busfahrt, die ist lustig

Falkensee Eine Busfahrt, die ist lustig

2017 tritt das neue Buskonzept für den Raum Falkensee in Kraft, mit dem der öffentliche Nahverkehr verbessert werden soll. Zurzeit läuft die öffentliche Debatte, Bürger können Kritik äußern und Verbesserungsvorschläge machen. Die MAZ machte den Praxistest und ist selbst Bus gefahren. Mit dem Ergebnis: Es läuft eigentlich gar nicht so schlecht, wie immer alle meinen.

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Da geht’s lang: MAZ-Reporter Philip Häfner hat sich seinen Weg durch den Nahverkehrsdschungel gebahnt.

Quelle: Laura Sander

Havelland. Mal eben so Bus fahren, das geht nicht. Das ist die erste Erkenntnis meines Selbstversuchs, bei dem ich einen Tag lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Falkensee und Umgebung fahren will. Derzeit wird für die Region an einem neuen Buskonzept gearbeitet – da will ich mir selbst ein Bild machen, wie es bei Havelbus läuft. Allerdings hätte ich dafür vorher wahrscheinlich die Fahrpläne intensiver studieren müssen. Eigentlich will ich vom Bahnhof Falkensee zum Havelpark, doch auf der Linie 653 fährt nur jeder zweite Bus zum Dallgower Einkaufszentrum. Und natürlich ist es nicht der, in den ich gerade einsteige.

Es wird kein Fahrtziel angezeigt

Immerhin, der Bus ist pünktlich, auf die Minute. Einige Fahrgäste zögern kurz, weil kein Fahrtziel angezeigt wird – stattdessen steht „Betriebsfahrt“ vorne am Bus. Zur Sicherheit fragt der Fahrer noch einmal nach, ob auch wirklich alle im richtigen Bus sitzen, dann gibt er Gas. Doch schon auf der Bahnhofstraße stehen wir prompt im Stau, es geht nur stockend voran. Ich muss daran denken, wie das neue Buskonzept im Ausschuss des Kreistags vorgestellt wurde. Viele der Anwesenden begrüßten die Änderungen, unkten aber gleichzeitig, dass die Anschlüsse letztlich wegen des Verkehrs wohl doch wieder nicht funktionieren würden.

Außerhalb der Knotenpunkte steigt kaum jemand ein

Außer mir sind an diesem Vormittag acht weitere Fahrgäste an Bord, die jetzt durch das Kopfsteinpflaster im Krummen Luchweg ordentlich durchgeschüttelt werden. Am Abzweig Waldheim sind wir dann nur noch zu dritt. Mir fällt auf: Außerhalb der großen Knotenpunkte wie den Bahnhöfen in Falkensee oder Finkenkrug steigt kaum jemand ein. Fahren die Havelländer also doch lieber mit dem Auto, allem Umweltbewusstsein zum Trotz? In Waldheim wäre das ja noch verständlich – das Viertel ist bislang nur sehr schlecht erschlossen –, doch ansonsten kann sich das Angebot von Havelbus doch eigentlich sehen lassen. Es gebe keine grundlegenden Fehler in der Angebotsgestaltung, urteilte Planer Ralf Günzel, als er das neue Verkehrskonzept vor einigen Wochen vorstellte – einige Aspekte könnten jedoch noch verbessert werden.

Bürgerbeteiligung

Von Seiten der Bürger sind nach Angaben der Kreisverwaltung bislang 32 Anregungen und Hinweise zum neuen Verkehrskonzept für Falkensee und Umgebung eingegangen. Dabei würden fast alle Linien hinsichtlich der Führung und Taktdichte angesprochen, so Kreissprecherin Caterina Rönnert.

Noch bis zum 30. September können Havelländer Ihre Vorschläge und Hinweise einreichen. Das beauftragte Gutachterbüro wertet diese aus und passt den Entwurf gegebenenfalls noch einmal an, ehe er ein zweites Mal die Gremien durchläuft, angefangen mit dem Wirtschaftsausschuss des Kreistags. Die endgültige Entscheidung trifft dann der Kreistag.

Anmerkungen und Hinweise können per E-Mail unter VK-Falkensee2017@havelbus.de eingereicht werden. Die Ideen werden dann auf Umsetzbarkeit geprüft.

Dazu zählt auch die Anbindung zum Havelpark. Um dorthin zu gelangen, muss ich am Bahnhof Dallgow umsteigen und in den 663er wechseln. Während ich auf den Bus warte, komme ich mit einer Frau aus Elstal ins Gespräch. Sie ist an diesem Tag nur ausnahmsweise mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. „Das geht gar nicht, das ist eine Katastrophe“, schimpft sie. Neulich sei sie von Elstal nach Paaren im Glien gefahren – mit dem Auto dauert das keine 15 Minuten. „Ich war drei Stunden unterwegs, für eine Strecke wohlgemerkt“, berichtet sie. Die Verbindungen nach Berlin seien in Ordnung, aber die havelländischen Orte untereinander seien schlecht angebunden. Vor allem am Wochenende: „Da komme ich mir manchmal vor, wie ins Mittelalter zurückversetzt.“

Ein Liter Diesel kostet nur 98 Cent

Mein Bus 663 kommt, wieder ist er pünktlich. Diesmal sind rund 15 Personen im Fahrzeug. Es sind vor allem ältere Leute, aber auch eine Mutter mit ihrem Sohn, die zum einkaufen fahren. Kurz vor dem Ziel passieren wir die Tankstelle im Havelpark – ein Liter Diesel kostet an diesem Tag 98 Cent. Und ich denke: Ist das vielleicht der Grund, weshalb einige Busse so leer sind an diesem Testtag? Der niedrige Benzinpreis macht Autofahren wieder attraktiv.

Zurück nach Falkensee will ich mit 655er. Der aber lässt auf sich warten, kommt sieben Minuten zu spät. Zugegeben: Es gibt schlimmere Orte, um auf den Bus zu warten, als den Havelpark, wo man sich zumindest noch einen Kaffee oder eine Bockwurst kaufen kann – aber ärgerlich sind Verspätungen trotzdem. Ich nutze die Wartezeit und blättere durch das Kundenmagazin von Havelbus. Darin geht es auch um das neue Verkehrskonzept für Falkensee und Umgebung. Ich lese: „Falkensee, einst eine kleine Siedlung, heute eine Stadt mit einem rasanten Bevölkerungswachstum. Diese Stadtentwicklung sowie eine gut ausgebaute Infrastruktur fördern zusätzliche Gewerbeansiedlungen, unter anderem in den nahegelegenen Gewerbe- und Güterverteilzentren. Auf die veränderten Bedingungen in Falkensee soll nun mit einem angepassten Verkehrskonzept reagiert werden.“

Die Regionalbahn hätten wir jetzt verpasst

Die verspätete Abfahrt kann der Bus nicht mehr aufholen, obwohl nur an den wenigsten Haltestellen jemand ein- oder aussteigen möchte. Als wir gerade in den Busbahnhof in Falkensee einrollen, sehe ich die Regionalbahn nach Brieselang und Nauen noch wegfahren. Die hätte ich jetzt verpasst.

Als nächstes will ich nach Schönwalde – Buslinie 651. Ein paar Minuten sind es noch bis zur Abfahrt und ich spreche eine ältere Dame an, was sie von den Busverbindungen im Havelland hält. Die Verbindungen seien in Ordnung, antwortet sie, da gebe es nichts zu meckern. Sie stört sich an etwas ganz anderem: an der Sauberkeit der Haltestellen. „Schauen Sie sich doch den Busbahnhof an“, sagt sie und besteht darauf, dass ich das nun folgende auch so schreibe, wie sie es gesagt hat: „Der ist zum Kotzen!“ Die Bedürfnisanstalten seien derart eklig, „die kann doch keiner benutzen.“ Ich wage einen kurzen Blick hinein. Dann kommt zum Glück mein Bus.

Ich bin der einzige Fahrgast nach Schönwalde

Auf dieser Tour bin ich tatsächlich der einzige Fahrgast. Ich setze mich ganz nach hinten und hätte mir beinahe den Kopf an der Decke gestoßen, als der Bus über eine heftige Bodenwelle fährt. Als ich in Schönwalde-Siedlung am „Schwanenkrug“ aussteige, wünsche ich dem Fahrer noch weiterhin gute Fahrt. „Wird ja ziemlich einsam werden“, meine ich. Er lächelt kurz. Es wirkt so, als wäre er nicht das erste Mal ganz allein in seinem Bus.

Was bedeutet es, wenn mittags niemand unterwegs ist?

In Schönwalde stärke ich mich erst einmal und denke noch einmal über die Leerfahrt von eben und die Worte des Planers Ralf Günzel nach. Er geht davon aus, dass mit einem verbesserten Angebot künftig noch mehr Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen werden. Aber was bedeutet es dann im Umkehrschluss, wenn auf einer Linie zur Mittagszeit gar niemand unterwegs ist? Ich überlege und hätte darüber fast meinen Bus 651 zurück verpasst, einen von zweien, die jede Stunde aus der Siedlung nach Falkensee fahren. Es wartet die letzte Herausforderung des Tages: An der Haltestelle „Rote Villa“ am Friedhof Falkensee will ich überprüfen, ob der Anschluss an den 652er funktioniert. Um elf nach soll ich dort ankommen, zwei Minuten später soll der Bus kommen. Klappt das?

Es klappt. Eine Viertelstunde später erreiche ich wieder den Bahnhof Falkensee. Alles lief gut. Und doch bin ich froh, als ich anschließend wieder in mein Auto steigen darf. Erstes Ziel: der Havelpark. Zum tanken.

Von Philip Häfner

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