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„Falls jemand sterben muss, bitte hinterher“

Shahak Shapira spaltet Publikum „Falls jemand sterben muss, bitte hinterher“

Mit seiner provokanten Art hat Shahak Shapira am Mittwochabend das Rathenower Publikum gespalten. „Wir sind ja hier in Brandenburg und da dachte ich, vielleicht kommen Neonazis und wollen mich steinigen“, sagte er unter anderem. Im ausverkauften Buchladen brachte der junge Autor einige Gäste zum Lachen, andere hielten sich die Ohren zu.

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Die einen ließen sich ein Exemplar von Shapiras Roman signieren, die anderen schüttelten am Ende der Lesung einfach nur den Kopf.

Quelle: Ch. Schmidt

Rathenow. Selten hat ein Autor das Rathenower Publikum so sehr gespalten wie Shahak Shapira. Am Mittwochabend war der 28-Jährige in der Buchhandlung Tieke zu Gast, um seinen Debütroman „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen“ vorzustellen. Im ausverkauftem Laden saßen vor ihm gut 70 interessierte Gäste bei schwülen Temperaturen. Eine halbe Stunde mussten sie schon warten, weil der Laptop des Autors mit dem Beamer des Buchladens nicht kompatibel war. Wie sich bald herausstellte, passte auch der äußerst schwarze und bissige Humor Shapiras nicht mit dem aller Gäste zusammen.

„Ihr seht ein bisschen älter aus als ich dachte“, begrüßte er die Rathenower und erntete die ersten skeptischen Blicke. „Falls jemand sterben muss, bitte hinterher, sonst hat es sich ja nicht gelohnt.“ Damit hatte der Wahlberliner, der sich selbst als der deutscheste Jude der Welt bezeichnet, in wenigen Augenblicken einige zum Schmunzeln und andere zur Empörung gebracht. Daran sollte sich auch in der nächsten Stunde nichts ändern.

Shapira hatte Angst vor Rathenow

Vom Jugendlichen bis zum Greis – der junge Israeli hatte ein sehr buntes und vielschichtiges Publikum angelockt, vor dem er eigentlich ein wenig Angst hatte. Immerhin war er hier, weil ein Buch geschrieben hat, in dem es um den Holocaust und ostdeutsche Neonazis geht. „Wir sind ja hier in Brandenburg und da dachte ich, vielleicht kommen Neonazis und wollen mich steinigen. Aber dann fiel mir ein, dass wir in einem Buchladen sind.“ Sie kamen nicht, stattdessen hörten ihm Lehrer, Pfarrer, Mütter, Schüler und Rentner zu.

Während der junge Mann vor dem Schaufenster saß und selbstbewusst drauf los plauderte, blieb das Publikum stumm, was sicher nicht nur an der schwülen Luft lag. Einige mussten sich erst mit seiner offensiv provokanten Art anfreunden, andere hatten bereits aufgegeben. Shapira ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und las – obwohl er wie er selbst sagt, gar nicht gut lesen kann – aus dem Kapitel „Die Ödyssee“ vor. Darin beschreibt er die Ankunft seiner Familie in Laucha – „ein Kaff mit etwa 3000 Einwohnern“ und einer lebendigen Neonazi-Szene in Sachsen-Anhalt. Für jemanden, der in Tel Aviv aufgewachsen ist ohne Zweifel ein Kulturschock.

Flache Witze und tiefe Emotionen

Shapira macht sich lustig über Lauchas Nazi-Häuptling Lutz Battke, „ein Mann in seinen frühen Fünfzigern, die braune Vokuhila-Haarpracht erweckt den Anschein, als hätte ein depressiver Biber ausgerechnet auf Battkes Kopf den Freitod gesucht“. Diese Art Humor kam beim Publikum an. Lautes Lachen beendete für einen Moment die Stille. Zu Shapiras Texten lieferte der Beamer die passenden Illustrationen, so dass nun jeder Gast weiß, wie treffend der Autor Battke beschrieben hat.

Für seine Lesung hatte Shapira aber weit mehr mitgebracht, als Anekdoten aus seiner Jugend. Er las auch die Geschichte seines Großvaters vor, der als einziges Familienmitglied den Holocaust überlebte. Zu den Beschreibungen des Warschauer Ghettos zeigte er die bekannten Schreckensbilder. Einige wandten nun den Blick ab, hielten sich sogar die Ohren zu, um den Worten zu entkommen.

Flache Witze, tiefe Emotionen und vielleicht eine Live-Beschneidung – all das hatte Shapira zu Beginn der Lesung versprochen. Letzteres ersparte er den Gästen, die Witze und die Emotionen, das muss man ihm lassen, die brachte er.

Von Christin Schmidt

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