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„Filz ist meine Leidenschaft“

Lebensart und Kultur „Filz ist meine Leidenschaft“

Rein lexikalisch ist Filz lediglich ein textiles Flächengebilde aus einem ungeordneten, nur schwer zu trennenden Fasergut. Sinnlich und spannend wird es, wenn eine Lebensgeschichte wie die von Asel Temiralieva-Meyer dazukommt. Die Wahl-Falkenseerin stellte mit 13 Jahren ihren ersten Filzteppich in Kirgistan her.

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Asel Temiralieva-Meyer lebt in Falkensee.

Quelle: Judith Meisner

Falkensee. Die Novelle „Dshamilja“ des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatov zählt zu den schönsten Liebesgeschichten der Welt. In der DDR gehörte sie zur Schullektüre. In der alten BRD wurde der Text ebenfalls begeistert gelesen, die Heimat des Schriftstellers schien allerdings unerreichbar weit entfernt. In Falkensee wirkt sie dagegen plötzlich ganz nah bei einem Gespräch mit der geborenen Kirgisin Asel Temiralieva-Meyer: „Meine Schwester heißt Dshamilja, nach der Figur in der Novelle. Asel ist der Name einer anderen Gestalt in Aitmatovs Geschichten“, erzählt sie. Ihr Onkel war Theaterdirektor und in Kirgistan ein Nachbar des Autors Tschingis Aitmatov.

Asel Temiralieva-Meyers Oma sah die großen Veränderungen des 20. Jahrhunderts: „Sie stammte aus einer fürstlichen Familie der Nomaden und wurde in einer Jurte geboren. Bis hin zum Handy hat meine Großmutter alles erlebt. Sie war sehr aufgeschlossen und modern“, sagt die Frau mit den dunklen Haaren und fröhlichen Augen. Von ihrer Großmutter lernte Asele Temiralieva-Meyer ein uraltes Handwerk, das Filzen.

Die Wahl-Falkenseerin stellte als 13-Jährige ihren ersten Filzteppich in Kirgistan her. Die Schafwolle wird dafür auf einer Wiese ausgebreitet und mit den Füßen, später mit den Händen bearbeitet, bis aus dem Flies des Schafes eine dichte Filzdecke entstanden ist. Verziert werden die Teppiche mit traditionellen Tiermustern oder abstrahierten menschlichen Figuren.

Auf der diesjährigen Textile Art Berlin präsentierte Asel Temiralieva-Meyer kirgisische Filzarbeiten. Vom supermodernen violetten Filzstiefel bis zur schneeweißen Kinderjurte aus edler Merinowolle reicht ihr Repertoire.

„Filz ist meine große Leidenschaft“, sagt die 51-Jährige. Dabei hat sie Betriebswirtschaft studiert und Anfang der 90er-Jahre in St. Petersburg promoviert. Dort lernte sie ihren Ehemann Nobert Meyer kennen. Es folgten Jahre in Berlin und die große Entscheidung: bleiben oder zurück nach Hause nach Kirgistan? „Im Zoo vor einem Gehege kirgisischer Pferde machte mir mein Mann den Heiratsantrag“, erzählt sie lächelnd. Ihre Großmutter gab ihr den Segen für die Ehe in Deutschland.

Nach einem Intermezzo in Frankfurt am Main zog die Familie mit zwei Söhnen nach Taschkent. In den fünf Jahren in Kirgistan entdeckte Asel Temiralieva-Meyer für sich die Filzkunst zum zweiten Mal.

Seit 2004 wohnt die Familie in Falkensee. Die Jobs der Wirtschaftswissenschaftlerin bei verschiedenen Firmen in Berlin wurden ihr nie zur Berufung. Das Filzen ließ die Kirgisin nicht mehr los. Asel Temiralieva-Meyer gründete die kirgisische Stiftung „Shardana“, die Frauen in ihrer alten Heimat hilft. Ihre Firma „Nomad’s Spirit“ bietet Filzkurse an und vertreibt Filzarbeiten aus ihrer Heimat hierzulande. Frauengruppen in Kirgistan vermittelt Asel Temiralieva-Meyer den Kontakt zu Künstlerinnen in aller Welt. Nach deren Entwürfen entstehen topmodische Stiefel, Schals und Mäntel in hoher Qualität. Daneben sind Filzteppiche im Angebot mit uralten mythologischen Zeichen. Weil alles aus natürlichen Rohstoffen entsteht, strebt der Verein das „Fair Trade“-Siegel an. „Wir haben unsere Filzpantoffeln auf Giftstoffe kontrollieren lassen und alle haben den Test bestanden“, sagt Asel Temiralieva-Meyer.

Etwas Besonderes konnte man auf der Textile Art kennenlernen: Christiane Bell, eine Mitstreiterin aus dem Verein, leitete einen Kurs, auf dem sogenannte Tumare, eine Art Talisman, entstanden. Das ist eine Tasche aus Filzresten, besetzt mit Knöpfen, Perlen und Stickerei. Hinein gehört ein Zauberspruch oder ein Wunsch. Die Sprüche schreibt Shirin Madanova auf Silberpapier in kyrillischen Buchstaben. Man trägt den Tumar an der Kleidung wie eine Brosche oder an einer Kette und ist auf diese Weise gefeit gegen den bösen Blick. Der Tumar ist ein Teil der Tracht.

Leicht war die Reise ins Reich des Filzens nicht immer. Wenn Asel Temiralieva-Meyer aus ihrer Heimat ins Havelland zurückkehrte, brachte sie Wagenladungen voller „Mottenfutter“ mit, wie ihr Mann es damals wenig schmeichelhaft nannte. Manchmal zweifelte sie an ihrem Mut, wer sollte denn diese Mengen von Filzmode nur kaufen? Die Wirtschaftsfachfrau setzt ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet für die Filzerinnen in Kirgistan ein, sie selbst verdient nicht daran. „Ich habe die Verantwortung für die Arbeit der Frauen“, sagt sie.

Der Durchbruch kam auf einer Import-Messe in Berlin. Seither verkaufen Läden in Stuttgart, Aachen, Berlin und Falkensee die Filzprodukte. In dem Edelshop Manufactum werden Filzmützen aus Kirgisien angeboten.

Gibt es ein Rezept gegen Motten? „Lavendelsäckchen, oder im wirklich kalten Winter alles im Schnee klopfen. Im sehr heißen Sommer auf den Rasen legen zum Lüften“, empfiehlt Asel Temiralieva-Meyer.

Von Judith Meisner

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