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"Es geht so viel verloren"

Grünefelder Familienbetrieb muss nach 127 Jahren schließen "Es geht so viel verloren"

Die Grünefelder Fleischerei Hübner, die am 14. Juni ihre letzen Leberwürste verkauft, war seit vier Generationen im Familienbesitz. Sie ist einer der ältesten Handwerksbetriebe überhaupt im Havelland. Jetzt schließt das Familienunternehmen.

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"Es ist zum Heulen": Silvia und Karl-Heinz Hübner müssen ihre Fleischerei schließen.

Quelle: Oliver Fischer

Grünefeld. Ja, es ist schade, sagt Silvia Hübner am Telefon. "Sehr schade, das finden wir auch. Es ist zum Heulen." Silvia Hübner hat diesen Satz oft gesagt in den letzten Tagen, weil immer wieder das Telefon klingelt und immer wieder Leute fragen, ob das Gerücht stimmt. Alte Kunden, alte Lieferanten, Freunde. Immer wieder hat Silvia Hübner über den schweren Entschluss geredet, manchmal musste sie weinen dabei. Und auch jetzt rollen wieder die Tränen. So sehr sie versucht, sie zurückzuhalten, es geht nicht. Denn für Silvia Hübner und ihren Mann Karl-Heinz geht, wenn ihre Fleischerei in gut einer Woche die Türen schließt, vieles zu Ende. "Ein Lebenswerk", sagt Karl-Heinz Hübner. Vielleicht noch mehr.

Die Grünefelder Fleischerei Hübner, die am 14. Juni ihre letzen Leberwürste verkauft, war seit vier Generationen im Familienbesitz. Sie ist einer der ältesten Handwerksbetriebe überhaupt im Havelland. 127 Jahre lang wurden in der Dorfstraße 17 Schinken, Salami und Kochwurst verkauft, fast alles aus eigener Herstellung. Kriege habe man überstanden, auch die DDR, sagt Silvia Hübner. "Weil wir uns immer gewehrt haben." Jetzt aber nützt alles Wehren nichts mehr. Er hätte gerne noch vier, fünf Jahre weitergemacht bis zur Rente, sagt Karl-Heinz Hübner. Er ist ja erst 60. Aber mit zwei künstlichen Hüftgelenken geht das alles nicht mehr. Fleisch abladen, Fleisch zerteilen, die Wurstspieße schleppen, das ewige Bücken, zwölf Stunden am Tag. Und einen Nachfolger gibt es nicht. Die beiden Töchter haben andere Berufe gelernt, sie verdienen leichter ihr Geld. "Zum Glück", sagt Karl-Heinz Hübner.

Deshalb rufen sie jetzt alle an. Frau Hermann hat sich schon gemeldet, die älteste Kundin, die seit 1953 regelmäßig die sechs Kilometer aus Perwenitz geradelt ist. Rudi Nölte hat noch einmal reingeschaut, der schon Anfang der Vierziger als Kind beim Schlachten geholfen hat. Sie wollen alle Abschied nehmen von einem Laden, wie es ihn auf den Dörfern immer seltener gibt. "Die Leute sind ja nicht nur für das Fleisch hergekommen. Sie wollten Gespräche führen. Das tut mir so leid für den Ort, es geht so viel verloren", sagt Silvia Hübner.

Als die Fleischerei 1887 gegründet wurde, war die Geschäftslage freilich eine ganz andere. Die Dörfer waren weitgehend autark, Fleischer, Bäcker, Hufschmiede und Stellmacher gehörten zum Dorfleben wie der Dorfkrug. Der Grünefelder, der 1884 den Bauantrag für die Fleischerei stellte, hieß allerdings nicht Hübner, sondern Albert Dieter. Er führte das Geschäft die ersten Jahre, 1914 wurde es von seinem Neffen Max Hübner übernommen, der der Fleischerei den heutigen Namen gab. Es folgten weitere Hübners: Martha, dann Karl und schließlich Karl-Heinz, der seine Eltern ohne Unterlass schuften sah, trotzdem mit 16die Fleischerlehre begann und mit 30 schließlich selbst den Betrieb übernahm. Er und seine Frau Silvia haben im Sozialismus die LPG und das nahe Kinderferienheim mit Fleisch beliefert. Kurz vor der Wende bauten sie den heutigen Laden aus, zwei Jahre später noch einmal komplett um, "Nach Weststandard. Zum Glück haben wir das damals gemacht", sagt Karl-Heinz Hübner.

Die ältesten Kammerbetriebe

In den Wirren der Weltkriege und des sozialistischen Kollektivierungszwangs war es für alte Familienbetriebe schwierig, dauerhaft zu überleben. Dennoch gibt es im Havelland einige wenige Unternehmen, die inzwischen älter als 100 Jahre sind.

Nach Angaben der Handwerkskammer gibt es im Havelland allerdings nur noch einen Betrieb, der älter ist als die Grünefelder Fleischerei Hübner. Es ist die Nauener Bäckerei Nickel in der Mittelstraße. Sie wurde am 5. Februar 1852 gegründet und ist damit 162Jahre alt.

Die Falkenseer Schlosserei Ziesecke , die derzeit noch in der Bahnhofstraße residiert, wurde am 1. April 1902 gegründet.

Gerade 100 Jahre alt geworden ist die Falkenrehder Landbäckerei Hans-Jürgen. Sie wurde am 21. Juli 1913 gegründet. ver

Denn mit dem Westgeld kamen die Discounter, die Supermärkte, die Einkaufszentren. Und die Kundschaft wanderte schleichend ab. In den frühen Neunzigern konnten die Hübners die Kredite noch abzahlen, ein paar Jahre später wäre es schwierig geworden. An der Qualität lag das sicher nicht, sagt Karl-Heinz Hübner. "Unser Hackepeter ist Legende." Aber Qualität ist nicht mehr alles. In den letzten Jahren, sagt Karl-Heinz Hübner, warf der Laden gerade noch so viel ab, dass er vier Leute ernähren konnte. Neue Technik, eine neue Einrichtung, das hätte man alles nicht mehr finanzieren können. "Uns war klar, dass wir die Letzten sind", sagt Silvia Hübner deshalb. "Es wäre nur schön gewesen, wenn es noch etwas länger gedauert hätte."

Was die kommenden Jahren bringen, wissen die Hübners noch nicht. Silvia Hübner ist 55, zu jung für die Rente. Christiane Hoffeins, die seit ihrem 15. Lebensjahr im Laden arbeitet, wird 60 in diesem Jahr. Auch für sie wird es hart, einen neuen Job zu finden. Und Karl-Heinz Hübner kann sich ein Leben ohne Fleischerei auch noch schwer vorstellen. Vielleicht kauft er sich ein Motorrad mit Seitenwagen. Etwas Hackepeter hin und wieder werde er auch schon noch machen für die Familie und die Nachbarn, sagt er. "Verhungern werden wir nicht." Immerhin.

Von Oliver Fischer

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