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Kasernen, Kanonen, Kaninchen

Vor 80 Jahren wurde in Schönwalde-Dorf der Fliegerhorst eröffnet Kasernen, Kanonen, Kaninchen

Vor 80 Jahren, am 29. September 1935, wurde der Flugplatz Schönwalde im heutigen Erlenbruchgelände eröffnet. Die Piloten der Luftwaffe bekamen dort ihre Ausbildung. Zeitweise waren in den Kasernen des Fliegerhorsts 3000 Mann stationiert. Hinzu kamen noch einmal rund 500 Zivilisten und 3500 Angora-Kaninchen.

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Historische Aufnahme vom Tag der Luftwaffe am 1. März 1943, an dem auch Rundflüge stattfanden. Zu sehen sind Wilhelm Reinert (links), Leiter der Uniformschneiderei, seine Frau, Telefonistin in der Garnison, und in der Mitte die Tochter.

Quelle: Reinert

Schönwalde-Dorf. Als am 29. September 1935, an diesem Dienstag vor 80 Jahren, der Flugplatz Schönwalde im heutigen Erlenbruchgelände eröffnet wurde, da war vielen Schönwaldern nicht gerade nach Feiern zumute. Nicht etwa, weil sie Fluglärm befürchteten oder ihnen die militärische Aufrüstung Deutschlands zuwider war, sondern weil sie mit der Verwendung von „Hennigsdorf“ als Ortsbezeichnung für „ihren“ Flugplatz nicht einverstanden waren. Damals hieß das Gelände nämlich noch Fliegerhorst Hennigsdorf; erst seit 1. Januar 1936 trug es offiziell den Namen Fliegerhorst Schönwalde. Die Piloten der Luftwaffe bekamen dort ihre Ausbildung. Später waren auch Kampfverbände in Schönwalde stationiert.

Zu den ersten Gebäuden, die errichtet wurden, gehörten das bis heute erhaltene Flugleitungsgebäude mit der Befehlsstelle, die Halle 1, die Werfthalle, die Küche I mit Kantine, drei Mannschaftsblöcke am Langemarck-Ring die Hauptwache sowie die dazugehörige Infrastruktur, berichten Helmut Bukowski und Christel Tilus in ihrem Buch „Fliegerhorst Schönwalde/Berlin. Ausbildungs- und Erprobungsstätte der Luftwaffe 1935-1945“. In späteren Jahren entstanden umfangreiche Kasernenkomplexe, mehrere Flugzeughallen, die zum Teil ebenfalls noch stehen, ein Kino, Sportplätze und ein Schwimmbad – insgesamt 104 Gebäude. Auch eine Angora-Kaninchenzucht mit 3500 Tieren gab es, aus deren Wolle Pullover für die Flieger gestrickt wurde.

Im Winter 1938/39, als Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, einer der führenden Nationalsozialisten, Schönwalde besuchte, war das Regiment etwa 3000 Mann stark. Hinzu kamen rund 500 Zivilisten, die größtenteils in der neu entstandenen Fliegersiedlung untergebracht waren. Die Bevölkerung von Schönwalde wuchs in dieser Zeit explosionsartig.

Laut Helmut Bukowski und Christel Tilus sprachen gleich mehrere Gründe dafür, weshalb sich die Luftwaffe für Schönwalde als Standort für einen Flugplatz entschieden hatte: die Nähe zu Berlin, die am Fliegerhorst angrenzenden Waldflächen, die eine gedeckte Unterbringung der Flugzeuge erlaubte, sowie eine gute Verkehrinfrastruktur mit Straßen und einem Eisenbahnanschluss zur Bötzowbahn nach Berlin-Spandau, auf der ab 1938 eine Dampflok namens „Feuriger Elias“ verkehrte. Der Bau allerdings gestaltete sich wegen des feuchten Bodens jedoch schwierig, „schon nach zwei Spatenstichen quoll das Wasser aus dem Erdreich“, berichten Bukowski und Tilus.

Die Start- und Landebahn des Flugplatzes war anfangs 550 Meter lang, sie wurde später auf 1050 Meter verlängert. Mehrmals im Jahr, zum „Tag der Wehrmacht“ und zum „Tag der Luftwaffe“ konnte das gesamte Areal besichtigt werden. „Wie zu einem Frühlingsfest strömten die Besucher, insbesondere die Schulkinder, aus allen Richtungen des Osthavellandes durch das Eingangstor der Garnison. Nach dem militärischen Appell mit Vorbeimarsch wurden ihnen neben dem Überflug der neuesten Schulflugzeuge nicht nur eine exzellente Kunstflugschau oder Fallschirmsprünge geboten, sondern auch Vergnügungen vielerlei Art“, heißt es in dem Buch von Helmut Bukowski und Christel Tilus. Wegen seiner idyllischen Lage inmitten von Wiesen und Wald bekam der Fliegerhorst den Spitznamen „Sanatorium Schönwalde“.

Mit Kriegsbeginn änderte sich die Situation. Wegen der hohen Verluste an der Front wurden ständig neue Piloten gebraucht, so dass die Ausbildung stark eingedampft wurde. „Zuerst müssen wir Russland schlagen, dann kann ausgebildet werden“ – so der Standpunkt der obersten Militärs. Die Ausbildungsstandards wurden schlechter, die Unfälle häuften sich. Jährlich starben rund 50 Flieger bei Abstürzen, mehr als 60 Flugzeuge gingen jedes Jahr verloren. Am 10. Oktober 1940 etwa stießen zwei Maschinen in der Luft zusammen, eine davon zerschellte in der Birkenallee in der Siedlung. Auch an der Front, unter anderem beim Einsatz in der Schlacht um Stalingrad, nahmen die Verluste zu. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, den die Frauen bloß den „brauen Tod von Schönwalde“ nannten, überbrachte die Nachricht vom Tod des geliebten Gatten.

Ziel eines Luftangriffs wurde der Fliegerhorst nie, „obwohl die feindliche Luftaufklärung über exakte Luftaufnahmen verfügte“, wie Udo Lassak in seiner „Chronik Schönwalde“ bemerkt: „Während des Krieges fielen insgesamt nur 17 Bomben und eine Luftmiene aus Notsituation der feindlichen Flugzeuge auf das Flugplatzgelände.“ Am 21. April 1945 gab die Luftwaffe den Fliegerhorst auf, zwei Tage eroberte die Rote Armee das Gelände nahezu kampflos. Bis kurz vor her waren von Schönwalde aus noch hohe Regierungsbeamte der Nationalsozialisten aus dem umkämpfen Berlin ausgeflogen worden. Als die Sowjets den Ort erreichten, fanden sie nur noch vier Maschinen vor.

Nach Kriegsende wurde in Schönwalde noch bis Mitte der Fünfzigerjahre geflogen; danach ließ Lage mitten im Luftkorridor nach Berlin, der eine Anmeldung jeglicher Flugbewegung bei der alliierten Flugsicherungszentrale erfordert hätte, sowie die für Düsenflugzeuge zu kurz gewordene Start- und Landebahn keinen weiteren Flugbetrieb mehr zu. Das Gelände wurde allerdings bis zum Abzug der Sowjets 1992/93 weiter als Garnisonsstandort genutzt. Seitdem verfällt es. Auf Teilen des Areals entstand das Gewerbegebiet Erlenbruch, wo bald auch eine Asylbewerberunterkunft entstehen wird. Dagegen scheiterten bislang sämtliche Versuche den ehemaligen Fliegerhorst in ein Wohngebiet umzuwandeln.

Von Philip Häfner

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