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„Ich bin ein Mensch, der loslassen kann“

Havelland-Landrat Burkhard Schröder „Ich bin ein Mensch, der loslassen kann“

Am Mittwoch kommender Woche wird der Landrat des Kreises Havelland, Burkhard Schröder, offiziell verabschiedet. Letztmals gab er der MAZ ein Interview, in dem er auf Erfolge zurückgeblickt – und Projekte aufzeigt, die er seinem Nachfolger mit auf den Weg gibt.

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Burkhard Schröder nimmt kommende Woche seinen Landrats-Abschied.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Havelland. Am Mittwoch kommender Woche wird der Landrat des Kreises Havelland, Burkhard Schröder offiziell verabschiedet. Letztmals gab er uns ein Interview, in dem wir mit ihm auf Erfolge zurückblicken aber auch auf Projekte, die er seinem Nachfolger mit auf den Weg gibt.

Im Dezember vergangenen Jahres haben Sie bekannt gegeben, aufhören zu wollen. Haben Sie das bereut, würden Sie doch lieber noch ein Stück länger dabei sein wollen?

Burkhard Schröder: Nein. Ich laufe auch jetzt noch unter Vollgas und komme gar nicht zum Nachdenken, ob ich etwas bereuen soll. Vor über einem Jahr habe ich erstmals darüber nachgedacht. Wenn ich nicht mehr im Amt bin, vermisse ich nichts.

Wann haben Sie Ihren Entschluss endgültig festgelegt?

Schröder: Der Punkt kam im Herbst 2015 in der Gesamtbesinnung. Auf der Tagesordnung standen – und stehen auch weiter – Flüchtlingsthema und Gebietsreform. Dafür hätte ich, nach meinem Amtsverständnis, noch einmal drei bis vier Jahre weiter mit voller Kraft gestalten müssen. Das will ich mit 66 Jahren dann doch nicht mehr. Ich bin ein Mensch, der loslassen kann. Es ist der richtige Zeitpunkt, auch für die Perspektive eines jüngeren Nachfolgers.

Sie hinterlassen ein aufgeräumtes Haus?

Schröder: Es ist alles recht geordnet, ich denke an erster Linie auch an den Haushalt. Einen Umbruch in der Kreisverwaltung muss es nicht geben. Meine Stellvertreter sind mitten in der Wahlperiode und gewährleisten zunächst Kontinuität. Alles andere hängt vom neuen Landrat ab. Der könnte durchaus auch die Verwaltung verschlanken, also ein Dezernat weglassen. Aber das ist dessen Gestaltungsspielraum.

Was machen Sie ab dem 1. April zuerst?

Schröder: Durchatmen, ausschlafen, über das neue Leben nachdenken. Ein paar Nebenjobs im Kreis und darüber hinaus mache ich ja noch. Sport werde ich mehr treiben. Und ich will nur überschaubar neue Ehrenämter annehmen. Im ersten Vierteljahr meines Ruhestandes möchte ich zunächst überlegen, was ich tatsächlich auf dieser Ebene tun will.

Sie sind es gewohnt, gefahren zu werden. Werden Sie Ihren Fahrer vermissen, inwiefern war der eine Vertrauensperson für Sie?

Schröder: Ich fahre ab dem 1. April privat natürlich ausnahmslos selbst. Mein Verhältnis zu meinem Fahrer war vertrauensvoll, wir haben viel geredet, er hat das eine oder andere an Freud und Leid meines Jobs natürlich geteilt. Ich habe ihm allerdings nie die Frage gestellt, was er an meiner Stelle in einem bestimmten Fall tun würde.

Wie hat sich die Kreisverwaltung aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt?

Schröder: Ich habe immer versucht, fundiert Entscheidungen vorzubereiten, dazu Standpunkte abzufragen, Stimmungen zu erkunden und letztlich klare Entscheidungsvorschläge zu machen. Wichtig war auch – wir haben immer politische Stabilität im Kreistag gehabt. Man soll nicht unterschätzen, nur verlässliche Mehrheiten garantieren Kontinuität und Gestaltungsfreiräume. Der Kreis hat eine insgesamt gute Verwaltung. Ich denke an das Bauordnungsamt, das Landwirtschaftsamt, das Gesundheitsamt und viele weitere Ämter. Natürlich kommt es auch immer auf das richtige Personal an.

Apropos politische Mehrheit – Sie regieren seit vielen Jahren zusammen mit einer Zählgemeinschaft, in der SPD und CDU die Hauptakteure sind. Ist das ohne Alternative?

Schröder: Nach Zahlen und inhaltlicher Schnittmenge gibt es für mich derzeit keine Alternative. Mit anderen Partnern würde kreisliche Realpolitik auf eine harte Probe gestellt werden. Natürlich kann der neue Landrat den Zählgemeinschaftsvertrag beenden, aber ich rate nicht dazu. Das bringt die Kreispolitik eher durcheinander. Langfristig kann sich das Zusammenspiel der Fraktionen natürlich auch mal ändern. Das hängt ja auch von den Personen ab.

An welche Erfolge erinnern Sie sich gerne?

Schröder: Die durchgängig finanzielle Stabilität des Kreises über all die Jahre, die uns viele Investitionen und die Einführung von Förderprogrammen erlaubte. Daneben steht die Einführung besonderer Projekte wie das der Gesundheitskonferenz oder das Demografieprojekt – etwas mit Alleinstellungsmerkmal in Brandenburg. Auch das jüngst gegründete Ärztenetzwerk zur Ausbildung und Förderung der Niederlassung von Allgemeinmedizinern ist etwas Besonderes.

Was fällt Ihnen noch ein?

Schröder: Ein über zwei Jahrzehnte aufgebautes Oberstufenzentrum mit drei Standorten, Kultureinrichtungen wie das Kulturzentrum Rathenow oder Schloss Ribbeck, die Modernisierung der Pflegelandschaft. Der Kreis hat eine erfolgreiche Eisenbahngesellschaft und einen leistungsfähigen Krankenhauskonzern. Unsere Kreisstraßen sind im Großen und Ganzen in einem sehr guten Zustand. Da sind andere auch durchaus neidisch.

Wo wären Sie gerne weiter?

Schröder: Das Kulturengagement im Kreis hätte ich gerne in eine leistungsfähige Gesamtstruktur gebracht. Aber das wäre eine mehrjährige Übung, die ich nicht mehr abschließen konnte. In fünf bis sechs Jahren kann das gelingen. Ein Problemkind ist das Märkische Ausstellungs- und Freizeitzentrum, da haben wir aus Sicht des Eigentümers Landkreis keine kritische Situation, aber man muss dicht dran bleiben, um wirtschaftlichen Erfolg und auch noch Weiterentwicklung zu sichern.

Hat die gescheiterte Landesfusion Berlin-Brandenburg dem Kreis auch geschadet?

Schröder: Wenn man heute auf die Entwicklung schaut, dann ist die gering ausgeprägte Zusammenarbeit an vielen Stellen eher schädlich.

Sie geben das Stichwort Zusammenarbeit – wie stehen Sie zur Frage der Kreisgebietsreform, wird der Kreis Havelland alleine bestehen können?

Schröder: Ich verliere den Optimismus für einen Fortbestand des Kreises Havelland nicht. Von unserer Leistungsfähigkeit her muss ich sagen, wir brauchen keine Kreisreform. Sie wird aber kommen und die spannende Frage ist, ob die Landesregierung größere Schwankungsbreiten bei der Größe der Kreise zulässt. Ich gehe von einer Einwohnerzahl von mindestens 170 000 bis zum Jahr 2030 aus. Wenn das Land recht ausgeglichene Einwohnerzahlen durchsetzen will, sind wir für eine Fusion fällig.

Und was passiert Ihrer Ansicht nach im Fusionsfall?

Schröder: Dann bekommen wir die Stadt Brandenburg dazu. Aber dann müssten mit der Stadt Brandenburg ein oder zwei Ämter mit ins Havelland, um eine angemessene regionale Einbindung der Stadt zu schaffen. Bisher heißt es, Kreise sollen nicht geteilt werden, was hier dann der Fall ist. Das überarbeitete Leitbild im Juni wird zeigen, wohin die Reise geht und, wie gesagt, ich bin nicht hoffnungslos. Mein Nachfolger wird hier aber auch klare Kante zeigen müssen.

Bis zum Vollzug einer Reform vergehen auf jeden Fall noch etwas mehr als drei Jahre – wie wird sich in dieser Zeit das Flüchtlingsthema entwickeln?

Schröder: Zurzeit gestattet uns der gebremste Zugang von Flüchtlingen, etwas Luft zu holen. Ein großes Thema bleibt die Finanzierung der Aufgabe. Ich bin deshalb überzeugt, dass es eine Verfassungsklage gegen das Land bezüglich des neuen Landesaufnahmegesetzes geben wird, denn darin sind die Aufgaben, die den Kreisen übertragen werden, überhaupt nicht ausfinanziert. Wenn dann eine Gerichtsentscheidung da ist oder auch die Finanzprobleme der Kommunen überdeutlich werden, erwarte ich, dass es Nachbesserungen gibt. Es wird aber keine planbare finanziell ausgeglichene Lösung für die Kommunen, wie etwa in Bayern oder Baden-Württemberg, geben, immer nur Nachbesserungen.

Bleibt das Megathema Integration, sehen Sie da Licht am Ende des Tunnels?

Schröder: Das geht bei der Definition los. Was heißt denn Integration? Jeder setzt hier andere Akzente und Prioritäten. Arbeitsintegration und Wohnen stehen meines Erachtens obenan. Ich erwarte, dass in den nächsten Monaten vielleicht zehn Prozent der Flüchtlinge richtige Jobs, auch in Hilfstätigkeiten, finden können. Der Vollzug der Integration ist tatsächlich eine völlig unterschätzte Herausforderung. Mit den Finanzen kommt man derzeit noch irgendwie zurecht. In Städten und Gemeinden sind neue Kapazitäten für Kitas und Schulen sicherzustellen, in Falkensee – zuzugsverstärkt – reden wir sogar schon vom Bau einer neuen Schule.

Bleiben wir noch bei dem Thema, wenn auch mit anderem Hintergrund – in Rathenow demonstriert regelmäßig ein asylkritisches Bürgerbündnis und in Nauen werden NDP-Mitglieder mit Brandanschlägen, auch auf Flüchtlingsheime, in Verbindung gebracht. Was macht die Politik falsch?

Schröder: Da habe ich keine befriedigenden Erkenntnisse, auf jede Demo folgt ja auch eine respektable Gegendemo. Rathenow und Nauen haben sich zu Brennpunkten entwickelt, ohne dass man die Gründe fassen kann. In Nauen kam die Debatte hoch, als es um die Entscheidung für den Containerbau für Flüchtlinge ging. Offenbar hat die rechte Szene Nauen ab dem Zeitpunkt für sich entdeckt. In Rathenow sind die Dinge nicht zeitnah zu Entscheidungen über Flüchtlingsheime passiert. Wir haben eine mobile rechte Szene und die hat aufgrund der Gesamtsituation vor allem in diesen beiden Städten offenbar ihre Plattform.

Wie geht man in dem Zusammenhang mit der Alternative für Deutschland, AfD, um – ausgrenzen?

Schröder: Ausgrenzen ist falsch, eher abgrenzen. Die AfD ist ein politischer Konkurrent, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Das sagen inzwischen auch namhafte SPD- und CDU-Politiker. Mein Gespräch 2015 mit der AfD erscheint heute wohl in einem nicht mehr so kritischen Licht. Die Bürger machen sich Gedanken, was mit ihrem Alltag passiert. Die etablierte Politik muss transparent darauf Antworten finden und nicht nur den politisch moralischen Zeigefinger heben. Mit Leuten, die eine gefestigte nationalistische oder rechtsextreme Haltung haben und keine andere zulassen, braucht man nicht diskutieren. Andererseits sind die meisten Bürger für eine überzeugende Argumentation zugänglich.

Zum Landrats-Wahlkampf: Spielt die Kandidatur Ihres Stellvertreters Roger Lewandowski für die CDU im Arbeitsalltag eine Rolle?

Schröder: Nein. Wir haben einen offenen Umgang miteinander. Mein Stellvertreter muss sein Tagwerk vollbringen und ist dann als Wahlkämpfer unterwegs. Wir machen das normale Arbeitsprogramm. Ich bleibe noch dran. Mein Büro räume ich erst in den letzten zwei Tagen aus.

Viele Landratsdirektwahlen sind an der Beteiligung gescheitert und letztendlich musste der Kreistag den Landrat wählen. Ist das die letzte Landratsdirektwahl?

Schröder: Nicht ganz. In Märkisch Oderland und einem weiteren Kreis stehen wohl noch Landratswahlen an. Danach wird das Gesetz aber sicher geändert. Selbst ehemalige Befürworter der Direktwahl sind nicht mehr überzeugt.

Was wünschen Sie sich in Zukunft von der Politik?

Schröder: Weniger Doppelzüngigkeit, Mut zur Entscheidung und den Willen, staatliche Leistungen nicht überstrapazieren, eher mehr umverteilen als immer mehr neu verteilen. Das geht auf allen Ebenen der Politik zu sehr verloren. Wir befinden uns mit unserem Land insgesamt in einer exzellenten Lage, tun aber so, als wäre das auf alle Ewigkeit festgeschrieben. Mitnichten.

Und was wünschen Sie sich privat?

Schröder: Gesundheit, so viel Freunde und Bekannte, wie man verkraften kann, und ich will reisen, um einen neuen Blick auf die Welt zu bekommen. Dazu gehören mehr Ausflüge in die Hauptstadt, die ja vor der Haustür ist, und Kurzreisen durch Deutschland.

Mann der Zahlen

Burkhard Schröder wurde 1950 geboren. Eine Politiker-Karriere wollte er nie einschlagen. Ihn zog es in die Wissenschaft, sein Herz schlug für Zahlen und Mathematik.

Im Jahr 1990 wurde Burkhard Schröder gefragt, ob er Landrat des Kreises Nauen werden wollte. Er sagte zu und der Sozialdemokrat wurde zum ersten Landrat nach der Wende im Kreis Nauen gewählt. Im Nachbarkreis Rathenow stand mit Dieter Dombrowski ein CDU-Mitglied an der Spitze der Kreisverwaltung.

In Partei und Politik hätte es Schröder weit bringen können. Immer wieder wurde sein Name für Ministerämter gehandelt – sowohl unter Ministerpräsident Stolpe als auch unter dem Nachfolger Matthias Platzeck.

Die Kommunalpolitik bleibt aber Burkhard Schröders Heimat – auch nach 1993, als aus den beiden Kreisen Nauen und Rathenow der neue Landkreis Havelland entstand.

Verabschiedet wird der Landrat am 31. März offiziell auf Schloss Ribbeck. Am 1. April übernimmt bis der neue Landrat gewählt ist sein Vize, Roger Lewandowski (CDU).

Von Joachim Wilisch und Benno Rougk

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