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„Ich bin immer für etwas“

Kathleen Kunath über die Willkommenskultur in Falkensee „Ich bin immer für etwas“

Kathleen Kunath sieht sich als Netzwerkerin: für ein besseres Zusammenleben zwischen Alt-Falkenseern und Newcomern. MAZ sprach mit der Mitbegründerin der Willkommensinitiative.

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Streitbar und optimistisch: Kathleen Kunath.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Falkensee. Falkensee kann anders – damit ging es bei der Falkenseer Willkommensinitiative los. MAZ sprach mit der Mitgründerin und Sprecherin der Initiative, mit der Sozialpädagogin Kathleen Kunath (43).


MAZ:
Bei mehr als 80 Willkommensinitiativen in Brandenburg ist Falkensee mit mehr als 400 Mitstreitern eine der größten und ältesten. Wie hat es hier angefangen?

Kathleen Kunath: Als die Falkenseer Abgeordneten Ende 2013 in einer Resolution beschlossen, Flüchtlinge willkommen zu heißen, haben wir das im Freundeskreis beklatscht. Wir fanden es großartig, nicht nur zu reagieren, sondern zu agieren. Als dann aber auf Facebook der Shitstorm losging in der Art „ihr blöden Gutmenschen“, da wollte ich nicht, dass solche Leute den Raum besetzen. Da wollte ich mehr, habe mich mit einigen Leuten zusammengetan und als Gruppe agiert.

Die hieß anfangs noch anders.

Kunath: Ja, wir nannten uns „Falkensee kann anders“, das war auf die Facebook-Kommentare bezogen. Bald war klar, wohin wir wollen, so entstand die Willkommensinitiative. Im Januar 2014 gab es das erste Treffen. Ich hatte Menschen angesprochen, von denen ich dachte, sie würden dazu passen.

Wie war der Auftakt?

Kunath: Ich war skeptisch. So ein anonymer Klick im Internet, auch für eine gute Sache, ist ja schnell gemacht. Aber wie sieht es im realen Leben aus? Zum ersten Treffen kamen mehr als 20 Leute, das war sehr gut.

Was wurde zuerst gemacht?

Kunath: Wir haben geklärt,was wir wollen, nämlich eine Willkommensinitiative für alle zu sein, das ist gar nicht auf Flüchtlinge eingeschränkt. Das war unser Credo: Weit und offen für alle sein. Deshalb war klar, wir müssen Strukturen schaffen. Ich sehe mich da als Netzwerkerin, habe viele Kontakte hergestellt. Wir arbeiten eng mit der Tafel zusammen, die Hilfe soll allen Bedürftigen zu gute kommen. Und wir haben gleich losgelegt, mit Spenden sammeln, mit Fahrräder aufmöbeln. Wir haben an jedem Wochenende an Info-Ständen gestanden, haben Willkommen-Cafés eingerichtet, haben zu Lesungen und Begegnungen eingeladen. Wir wollten nicht nur reden, sondern etwas tun.

Aber es wurde auch geredet?

Kunath: Natürlich, es war gut, dass wir so einen zeitlichen Vorlauf hatten. Da konnten wir viele Dinge klären, das war für unser Selbstverständnis wichtig. Da gab es viele Diskussionspunkte, nicht alle waren einer Meinung: Gibt es die guten Kriegsflüchtlinge und die bösen Wirtschaftsflüchtlinge? Was ist mit der Kriminalität? Ist jeder Flüchtling ein Opfer? Was ist mit der Anpassung an deutsche Gepflogenheiten? Da wurde nicht um den heißen Brei herumgeredet.

Ist die Willkommensinitiative einer Partei verbunden? Sieht sie ihre Zukunft in einer Vereinsstruktur?

Kunath: Weder noch. Wir arbeiten unter dem Dach der Lokalen Agenda in Falkensee, da passen wir gut hin. Wir haben uns Grundsätze gegeben, denen muss sich ein Mitglied verpflichtet sehen. Wir hatten so eine Debatte, als sich ein Mitmacher als Afd-Mitglied zeigte. Aber wenn er unsere Ziele unterstützt und für eine weltoffene, demokratische, bunte und lebendige Gesellschaft eintritt – bitte sehr. Vielleicht ist er dann nicht in der richtigen Partei, aber das muss er mit sich selbst ausmachen.

Sie sind Mitgründerin der Willkommensinitiative, sichten und beantworten jeden Tag neben ihrem Job Dutzende E-Mails. Wie schaffen Sie das?

Kunath: Das ging an die Substanz, wir haben inzwischen die Struktur geändert, Christoph Böhmer kümmert sich um einen großen Teil der Organisation, ich bleibe Sprecherin der Initiative.

Als Sprecherin gehen Sie manchem ganz schön auf die Nerven, etwa wenn Sie jeden Tag nachhaken und den Leuten auf die Füße treten.

Kunath: Ja, der Falkenseer Bürgermeister kann sicher ein Lied davon singen. Dabei hat er uns früh unterstützt, einen Runden Tisch zu dem Thema ins Leben erufen, das war sehr gut. Aber das reicht nicht, deshalb habe ich so lange genervt. Wir können nicht alles über ehrenamtliche Kräfte machen, wir brauchen einen Ansprechpartner der Stadt Falkensee, auch wenn vieles in den Händen des Landkreises liegt. Ehrenamtliches und hauptamtliches Tun muss verknüpft werden. So eine Schnittstelle ist jetzt auf den Weg gekommen.

Was leistet die Willkommensinitiative?

Kunath: Wir haben 16 Arbeitsgemeinschaften von Deutsch, über Beschäftigung, Sport, Kultur, Medizin bis Musik und „Fluchtursachen in Syrien bekämpfen“. Wir haben Alltagslotsen, geben Sprachhilfe, begleiten bei Behördengängen. Das hat mich sehr beeindruckt, als mir eine 13-Jährige schrieb, sie wolle helfen und gleich schrieb: „Und sagen Sie nicht, ich wär zu jung.“ Sie hat eine Patenschaft übernommen. Andere sammeln Spenden vom alten Fahrrad, über Technik bis zu BVG-Tickets.

Wo sind die Grenzen?

Kunath: Bei rechtlichen und medizinischen Fragen. Gerade bei medizinischen Fragen, etwa bei dem Umgang mit traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist es schwer. Ich fordere deshalb ein Therapiezentrum. Das soll allen in Deutschland zu gute kommen. Auch mehr Wohnungsbau ist gesamtgesellschaftlich notwendig. Wir wollen jetzt an die Bundeskanzlerin schreiben, da müssen Gesetze verschlankt werden, damit schneller etwas geschehen kann.

Mit Job und Familie wären andere schon ausgelastet. Warum setzen Sie sich so für Flüchtling ein?

Kunath: Ich bin nie gegen etwas, ich bin immer für etwas. Da werde ich aktiv. Und ich will ein gutes Zusammenleben in der Stadt. Da will ich etwas tun. Ich habe in den 80er-Jahren in der DDR das Nebeneinander von Parallelgesellschaften erlebt, ich will die Menschen zusammenbringen. Dann kann auch das Zusammenleben gelingen.

Ist die Arbeit in der Willkommensinitiative mehr Last oder Freude?

Kunath: Ohne Freude wäre die Größe der Aufgabe nicht zu schaffen. Ohne die Freude und die Freundschaften, die ich da erlebe, wäre das auf Dauer nicht zu leisten. Ich halte es da mit Rosa Luxemburg: Eine Revolution, wo ich nicht tanzen kann, ist nichts für mich. Und deshalb gibt es bei uns auch die Dinge, die Spaß machen, wie die alltägliche, freundliche Begegnung. etwa beim Newcomer-Kitchen im ASB, wo Flüchtlinge kochen.

Falkensee wird bald vier Asylheim-Standorte haben. Die berühmte Frage: Schaffen wir das?

Kunath: Ja, davon bin ich überzeugt. Wir schaffen das. Falkensee ist eine große Einwandererstadt – mehr als drei Viertel der Einwohner sind Zugezogene. Aus Stuttgart oder Berlin, Dresden oder Köln, aus Zagreb oder Aleppo.

 

Von Marlies Schnaibel

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