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„Ich stand halb nackt auf einer Eisscholle“

Der von draußen „Ich stand halb nackt auf einer Eisscholle“

Tony Hinze, Jahrgang 1986, ist das, was man gemeinhin als Naturmensch bezeichnet. Der gebürtige Rathenower liebt es, seine Freizeit draußen zu verbringen. Diese Leidenschaft hat er auf diversen Radtouren ausgelebt. Im letzten Jahr brach er zu seiner ersten großen Wanderung auf: Einmal durch Norwegen, vom südlichsten Zipfel bis zum Nordkap.

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Abenteuer pur: Der gebürtige Havelländer Tony Hinze wanderte 131 Tage durch Norwegen.

Quelle: Tony Hinze

Rathenow. Acht Jahre lang lebte der gebürtige Havelländer Tony Hinze in Berlin. Seine Jugend verbrachte er auf einer Sportschule, Judo war damals seine Leidenschaft. Längst hat er die Großstadt gegen die Natur eingetauscht. Am 5. Februar erzählt er im Rathenower Kulturzentrum von seiner Reise durch Norwegen. In 131 Tagen durchquerte er das Land – zu Fuß!

MAZ: Du nennst Dich „Der von draußen“ - wie viel Zeit verbringst Du tatsächlich an der frischen Luft?

Tony Hinze: Zum einen gibt es die größeren oder kleineren Naturprojekte, die ich auf meiner Webseite mit anderen teile. Als Privatperson liebe ich es, ohne Kamera und ohne etwas zu dokumentieren in der Natur zu sein. Das sind spontane Wanderungen oder Radtouren entlang der Elbe oder ein spontanes Frühstück am See, Ausflüge in den Harz oder mit Freunden ins Havelland. 2012 stand das erste große Abenteuer auf dem Plan. Es ging mit dem Fahrrad allein über 6000 Kilometer durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich, England, Irland, Schottland nach Norwegen. Dort angekommen radelte ich entlang der Küste bis zum Nordkap. Auf dieser Tour habe ich die Natur Norwegens lieben gelernt.

Wie bist du auf die Idee gekommen, durch Norwegen zu laufen? Hattest du eine Wette verloren?

Hinze: Eine Wette war es nicht. Ich habe die Entscheidung aus eigener Motivation getroffen. Das erste Mal habe ich von „Norge på langs“ (Norwegen der Länge nach – so der Name der Tour) gehört, als ich auf einer Radtour zum Nordkap einen jungen Mann traf, der diese Wanderung machte. Nach einem kurzen Gespräch fand ich die Tatsache Norwegen zu durchwandern sehr interessant. Auf der Radreise folgte ich immer einer Straße, so dass es mir nicht möglich war die unberührte Natur Norwegens zu entdecken. Auf meiner Wanderung bin ich dagegen teilweise sechs Tage im Gebirge unterwegs gewesen ohne einem Menschen zu begegnen. Dieses Gefühl mit der Natur alleine zu sein, war für mich ein großer Antrieb die Wanderung zu unternehmen. Außerdem wollte ich meinen Körper reizen.

Eine dreistündige Auszeit im Spa

Warum Norwegen? Gibt es irgendeine Verbindung zu diesem Land?

Hinze: Mein Vater lebt seit einigen Jahren in Norwegen, so dass ich durch ihn in Kontakt mit Norwegen kam. Es folgten einige Urlaube dort und dann die Radreise 2012.

Wie hast Du Dich körperlich und geistig vorbereitet? Hast Du die Sprache gelernt?

Hinze: In der Tat war die körperliche Belastung im Vorfeld der Reise die größte Unbekannte. Ich habe mich durch funktionelles Fitnesstraining vorbereitet. Außerdem bin ich jedes freie Wochenende im Harz gewandert. Ich konnte so meinen Körper vorbereiten und die Ausrüstung testen. Was die Verständigung betrifft, ist es für mich wichtig, den Erstkontakt mit Menschen in deren Landessprache aufzunehmen. Ich habe ein paar grundlegende Sätze in der norwegischen Sprache gelernt. Jedoch ist es kein Problem sich dort auf Englisch zu verständigen.

Hast Du jede Nacht im Zelt verbracht?

Hinze: Der norwegische Wanderverein betreibt ein weltweit einzigartiges Wanderwegenetz mit über 500 Wanderhütten. Diese Hütten liegen überwiegend an atemberaubenden Plätzen mitten in der Natur. Ich gehe davon aus, dass ich in diesem Jahr einer der besten Kunden für den Wanderverein war, da ich ungefähr die Hälfte der Übernachtungen in den kostenpflichtigen Wanderhütten und die andere Hälfte im Zelt geschlafen habe. Aber einmal war ich auch für drei Stunden im Hotel. Allerdings nur weil mich der Hotelmanager auf der Straße angesprochen hat und mich auf eine Mittagessen und eine Runde im Spa-Bereich eingeladen hat.

„Es gab eine Phase des Zweifelns“

Wie haben die Menschen auf Dich und dein Vorhaben reagiert?

Hinze: Durchweg positiv. „Das passt zu dir“ sagten sie. Ich hatte von meiner Familie und meinen Freunden volle Unterstützung. Bei meiner Mutter habe ich während der Reise ein Interesse für das Land geweckt, so dass sie mich am Polarkreis für einige Tage besuchen kam. Mein Vater war quasi mein Manager. Er sendete mir meine im Vorfeld gepackten Lebensmittelpakete an bestimmte Adressen, hatte immer das Wetter im Blick und leistete mir moralische Unterstützung wenn es mal nicht so lief.

Gab es Momente in denen Du abbrechen wolltest?

Hinze: Ich hatte nie konkrete Pläne die Reise abzubrechen. Jedoch hat man während eines Wandertages viel Zeit sich Gedanken zu machen. Nach etwa drei Viertel der Wanderung habe ich mir die Frage gestellt: Warum muss du noch zum Nordkap laufen? Warum nimmst du diese Strapazen auf dich? Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon so viele schöne Dinge in der Natur erlebt oder nette Begegnungen gehabt. Ich fühlte mich satt und hatte das Gefühl, weitere Impressionen nicht verarbeiten zu können. Es gab also eine Phase des Zweifelns. Es war aber auch eine Phase in der ich viele Kilometer an einem Tag gelaufen bin und ich das Gefühl hatte, ich renne meinem Ziel entgegen ohne die Schönheit der Natur aufzusaugen. Ich habe dann beschlossen etwas langsamer zu laufen, mehrere Pausen am Tag einzulegen, um die Umgebung wieder bewusster wahrzunehmen. Ab diesen Zeitpunkt war die Reise ein noch größerer Genuss als vorher.

Nach der Reise kommt der Kulturschock

Was waren die emotionalsten Momente während dieser Wanderung?

Hinze: Als ich nördlich des Polarkreises halb nackt auf einer Eisscholle stand und ich mich unendlich mit der Natur verbunden fühlte. Es war kein Mensch weit und breit. Eine sehr karge, eisige Landschaft. Dieser Moment war sehr euphorisch und einzigartig. Berührt hat mich auch das Gespräch mit einem älteren Ehepaar. Sie fragten mich komplett über meine Reise aus. Bei der Verabschiedung fragte mich die Frau, ob sie mich drücken kann. Nach fast 90 Tagen allein unterwegs spürte ich wieder menschliche Wärme und eine besondere Herzlichkeit. Ein sehr schöner Moment. Ganz anders als am ersten Tag. Nach etwa sieben Kilometer spürte ich eine unglaubliche Einsamkeit, ein absolutes Gefühlschaos. Mir kam die Einsicht, dass ich für eine lange Zeit ganz alleine bin.

Wie fühlte es sich an, nach vier Monaten oder 131 Tage am Ziel zu sein?

Hinze: Es waren gemischte Gefühle. Die letzten Meter zum Besucherzentrum am Nordkap waren unglaublich. Ein sehr intensives Gefühl der Freude. Es war Freude darüber, dass ich es tatsächlich geschafft habe, aber auch darüber, dass ich den nächsten Tag nicht mehr wandern musste. Ich habe mich gefreut, meine Familie bald wieder in die Arme schließen zu können. Im gleichen Moment war mir auch klar, dass das Leben, welches ich 131 Tage leben durfte, vorbei ist. Einen Tag später war ich bereits am Osloer Flughafen und drei Tage später in Magdeburg. Da war der Kulturschock vorprogrammiert.

Wandern als berufliches Standbein?

Was nimmst du mit von dieser Reise?

Hinze: Die Erkenntnis, dass das draußen in der Natur sein mir ungemein hilft, Abstand zum alltäglichen Leben zu gewinnen. Nach ungefähr sechs Wochen habe ich meinen Alltag komplett umgestellt und hatte das Gefühl, ich sei auf der Wanderung richtig angekommen. Dies ermöglichte mir ein sehr wertvollen Blick von außen auf mein Leben Zuhause. Die Erkenntnis, dass ich solch ein Projekt von der Idee bis zur Realisierung umsetzten kann.

Auf deiner Website erkennt man schnell, dass du nicht einfach nur ein Wanderer und Naturfreund bist, sondern das ganze sehr professionell aufziehst. Steckt dahinter eine größere Idee, Freiberuflicher Wanderer?

Hinze: Während meiner Wanderung habe ich mich entschieden andere Naturbegeisterte in die endlosen Weiten Norwegens zu führen. Gerade arbeite ich daran Wanderungen zu kreieren, die ich ab 2017 gerne anbieten möchte. Dabei sind meine Vorstellungen so, dass ich mit kleinen Gruppen für einige Tage in die Natur abtauchen möchte.

Planst du weitere Abenteuer ähnlicher Art?

Hinze: Ein größeres Abenteuer wie die Wanderung zum Nordkap ist konkret nicht geplant, aber im Hinterkopf passiert schon wieder etwas. Ich werde im Jahr 2016 mein Fokus auf die kleinen aber dennoch wunderbaren Naturabenteuer direkt vor der Haustür legen. Bei mir in Magdeburg fließt die Elbe fast an der Haustür vorbei. Geplant ist eine winterliche Kanutour auf der Elbe von Magdeburg nach Hamburg. Hoffentlich ist es dann so richtig schön kalt.


Von Christin Schmidt

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