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„Jede Akte erzählt eine andere Geschichte“

Bürgerberatung zur SED-Diktatur „Jede Akte erzählt eine andere Geschichte“

Wenn Menschen durch die SED-Diktatur unfair behandelt wurden, können sie sich Hilfe bei einer Bürgersprechstunde holen. Was betroffene Personen dann wissen wollen und wie lange es dauert, eine Stasi-Akte einzusehen, erklärt Michael Körner, Bürgerberater zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, im Gespräch mit der MAZ.

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Bürgerberater Michael Körner hilft bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Quelle: Melanie Höhn

Nauen. Gespräch mit Michael Körner, Bürgerberater zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

MAZ: Herr Körner, Sie beraten Personen, denen Unrecht in der DDR angetan wurde. Was wollen die Menschen wissen?

Michael Körner : Wie sie sich helfen lassen können, wenn sie beispielsweise ihren Beruf in der DDR nicht mehr ausüben durften, Gerüchte über sie verbreitet wurden oder sie aus politischen Gründen in Haft waren. Oft haben diese Menschen mit schweren gesundheitlichen Schäden zu kämpfen und müssen in dauerhafte psychiatrische Behandlung. Hier setzt meine Arbeit an: Meistens geht es um Verfahren, deren Erfolgsaussichten ich einschätze. Konkret beziehe ich mich auf die SED-Unrechtsbereinigungsgesetze. Ich helfe auch bei der Suche nach geeigneten Ärzten oder Maßnahmen.

Wie schwer haben es die betroffenen Personen, ihre Ansprüche geltend zu machen?

Körner: Oft sind die Ausgleichs- und Entschädigungsleistungen nach den Rehabilitierungsgesetzen eine Herausforderung für die Sozial- und Versorgungsämter als auch für die Betroffenen. Bis die Menschen zu ihrem Recht kommen, ist es in vielen Fällen ein harter Kampf. Hier versuche ich zu vermitteln, denn es sind meistens dicke Gutachten mit vielen Stellungnahmen. Es dauert, bis solche Verfahren abgeschlossen sind, dabei geht es um finanzielle Leistungen. Die unkomplizierten Fälle der strafrechtlichen Rehabilitierung wurden bereits in den 1990er-Jahren abgeschlossen, jetzt geht es um die komplizierten Fälle.

Nehmen viele Menschen das Angebot zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wahr?

Körner: Das längerfristige Ziel sind 40 Termine im Jahr, doch derzeit läuft es auf etwa 20 hinaus. Zehn davon finden mit der Bundesbeauftragten für Unterlagen des Stasi-Dienstes der ehemaligen DDR nur zur Akteneinsicht statt. Das ist sehr beliebt, da kommen oft mehr als 50 Personen zu einem Termin. Die anderen Beratungen mache ich alleine, wenn es um straf-, verwaltungsrechtliche sowie berufliche Rehabilitierungsmaßnahmen geht. An einem Termin kommen durchschnittlich fünf bis zehn Bürger.

Dauert es lange, um eine Stasi-Akte einzusehen?

Körner: Von der Antragstellung bis zur Einsicht sind es etwa drei Jahre. Die meisten tragen diese lange Zeit mit Fassung. Aber es gibt auch Dringlichkeitsgründe. Bisher haben etwa drei Millionen Menschen ihre Stasi-Akten bei uns eingesehen.

Worum ging es Ihrer letzten Beratung?

Körner: Da ging es um ein Mädchen, das ein gutes Abitur hatte, aber nicht studieren durfte. Das fällt in das berufliche Rehabilitierungsgesetz. Der andere Fall war ein Mann, der wegen Republikflucht zwei Jahre in Cottbus inhaftiert war und nun mit den psychischen Folgen zu kämpfen hat. Er kann nicht mehr arbeiten, doch die Arbeitsagentur glaubt ihm nicht. Ich werde ihm helfen, dass seine Erwerbsunfähigkeit anerkannt wird und er einen dementsprechenden Rentenausgleich bekommt.

Liegt Ihr Schwerpunkt auf solchen Fällen?

Körner: Ja, auf strafrechtlicher Rehabilitation: Ich berate viele Haftopfer. Fast niemand hat ein solches Erlebnis ohne psychische Schäden überstanden. Viele versuchen die Geschehnisse zu verdrängen. Irgendwann stellen sie sich ihren Erinnerungen, weil sie nicht mehr können. Sie realisieren erst dann, dass es nicht mehr geht und sie eine Therapie benötigen.

Haben Ihre Beratungen in den letzten Jahren zugenommen?

Körner: Nein, die Anzahl ist konstant geblieben. Letztendlich sind es immer ganz unterschiedliche Fälle. Jede Akte erzählt eine andere Geschichte. Die einen kämpfen seit 1993 für ihr Anliegen, die anderen erst seit 2014. Vieles, was es an Unrecht in der DDR gegeben hat, landet irgendwann mal bei uns.

 

Von Melanie Höhn

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