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Jürgen Tschirch kam als „Unterstützer“

Erinnerungen eines Ketziners: 25 Jahre Mauerfall Jürgen Tschirch kam als „Unterstützer“

Als am 9. November vor 25 Jahren der eiserne Vorhang fiel, war Jürgen Tschirch weit weg von Ketzin, räumlich und gedanklich. Inzwischen sind er und seine Familie hier verwurzelt.

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Stadtverordneter Jürgen Tschirch.

Quelle: Jens Wegener

Ketzin/Havel. Er kam 1991 als „Unterstützer“ aus dem Raum Köln nach Potsdam in die Mittelbrandenburgische Sparkasse nach Potsdam. Was eigentlich nur für eine Übergangszeit geplant war, dauert bis heute an. Jürgen Tschirch (60) und seine Familie sind Ketziner Bürger und haben den Wechsel in den Osten Deutschlands nicht bereut.

MAZ: Vor 25 Jahren ging in Berlin die Mauer auf. Sie waren damals im Raum Köln fest verankert. Wie haben Sie den Abend des 9. November 1989 erlebt?

Jürgen Tschirch: Wie wahrscheinlich viele Wessis vor dem Fernseher mit der Familie. Mein erster Gedanke, als ich die Menschen in Berlin über die Grenze strömen sah, war: Jetzt können wir öfter zur Cousine in den Osten fahren und sie kann uns besuchen.

Waren Sie vor 1989 schon mal in der DDR?

Tschirch: Meine Mutter stammt aus dem Vogtland bei Klingental. Als Kind war ich 1962 und 1967 dort mal zu Besuch. Aber genau erinnere ich mich daran nicht mehr. Aber zur Cousine sind wir ein paar Mal in die DDR gefahren.

Wie kam es dazu, dass Sie dann beruflich in die neuen Bundesländer gingen?

Tschirch: Ich war Mitarbeiter bei der Sparkasse Köln. Die hatte eine Partnerschaft mit der Mittelbrandenburgischen Sparkasse Potsdam. Als die Frage aufkam, wer würde dorthin gehen und beim Aufbau der neuen Strukturen mitmachen, habe ich mich freiwillig gemeldet.

Weil es finanziell reizvoll war und es die berüchtigte „Buschzulage“ gab?

Tschirch: Nein. Ehrlich nicht. Es gab Vergünstigungen für die Heimfahrten an den Wochenenden. Und ich bin innerhalb der Sparkasse aufgestiegen. Aber gemacht habe ich das aus dem Grund, weil ich wusste, hier im Osten kannst du etwas bewegen. Hier wird alles neu aufgebaut. Im Westen waren die Strukturen über Jahre gewachsen und verkrustet.

Sie landeten dann in Nauen?

Tschirch: Ja, ich kam im August 1992 als Gebietsdirektor für die Region nach Nauen und habe etwa 40 Mitarbeiter betreut. Noch heute ziehe ich den Hut, weil die so ein Engagement an den Tag gelegt haben. Trotz Familie, trotz der langen Arbeitstage wollten sich fast alle an Wochenenden qualifizieren.

Sie sind im Havelland geblieben, wohnen inzwischen in Paretz. Wie haben Sie diese Integration hinbekommen?

Tschirch: Das war recht einfach. Ich bin ein offener Mensch, meine beiden Söhne sind hier in Ketzin in die Schule gekommen, haben hier Fußball gespielt. Dann ergeben sich automatisch Kontakte. In Paretz habe ich ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn. Abneigung gegenüber Wessis habe ich nicht erfahren. Auf einer Veranstaltung im Landkreis Oberhavel vor vielen Jahren wurde ich mal gefragt, ob ich einen Unterschied zwischen Ossi und Wessis sehe. Ich habe geantwortet: Ar...löcher gibt es überall – im Osten wie auch im Westen. So ist es.

Ihnen fiel die Eingewöhnung also nicht schwer?

Tschirch (lacht): Doch. Ich musste mich an Begriffe wie Schrippe, Broiler oder Kadergespräch gewöhnen. Eine Kollegin in Nauen fragte mich 1992, ob sie mir zum Mittag einen Broiler mitbringen solle. Ich habe gesagt, dass ich keinen Hunger hätte. Aber ich wusste doch gar, was sie meinte.

Mittlerweile sind Sie in der Kommunalpolitik in Ketzin eine feste Größe, sie sitzen im Kreistag Havelland und sind Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung. War dieses politische Engagement geplant?

Tschirch: Politik fand ich immer interessant. Aber 1993 habe ich zunächst in Nauen im „Volksgarten“ viele Veranstaltungen besucht, bin in die SPD eingetreten, habe in Ketzin viele Leute kennen gelernt und erfahren, dass man wirklich etwas mitgestalten kann. Dann plötzlich, als Hans-Joachim Schneider nicht mehr als SPD-Ortsvereinschef in Ketzin antreten wollte, hat der mich gefragt und ich wurde am Ende gewählt. Seit 2000 bin ich Stadtverordneter und habe auch diesen Schritt nie bereut. Es wird auch mal gestritten unter den Parteien, auch innerhalb der SPD. Aber hinterher können wir uns in die Augen gucken.

Welche politischen Erfolge und Misserfolge haben Sie erfahren?

Tschirch: Da ich aus dem Bereich Finanzen komme, vorwiegend mit Firmenkunden zu tun habe, war mir schon damals klar, dass das größte Ketziner Wohnungsbauprojekt mit 500 Einheiten in den Silos des Kraftfuttermischwerkes nichts werden kann. Auch ein mal beabsichtigter Premium-Campingplatz in Ketzin konnte aus meiner Sicht von vorn herein nicht funktionieren, weil die Klientel dafür nicht da ist. Aber grundsätzlich hat sich in der Stadt einiges getan. Ich bin stolz darauf, daran einen kleinen Anteil zu haben. Was jetzt aus meiner Sicht wichtig ist, ist das Ketziner Leitbild 2030, das die SPD maßgeblich angeschoben hat. Das ist die theoretische Handlungsgrundlage für die Kommunalpolitik in dieser Stadt für die nächsten Jahre. Das müssen wir noch bekannter, öffentlicher machen.

Sie sind jetzt 60 Jahre alt. Die Rente rückt näher. Denken Sie daran, später in ihre Heimat in Troisdorf zurückzukehren?

Tschirch: Wenn Sie mich das Anfang 1992 gefragt hätten, hätte ich Ja gesagt. Heute sage ich zwar nicht niemals, aber es ist unwahrscheinlich. Wir fühlen uns in Ketzin sehr wohl. Sogar das geliebte Kölsch kann ich hier kaufen. Das einzige, was wir vermissen, ist der Kölner Karneval. Ich habe meine Frau 1974 auf einem Rosenmontagsball kennen gelernt. Übrigens waren wir nicht verkleidet. Aber ich weiß inzwischen, dass es in Berlin ein Kölsches Bierhaus gibt, wo zum Karneval die Post abgeht. Da werden wir auch mal wieder hingehen.


Von Jens Wegener

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