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Junge Syrer sprechen über ihre Flucht

Dankbar für den Frieden Junge Syrer sprechen über ihre Flucht

Alaa Al Hafez ist dem sicheren Tod in Syrien entgangen. Er floh von Damaskus in die Türkei, nahm Bruder und Schwager den gefährlichen Weg übers Mittelmeer mit. Sie vertrauten ihr Leben einem Schleuser an. Nun sind sie in Rathenow – und können die Ängste der Menschen verstehen. Doch die wollen sie ausräumen und der Gesellschaft etwas zurückgeben.

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Alaa Al Hafez (Mitte) mit seinem Bruder Ammas (l.) und seinem Schwager Wasim Al Doughri

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. „ Wir sind müde, aber glücklich“, sagt Alaa Al Hafez. Der 32-jährige Syrer kam Anfang Juni mit seinem Bruder Ammas und seinem Schwager Wasim Al Doughri nach Deutschland. Alaa hatte sein Land verlassen, weil man ihn zum Militärdienst zwingen wollte. Er sollte kämpfen, nur wofür kämpfen in diesem sinnlosen Krieg, das wusste er nicht. „Ich will kein Blut an meinen Händen haben“, sagt Alaa. Um den sicheren Tod in der Heimat zu entgehen, entschied er sich für die Flucht verbunden mit der Hoffnung auf ein neues Leben.

Von Damaskus floh er in die Türkei, wo sein Bruder Ammas auf ihn wartete. Auch Wasim folgte. Er war zuvor mit Frau und Kindern in den Jordan gegangen um irgendwie zu überleben. Als Feuerwehrmann kämpfte er in Syrien an forderster Front. „Wir waren das Kanonenfutter“, erzählt der 38-Jährige auf Arabisch, sein Schwager übersetzt die Worte in sauberes Englisch. In zwei Jahren starben 25 Männer seiner Einheit. Auch Wasim entschied sich für die Flucht statt den Tod.

Für 4000 Euro im Lkw nach Deutschland

Doch auch in der Türkei gab es keine Chance auf das erhoffte neue Leben. Als Syrer waren sie nicht willkommen und fanden keine Arbeit, dabei haben Ammas und Alaa einen Universitätsabschluss in Ökonomie. Gemeinsam entschieden sie sich die Reise nach Deutschland zu wagen – über den Seeweg nach Griechenland und schließlich für 4000 Euro pro Person im Laderaum eines Trucks nach Deutschland.

Irgendwo in Bayern, am Rande einer Ortschaft spuckte der Lkw die drei Männer aus. Dass sie tatsächlich in Deutschland waren, glaubten sie erst, als sie in einer McDonalds-Filiale den GPS Empfang ihres Handys aktivierten. Quer durchs Land ging nun die Reise, irgendwann fanden sie sich in der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt wieder, Anfang August endete ihre Odyssee in Rathenow. In der Asylunterkunft im Birkenweg teilen sie sich jetzt ein Zimmer.

Es geht nicht um Religion, sondern um Politik

Sie fühlen sich wohl in der Stadt, wollen hier bleiben und sich ein neues Leben aufbauen. „Die Menschen hier sind warmherziger als zum Beispiel in Eisenhüttenstadt, dort ist man uns auf der Straße aus dem Weg gegangen, hier sagt man Hallo und lächelt uns an.“ Wirklich? Alaa senkt den Blick. „Naja, nicht alle. Manche zeigen uns auch den Finger“, ergänzt er fast entschuldigend und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich verstehe ihre Ängste.“

Alaa Al Hafez vor der Asylunterkunft im Birkenweg in Rathenow

Alaa Al Hafez vor der Asylunterkunft im Birkenweg in Rathenow.

Quelle: Christin Schmidt

„Unsere Stimmen sind zu laut, unsere Sprache klingt komisch und wenn du Araber bist, bist du Moslem und als Moslem könntest Du auch ein Terrorist sein“, erklärt der 25-jährige Ammas. Sie sind wütend, dass Menschen im Namen ihrer Religion töten. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, denn der gebe niemanden das Recht einen Menschen zu töten, nur weil er einen anderen Glauben hat. Es gehe in diesem Krieg nicht um Religion, sondern um Politik. „Die einzige Wahrheit ist, dass dort Menschen sterben“, macht Alaa deutlich. Er will ein friedliches Bild des Islam vermitteln, „nicht weil ich Moslem bin, sondern weil ich ein Mensch bin.“

„Wir sind nicht hier um rumzusitzen“

Alle drei haben mittlerweile einen Aufenthaltstitel, sind als Flüchtlinge anerkannt und können jetzt aus dem Asylbewerberheim in eine eigene Wohnung ziehen. Sie sind unendlich dankbar für die Hilfe, die sie in Deutschland erfahren und es ist ihnen ein großes Bedürfnis, sich dafür zu bedanken. Immer wieder fragen sie, ob sie nicht irgendwie helfen können, ehrenamtlich tätig werden, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. „Wir sind nicht hier um rumzusitzen und zu schlafen. Es geht uns auch nicht um das Geld, es geht uns darum, zur Gesellschaft zu gehören“, erklärt Alaa mit wachen Augen und flehendem Blick.

Wasim, der nicht nur ausgebildeter Feuerwehrmann ist, sondern auch eine medizinische Ausbildung hat, würde gern bei der hiesigen Feuerwehr oder beim Deutschen Roten Kreuz helfen. „Natürlich müsste ich einiges lernen, das syrische System ist ja anders als das deutsche, aber Hilfsarbeiten könnte ich machen“, so der 38-Jährige.

Das größte Problem ist derzeit die Sprache. Noch müssen sie auf einen Platz in einen Kurs warten, aber ohne Sprache ist es schwer sich zu integrieren. „Wir wollen doch zeigen, das Syrer gute Bürger und Nachbarn sind, dass wir friedlich sind und uns integrieren. Wir wollen nicht die Fremden sein, wir wollen Teil dieser Gesellschaft sein“, betonen die drei sympathischen jungen Männer.

Von Christin Schmidt

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