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Kraniche geben in Jahnberge den Ton an

Havelland Kraniche geben in Jahnberge den Ton an

Mit unserer Serie „MAZ zu Hause in...“ sind wir diesmal im Wiesenauer Ortsteil Jahnberge unterwegs. Das Dorf war nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch zum zweiten Mal besiedelt worden, Flüchtlinge erhielten dort Land. Im Herbst findet man auf den Feldern rund um Jahnberge tausende Kraniche, die sich für den Flug nach Süden stärken.

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Jedes Jahr im Herbst bevölkern tausende Kraniche die Felder rund um Jahnberge. Sie stärken sich für den Weiterflug Richtung Süden.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Jahnberge. Jedes Jahr im Herbst erlebt Jahnberge ein Naturschauspiel. Tausende Kraniche stärken sich auf den abgeernteten Maisfeldern rund um den 117-Seelen-Ort für den Weiterflug. Immer wieder steigen die Schwärme in den Himmel, erfüllen wochenlang mit ihrem typischen Trompeten die Luft. Für die Jahnberger ist das Normalität, nichts Besonderes. „Die Kraniche hat es hier schon immer gegeben“, sagt Hannelore Schalowski. Die 82-Jährige hat die Vögel des Glücks bereits sehr oft kommen und abfliegen sehen, denn sie lebt seit 1945 in dem Ort: Ihre Familie kam als Flüchtlinge aus Ostpreußen.

Aber es gibt auch Bewohner, die sind extra wegen der Kraniche nach Jahnberge gekommen, so wie Anke Goersz. Sie hat dort seit 2006 ihr Zuhause, kümmert sich im Auftrag des Naturschutzbundes um die Großvögel. „Ich habe vorher in Berlin gewohnt, die Kraniche haben mich hergezogen. Es ist schon ein Geschenk, hier wohnen zu dürfen in der Natur“, schwärmt die 76-Jährige. Bei aller Begeisterung aber hat die Abgeschiedenheit auch ihre Schattenseiten. „Die Verkehrsanbindung ist relativ schlecht. Die Alten, zu denen ich ja auch gehöre, haben irgendwann das Problem, dass sie nicht mehr fahrtüchtig sind“, sagt sie.

Das Problem der schlechten Busanbindung haben aber auch Jüngere. „Wir wohnen hier sehr toll, die Natur ist grandios. Aber ohne Auto kommt man hier nicht weg“, sagt Martina Lier, die mit ihrer Familie 2009 aus Berlin nach Jahnberge kam. Denn die Verkehrsanbindung ist Richtung Fehrbellin besser als ins Amt Friesack, zu dem Jahnberge gehört. Die 52-Jährige würde sich wünschen, dass das Dorfleben besser funktioniert. „Wir dachten, dass man sich auch einfach mal trifft am Wochenende“, sagt sie. Doch Alteingesessene und Dazugekommene seien eher getrennt.

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Erstmals wurde das Luchgebiet um Jahnberge 1934 parzelliert, die Siedlungsgenossenschaft „Eigene Scholle“ entstand. Mit Ende des 2. Weltkrieges hörte sie auf zu existieren.

Nach dem Krieg kamen Flüchtlinge nach Jahnberge und siedelten sich dort an, wohnten anfangs in primitiven Gebäuden beziehungsweise Baracken und sogar in Erdhöhlen. Von 1949 bis 1952 entstanden Häuser für Neubauern.

Eine zweite Flucht setzte Ende der 50er-Jahre bis 1961 ein. Allein in einer Nacht verließen 13 Familien Haus und Hof und gingen in den Westen, die Bevölkerungszahl sank dramatisch – von 149 (1957) auf dann 72. Doch rasch nahm die Zahl wieder stetig zu.

2005 hatte die damalige Schülerin Marleen Herzlieb, die immer ihre Ferien in Jahnberge verbracht hatte, einen Film für den Unterricht gedreht. Sie interviewte Einwohner zur Geschichte. Entstanden ist der Streifen „Wo die Erde schwarz ist“ und damit ein Zeitdokument.

Dabei hatte Ortsvorsteherin Elke Bonanaty einiges versucht, um das Dorfleben in Schwung zu bringen. Die 51-Jährige, selbst Zugezogene seit 2001, initiierte regelmäßig Veranstaltungen. „Es gab Zeiten, in denen wir fast jeden Monat etwas gemacht haben“, sagt sie. Knutfest, Kaffeetafeln, Eisbeinessen, die Feier am Einheitstag und anderes mehr. „Ich habe es jetzt aber aufgegeben, eine Gemeinschaft erzwingen zu wollen“, sagt sie etwas resigniert. Auch das Dorfgemeinschaftshaus hat eine ungewisse Zukunft, „weil es immer weniger vermietet wird“.

Hannelore Schalowski stellt fest, „dass es früher schöner und der Zusammenhalt größer war“. Das hängt zweifellos mit der Geschichte zusammen. Denn wie ihrer Familie ging es auch vielen anderen, die kurz nach dem Krieg Jahnberges „zweite Besiedlung“ einleiteten. Not schweißt zusammen. „Hier war nichts gewesen, nur ein paar Baracken des Arbeitsdienstes, vier Schornsteine und schwarze Erde wie bei uns zu Hause“, sagt Bertholdt Hübscher (81), einst Treckerfahrer in der LPG „Blühendes Luch“. Auch Kriegsgefangene arbeiteten eine Zeit lang auf den Feldern. 1946 wurde das Land neu parzelliert, 42 Siedler erhielten Grund und Boden.

Bis Anfang der 50er-Jahre entstanden Häuser für die Neubauern, die alle als Flüchtlinge nach Jahnberge gekommen sind, teilweise nur mit einem Koffer. „Da gab es eine gute Gemeinschaft, jeder half jedem. Mit dem Pferdewagen haben wir damals die Steine vom Bahnhof Lobeofsund geholt“, erinnert sich Hannelore Schalowski – viele Jahre Melkerin. Auch die Schule, das heutige Dorfgemeinschaftshaus, entstand 1953 so.

Die Lage Jahnberges am Rand des Havellandes und die fehlende Busanbindung nach Friesack führte jahrelang dazu, dass sich viele eher nach Fehrbellin orientierten. Auch der Konsum wurde zu DDR-Zeiten von dort beliefert – und zwar besser als der in den havelländischen Nachbardörfern. „Einer aus Brädikow hatte scherzhaft gesagt, ich fahre jetzt mal nach Jahnberge in den Intershop“, weiß Frieda Tygör.

Bis kurz nach der Wende hielt ein Fehrbelliner Arzt in Jahnberge Sprechstunden ab, und unlängst kam sogar noch der Pfarrer aus Fehrbellin zum Gottesdienst, jetzt ist der Friesacker Udo Gerbeth zuständig. Wie die Kirchenälteste Christina Lange sagt, besuchen bis zu zehn Leute die Gottesdienste. „Es gibt einen gewissen Stamm, meist sind es Ältere“, sagt sie. Zusammen mit einem weiteren Einwohner bereitet die 53-Jährige die Gottesdienste der evangelischen und der Freikirche Falkensee vor und hofft, dass es nun mit einem neuen Fußboden in der Kirche – einem Flachbau – klappt.

Von Andreas Kaatz

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