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„Längerer Stromausfall kann jederzeit eintreten“

Ilona Pagel im MAZ-Gespräch „Längerer Stromausfall kann jederzeit eintreten“

Wenn plötzlich kein Strom mehr fließt, dann kann das öffentliche Leben zusammenbrechen. Die Stadt Nauen will für einen solchen Fall gewappnet sein und trifft Vorsorge. Eine Übung Ende 2015 zeigte, was schon gut klappt und wo noch nachgebessert werden muss.

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Ilona Pagel an einem der Notstromaggregate.

Quelle: Andreas Kaatz

Nauen. Ein flächendeckender Stromausfall über mehrere Stunde oder gar Tage hätte gravierende Folgen. Die Stadt Nauen befasst sich seit 2014 mit diesem Thema und rüstet sich für einen solchen Fall. Wie dies genau aussieht, darüber gibt die Fachbereichsleiterin für Ordnung und Sicherheit Ilona Pagel Auskunft.

MAZ: Frau Pagel, wie wahrscheinlich ist, dass die Stadt Nauen einen Stromausfall über mehrere Stunden oder Tage verkraften muss?

Ilona Pagel: Grundsätzlich haben wir hierzulande eine sehr hohe Versorgungssicherheit. Aber auch wenn viele glauben, dass dies immer so sein muss, gibt es doch Situationen, bei denen es an neuralgischen Punkten zu Havarien kommen kann, die langwierige und auch große Gebiete umfassende Stromausfälle nach sich ziehen können.

Das wären?

Pagel: Beispielsweise Naturereignisse. Extrem starke Schneefälle können Masten umknicken lassen, wie es vor einiger Zeit im Münsterland geschehen ist. Aber auch die Terrorgefahr oder technische Probleme spielen eine Rolle. Darüber hinaus hört man von Experten, dass mit der Abschaltung der Kohlekraftwerke und dem Setzen auf alternative Energien immer mehr die Sicherheit einer gleichmäßigen Versorgung beeinträchtigt wird. Denken wir nur an eine der letzten Sonnenfinsternisse, die die Versorgungssicherheit von Solaranlagen und damit die Gesamtversorgung plötzlich in Frage stellte. All das kann dazu führen, dass es zu Havarien kommt. Wir sind der Meinung, dass ein längerer Stromausfall jederzeit eintreten kann. Zugegebenermaßen hatten aber auch wir uns lange Zeit gescheut, uns mit diesem Thema zu befassen.

Die Stadtverwaltung führte im Herbst 2015 eine Übung durch, der das Szenario eines mehrstündigen Stromausfalls zugrunde lag. Wäre die Stadt auf einen solchen Fall vorbereitet?

Pagel: Es war bereits die zweite Übung nach 2014, die damals vorrangig über Fachvorträge abgehalten wurde. Jetzt ging es auch um praktische Dinge. Bei der Vollübung 2015 konnten wir feststellen, dass die Alarmierung funktionierte, auch die Notstromversorgung des Rathauses klappte. Der Führungsstab hat seine Arbeit aufgenommen und konkrete Einsatzaufgaben abgearbeitet. Am Tisch saßen außerdem Vertreter von Einrichtungen der Stadt und eine Vertreterin des ASB-Pflegeheimes. Außerdem wurden die Licht- und Versorgungspunkte für die Bevölkerung - die Arcoschule und das Feuerwehrgebäude in Groß Behnitz - in Betrieb genommen sowie die beiden Nottankstellen.

Nottankstellen? Warum sind die angesichts mehrerer Tankstellen in der Nähe nötig und wo befinden sie sich?

Pagel: Wo sie sich befinden, dazu möchte ich nichts sagen. Die Kraftstofflager sind ein Ergebnis der ersten Übung 2014. Wir mussten nämlich feststellen, dass die Tankstellen im Umkreis bei einem Stromausfall nicht in der Lage sind, Diesel oder Benzin zu pumpen. Da wir aber für den Betrieb der Stromaggregate sowie für die Einsatzkräfte und Fahrzeuge des Katastrophenschutzes und der Versorgungsunternehmen unbedingt Kraftstoff benötigen, haben wir uns für den Katastrophenfall unabhängig gemacht.

Das öffentliche Leben ist ja sehr vom Strom abhängig, wie abhängig ist es in Nauen?

Pagel: Ich war selber erschrocken, was ein mehrstündiger oder -tägiger Stromausfall für Folgen hätte. Nehmen wir nur die Abwasserentsorgung. Die Hebeanlagen würden ausfallen. Die Fäkalien würden sich an den stromlosen Pumpwerken sammeln. Somit müsste das Schmutzwasser von der Havelländischen Abfallwirtschaftsgesellschaft (HAW) mobil entsorgt werden. Außerdem dürfte nur so viel Trinkwasser ins Netz geleitet werden, wie Schmutzwasser entsorgt werden kann. Die Menschen im Geschosswohnungsbau müssten ihre Fäkalien selbst zu Einlassstellen bringen, die extra einzurichten sind.

Ab wie viel Stunden Stromausfall muss die Stadtverwaltung aktiv werden?

Pagel: Es reicht, dass der Strom vier bis acht Stunden weg ist – dann würden die Folgen bereits das Ausrufen des Katastrophenfalles erforderlich machen. Allein die Ursachenforschung kann schon vier bis fünf Stunden in Anspruch nehmen. In der Zeit könnte es etwa für Menschen, die auf Gerätemedizin wie Beatmungsgeräte angewiesen sind, schon kritisch werden. Denn die Akkus reichen nur für etwa vier Stunden. Da besteht durchaus die Gefahr, dass auch Menschen sterben können.

Was ist mit der Landwirtschaft?

Pagel: Auch da wären die Folgen verheerend. Denn wie wir festgestellt haben, könnte etwa die Hälfte des Kuhbestandes nicht gemolken werden, weil keine Notstromaggregate zur Verfügung stehen. Es gibt Landwirte, die sich auf einen solchen Fall eingestellt haben, andere hingegen nicht. In großen Schweinemastanlagen würden die Tiere nach vier Stunden ohne Kühlung verenden. Deshalb muss die Alarmierungskette sofort starten, damit man keine Zeit verliert.

Wäre es übertrieben oder sollten sich auch die Bürger auf einen möglichen Stromausfall vorbereiten?

Pagel: Auf jeden Fall, die Eigenvorsorge der Bevölkerung ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir möchten, dass die Leute über das Thema nachdenken. Das fängt schon bei der Heizquelle an. Wer etwa in seinem Haus eine Gasheizung besitzt, wird nicht heizen können. Der Brennstoff gelangt zwar trotzdem durch die Leitungen bis zum Haus, aber ohne Strom funktioniert die Anlage nicht. Ein Kaminofen wäre in solchen Fällen als Alternative hilfreich.

Woran ist noch zu denken?

Pagel: Gute Dienste leistet auch ein Campingkocher, und man sollte immer Mineralwasser im Keller haben, um ein paar Tage überstehen zu können, weil dann die Geschäfte nicht offen haben. Das trifft auch für Apotheken zu. Die Bevorratung mit lebenswichtigen Medikamenten für rund zwei Wochen kann für den Einzelnen in einem solchen Fall über Leben und Gesundheit entscheiden. Außerdem muss man sich Gedanken machen, wie man an Informationen gelangt, etwa mit Hilfe eines batteriebetriebenen Radios oder des Autoradios. Telefone und Handys funktionieren nicht mehr.

Was ist mit den Leuten, die diese Möglichkeiten nicht haben?

Pagel: Dafür richten wir die Licht- und Versorgungspunkte als Anlaufstellen für die Bevölkerung und Unternehmen her. So wurde die Arco-Schule in der Kernstadt bereits mit einem Anschluss für Notstromaggregate ausgestattet und das Stromnetz im Haus entsprechend angepasst. Wie die Übung zeigte, funktionierte es auch. Das gleiche gilt für das Feuerwehrgebäude in Groß Behnitz. Der Licht- und Versorgungspunkt Arco-Schule wird der zentrale Anlaufpunkt für die Gewinnung von Informationen und das Absetzen von Hilferufen nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für Unternehmen sein.

Welche Schlussfolgerungen hat die Stadt aus der Übung gezogen?

Pagel: Wir wissen nun mehr als andere, worauf es in solchen Fällen ankommt. Zahlreiche Probleme wurden aufgedeckt. Beispielsweise ist die Evakuierung von Pflegeheimen in solchen Fällen nicht gelöst, da müssen die Betreiber noch Vorsorge treffen. In den nächsten Jahren soll auch in den anderen Ortsteilen die Feuerwehrgerätehäuser einen Notstromanschluss erhalten, wenn dort eine Sanierung geplant ist. Als nächstes kommen die Feuerwehrgebäude in Markee und Börnicke an die Reihe. Und wir konnten ausprobieren, wie viele Betten in die Turnhalle der Arco-Schule passen, was zu tun ist, um die Toiletten dort für tausend Menschen fitzumachen.

Reichen die vorhandenen Notstromaggregate überhaupt aus?

Pagel: Nein. Wir wollen in Zukunft weitere anschaffen, aber das geht nur Schritt für Schritt, denn es kostet viel Geld. Wir denken auch über den Erwerb eines Satellitentelefons nach. Jetzt müssen erst einmal die Einsatzunterlagen überarbeitet werden. Wichtig ist, die Schutzziele festzulegen, um die Grundversorgung mit Nahrung und Wasser sowie die Gewährleistung der Notdurft sicherzustellen sowie die sogenannten schützenswerten Einrichtungen zu bestimmen, die im Falle eines Falles vorrangig durch die Gemeinde zu versorgen sind. Die Auswertung der Übung dauert noch eine Weile. Die nächste ist für 2018 geplant.

Ist Nauen die einzige Kommune in der Region, die sich mit dem Thema Stromausfall so intensiv befasst?

Pagel: Das kann ich nicht genau sagen. Das Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen GmbH hat uns aber bescheinigt, dass wir in der Frage durchaus ein Leuchtturm sind. Ich selbst bin froh, dass wir diesen ersten Schritt gegangen sind, aber mehr ist es auch noch nicht.

Von Andreas Kaatz

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