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Leben auf sechs Quadratmetern

Zusammenrücken in der Asylunterkunft Leben auf sechs Quadratmetern

Rund 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Eine Völkerwanderung wie es sie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat. Allein für Brandenburg rechnet man in diesem Jahr mit rund 24.700 Flüchtlingen. Um noch mehr Asylsuchende aufnehmen zu können, wird die Unterkunft im Rathenower Birkenweg künftig bis zu 225 statt wie bisher 168 Menschen aufnehmen.

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Alaa Alhafez kam Anfang August in Rathenow an. Der 32-jährige Syrer ist studierter Ökonom. Er teilt sich die 18 Quadratmeter in der Sammelunterkunft mit seinem Bruder und seinem Schwager.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Leben auf knapp sechs Quadratmetern, das hat nichts mit Luxus zu tun und dennoch sind viele Menschen dafür dankbar. Wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. 6,5 Quadratmeter stehen laut Vorgaben des Bundes einem Asylbewerber in einer Unterkunft zu. Dennoch ist dieser Mindeststandard angesichts des enormen Zustroms von Flüchtlingen mittlerweile auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr. Tausende Flüchtlinge verbrachten die vergangenen Wochen bei Gluthitze in Zeltstädten. Bilder von ganzen Familien, die in Berlin auf der Straße schlafen, weil für sie kein Platz mehr ist, zeigen das Ausmaß der größten Völkerwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Auch der Landkreis Havelland steht vor einer großen Herausforderung und ist bemüht, allen zugewiesenen Asylsuchenden den Mindeststandard zu bieten. Gerade wurde die Prognose für das laufende Jahr erhöht. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, man rechnet aber mit 500 bis 600 zusätzlichen Asylsuchenden. Im Juli war man beim Landkreis noch davon ausgegangen, in diesem Jahr rund 1200 Menschen aufzunehmen. Schon lange ist klar, die vorhandenen Unterkünfte werden dafür nicht ausreichen. Neue Unterkünfte sind in Planung oder werden bereits gebaut.

Besser Dreibettzimmer als Notunterkünfte in Turnhallen

Für die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft im Rathenower Birkenweg bedeutet das: Zusammenrücken. Bisher waren die 85 Zimmer mit je zwei Personen belegt. Bei knapp 18 Quadratmetern blieben einem Asylsuchenden neun Quadratmeter – und das zum Teil über viele Jahre. Mit 168 Menschen war die Unterkunft bisher voll belegt. Das ist jetzt anders. Seit Juli werden nach und nach aus den Zweibettzimmern, Wohnräume für drei Personen. 198 Menschen sind aktuell hier untergebracht.

Weil der Landkreis, der zuständig für die Verteilung der Asylbewerber ist, keinen Platz mehr hat, müssen die vorhandenen Kapazitäten voll ausgereizt werden. „Wir haben uns entschieden, die Zimmer mit drei Betten zu belegen. Damit liegen wir noch immer im Rahmen des Mindeststandards und es ist immer noch besser, als die Menschen in Turnhallen unterzubringen“, sagt Sven Leist, Geschäftsführer der AWO Betreuungsdienste gGmbH mit Sitz in Friesack, die das Heim im Auftrag des Landkreises leitet.

Bis Jahresende sollen zwei Containerdörfer entstehen

Dennoch wird es nicht ohne die Umfunktionierung von Gebäuden in Asylunterkünfte gehen. In Nauen soll im September die Turnhalle des Oberstufenzentrums als Notunterkunft für 100 Menschen hergerichtet werden. In Rathenow werden noch Anfang September bis zu 100 Asylsuchende in einem Gebäude der Firma Essilor im Rathenower Hasenweg einziehen. Auch das soll nur eine Übergangslösung sein, bis die geplanten Unterkünfte in Nauen (220 bis 250 Plätze) und Falkensee (160 Plätze) im Frühjahr 2016 bezugsfertig sind. Bis Ende dieses Jahres sollen außerdem in Dallgow-Döberitz im Artilleriepark (194 Plätze) und in Schönwalde-Glien im Erlenbruch (400 Plätze) Containerdörfer entstehen. Auch in Wustermark und Brieselang plant der Landkreis Sammelunterkünfte.

Das 1979 errichtete Gebäude im Rathenower Birkenweg wird derzeit saniert

Das 1979 errichtete Gebäude im Rathenower Birkenweg wird derzeit saniert. Ursprünglich bot es Platz für 168 Asylbewerber. Nun werden die Zimmer mit drei statt wie bisher zwei Personen belegt. 225 Menschen sollen so unterkommen.

Quelle: Ch. Schmidt

In Rathenow gehört die Aufnahme von Asylbewerbern längst zum Alltag. Jede Woche, manchmal täglich nimmt Heimleiterin Sandy Kias neue Bewohner im Birkenweg in Empfang und verteilt sie auf die Zimmer. Keine leichte Aufgabe, zumal die Sammelunterkunft seit zwei Jahren Schritt für Schritt saniert wird und die Bewohner zum Teil innerhalb des Hauses umziehen müssen. Vor zwei Wochen kam auch Alaa Alhafez mit seinem Bruder und seinem Schwager in Rathenow an. Die drei Männer aus Syrien teilen sich ein Zimmer, das war ohnehin ihr ausdrücklicher Wunsch. Sie wollten zusammenbleiben. Lieber weniger Platz und dafür in Familie statt allein.

Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz sind gefragt

Nicht immer ist die Verteilung der Zimmer so einfach. Wenn zwanzig verschiedene Nationen auf engstem Raum zusammenleben müssen, ist Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz gefragt. Die Betreuer achten darauf, das Konfliktpotenzial so gering wie möglich zu halten und berücksichtigen bei der Belegung Kultur, Geschlecht und Religion, wie Sven Leist erklärt. Schon allein deshalb können nicht alle Zimmer immer voll belegt werden.

Nach der Sanierung, die laut Plan 2016 abgeschlossen werden soll, bietet die Gemeinschaftsunterkunft im Birkenweg Platz für 225 Menschen. Rund vier Millionen Euro investiert der Landkreis in die Sanierung des Objekts am Birkenweg, das seit dem Bau 1979 keine grundlegende Sanierung erlebte. Die je rund 18 Quadratmeter großen Räume mit angegliederter Nasszelle erhalten nach und nach einen neuen Anstrich und eine neue Küchenzeile. Auch die kleinen Bäder werden überholt, ebenso die Elektroleitungen. Zudem wird auf ein modernes erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk umgestellt. Seit 2013 laufen die Arbeiten. Die Hälfte der Zimmer ist inzwischen fertig. Da der Zustrom an Flüchtlingen aber derzeit so groß ist, muss für dieses Jahr ein Baustopp eingelegt werden. Am Dach und an der Fassade wird weitergearbeitet, die Sanierung der Zimmer kann wohl erst im nächsten Jahr fortgesetzt werden.

Auch in der Unterkunft im Grünauer Weg, die im März dieses Jahres bezogen wurde und mit 87 Bewohnern voll belegt ist, stehen jedem Bewohner etwa sechs Quadratmeter zur Verfügung. Hier gibt es Zweibettzimmer mit zwölf Quadratmetern und entsprechend größere Dreibettzimmer. Der Mindeststandard ist also erfüllt. Auf mehr können Menschen, die ihre Heimat verlassen und in Deutschland Zuflucht suchen, zurzeit kaum hoffen.

Verteilung der Asylbewerber im Havelland

Laut Pressestelle des Landkreises sind derzeit 829 Asylbewerber im Havelland untergebracht (Stand 31. Juli 2015).

Davon 198 im Birkenweg in Rathenow und 87 in der Unterkunft im Grünauer Weg.

83 Asylbewerber teilen sich die Sammelunterkunft in Premnitz.

In Friesack leben in zwei Unterkünften in der Berliner Allee insgesamt 209 Menschen. In Falkensee sind 67 Asylsuchende untergebracht.

Rund 300 Menschen, vor allem Familien, leben nach Auskunft des Landkreises in Wohnungen. Überwiegend sind sie in Rathenow, Rhinow und Nennhausen untergebracht.

Alle Kapazitäten seien derzeit ausgereizt, die Sammelunterkünfte voll belegt.

 

Von Christin Schmidt

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