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Literarischer Schatz auf dem Dachboden

Tagebücher schildern das Leben im Landjugendheim Finkenkrug bis 1933 Literarischer Schatz auf dem Dachboden

Durch Zufall entdeckte das Ehepaar Holler auf ihrem Dachboden die Tagebücher von Alice Bendix. Die Jüdin hatte bis 1933 das Landjugendheim Finkenkrug geleitet und das Leben dort geschildert. Claudia Hollers Großvater Adolf Puchta arbeitete damals im Heim und bekam die Tagebücher später geschenkt.

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Die Autorin Erika Paul mit einem Foto von Alice Bendix.

Quelle: Hans-Peter Theurich

Falkensee. Durch einen klassischen Zufallsfund auf einem Berliner Dachboden kamen die Tagebücher von Alice Bendix ans Licht. Sie leitete das Landjugendheim Finkenkrug. In ihren Texten beschreibt die Jüdin ihre Erlebnisse zwischen 1921 und 1933. Am Sonnabend und Sonntag stellten die Finder, das Ehepaar Holler, die drei Bände im Hotel Kronprinz der Öffentlichkeit vor. „Ich freue mich über die vielen Gäste bei unserer Veranstaltung“, sagte Autorin Erika Paul. Ihr Buch „Zwischen Sozialgeschichte und Fluchtort. Das Landjugendheim Finkenkrug und seine mutigen Frauen“ erschien schon 2013, als die Tagebücher noch im Dornröschenschlaf lagen.

Drei dicke Bücher präsentierte Claudia Holler. „Nach meiner Pensionierung habe ich zu Hause entrümpelt und die Bücher in einer Kiste gefunden“, sagte sie. Wie kamen die Texte in ihren Besitz? Claudia Hollers Großvater Adolf Puchta arbeitete im Landheim. „Meine Mutter ist dort aufgewachsen“, erzählte Claudia Holler. Der Kontakt zwischen den Puchtas und der Leiterin Alice Bendix war sehr herzlich. Mit dem Nachlass der Großeltern gelangten auch die Tagebücher ins Berliner Haus der Familie Holler.

Aus einer Erholungsstätte für Großstadtkinder aus dem Charlottenburger Jugendheim hervorgegangen, wurden im Landjugendheim Finkenkrug Fürsorgerinnen und Erzieherinnen ausgebildet. Sie lernten auch das Buchbinden. 1925 bekam Alice Bendix ein dickes Notizbuch von einer Examensklasse geschenkt.

Zu Beginn ihrer Chronik schaute Alice Bendix zurück. „Es begann mit einem Morgen Land“, so schrieb sie über das Institut, das wenige Jahre später über immerhin 63 Morgen Land und einen landwirtschaftlichen Betrieb verfügte. Kinder, Schülerinnen und der Stab konnten fast autark davon leben.

Verwalter war Adolf Puchta, der Großvater von Claudia Holler. Die Familie war mit dem Jugendheim auch nach dem Krieg so eng befreundet, dass die Lehrerin Ilse Keiler in den 1950er-Jahren die Tagebücher an das Ehepaar Puchta übergab.

Alice Bendix schrieb nach dem Rückblick tagesaktuell weiter. Da ist die Rede von Schweinetaufen, als die Sau Rosalinde viele Ferkelchen geworfen hatte. Zum Gaudi der Kinder wurden sie bunt geschmückt. Die Schülerinnen mussten nach getaner Arbeit mit sauber gewaschenen Putzutensilien zum so genannten Scheuerlappen-Appell antreten.

In jeder Zeile schwingt gute Laune mit. Zwar gab es ständig finanzielle Engpässe. Doch Anna von Gierke, die Gründerin des Jugendheims, und Alice Bendix umschifften diese Klippen mit viel Kreativität.

Am 30. März 1933 gab Alice Bendix, sie war 38 Jahre alt, die Leitung ab. Offenbar war ihre Gesundheit angegriffen. Als Jüdin durfte sie in der Nazi-Zeit ein Jugendheim nicht mehr leiten. Sehr bewegend ist der letzte Eintrag. Sie schrieb von inneren und äußeren Faktoren, die sie zu dem bitteren Entschluss gezwungen hatten, Finkenkrug zu verlassen. 1935 übernahm sie die Leitung des Antonienheims in München, in dem jüdische Kinder betreut wurden. 1943 wurde sie mit sieben Kindern in Auschwitz ermordet.

Im Hotel Kronprinz nutzten die Besucher die Gelegenheit zu Gesprächen. Dabei fanden sich sogar mittlerweile alt gewordene Kinderheimbewohner aus den 1950er-Jahren wieder. Noch nicht geklärt ist die Zukunft der Tagebücher. Gabriele Helbig von Museum Falkensee schlug vor, die Bände digitalisieren zu lassen. Langfristig sollen sie in einem Archiv öffentlich zugänglich gemacht werden.

Von Judith Meisner

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