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MS Sonnenschein steht vor der Ausmusterung

Rathenow MS Sonnenschein steht vor der Ausmusterung

Seit über 40 Jahren schippert das Motorschiff Sonnenschein Passagiere über die Gewässer rund um Rathenow. Doch jetzt ist Schluss. Wegen einer teuren Reparatur trennt sich der Eigner schweren Herzens von seinem Schiff, der in Rathenow (Havelland) und dem Umland bekannten MS Sonnenschein. Nun droht die Verschrottung. Aber ein Teil des Schiffes wird überleben.

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Die MS Sonnenschein.

Quelle: Markus

Rathenow. In Rathenow geht eine Ära zu Ende. Ein Satz mit Pathos, aber das ist im Falle des Motorschiffs (MS) Sonnenschein angebracht. Der Ausflugsdampfer, der seit 1976 über die Havel tuckert, wird ausgemustert. Die Entscheidung ist Bernd Bolz, dem Eigner des Schiffes, alles andere als leicht gefallen. „Beim besten Willen, aber es geht nicht mehr“, sagt Bolz, der das Schiff 1990 von der Stadt Rathenow erwarb.

Die Entscheidung des Reeders ist noch relativ frisch. Bei der turnusgemäßen Inspektion Ende des vergangenen Jahres stellten die Prüfer fest, dass die Wand im Heck nicht mehr so stark ist, wie sie sein soll. Um den Schaden zu beheben, müssten zwei große Stahlplatten demontiert und durch neue Platten ersetzt werden.

Schiffsführerin Steffi Reichardt (li) und Serviceleiterin Martina Schlicht werden auf dem MS Havelland weitermachen

Schiffsführerin Steffi Reichardt (li.) und Serviceleiterin Martina Schlicht werden auf dem MS Havelland weitermachen. Die Sonnenschein liegt schon in der Werft.

Quelle: Kniebeler, Markus

Außerdem wäre die komplette Küche auszubauen. Und auch die Antriebswelle, die durchs Heck läuft, könnte wegen der Reparatur nicht an Ort und Stelle bleiben. „Mindestens 30 000 Euro würde einer Schätzung zufolge diese Operation kosten“, sagt Bolz. Das übersteige einfach seine Möglichkeiten. Zumal zu befürchten ist, dass das im Jahr 1928 gebaute Schiff vor weiteren großen Reparaturen steht. Auch im Bug sei der Stahl an manchen Stellen nicht mehr so stark wie gefordert, sagt Bolz. Und weil er es sich nicht leisten kann, Geld in ein Fass ohne Boden zu werfen, hat er sich schweren Herzens entschieden, sich von dem Schiff zu trennen.

Dass das MS Sonnenschein mehr ist als ein stinknormaler Ausflugsdampfer, werden alteingesessene Rathenower bestätigen. Tausende, nein Zehntausende Menschen haben vom Deck die Schönheiten der Stadt Rathenow und der umliegenden Havellandschaft erkundet. Es gibt kaum einen Rathenow-Flyer, auf dem das Foto des Schiffes nicht prangt. Betriebe, Vereine und Familien haben die Sonnenschein gechartert, um auf ihr zu feiern. Und auch der ein oder andere prominente Politiker hat sich schon werbewirksam an Deck ablichten lassen.

Schiff mit Charakter

Das MS Sonnenschein wurde im Jahr 1928 gebaut. Es ist rund 25 Meter lang und 4,60 Meter breit. Maximal 128 Passagiere finden Platz.

Nach Rathenow kam das Schiff nach einer Generalsanierung 1976.

Im Jahr 1990 kaufte der Reeder Bernd Bolz das Schiff. Seitdem war es ohne große Unterbrechung auf der Havel rund um Rathenow im Einsatz.

Besonders traurig über die Entwicklung ist Schiffsführerin Steffi Reichardt. Seit 1993 gehört sie zum Team. Hat als Matrose angefangen und sich zur Schiffsführerin hochgearbeitet. Seit 2006 steht sie am Steuer des Schiffes. „Viele kennen mich nur in Verbindung mit der Sonnenschein“, sagt sie. „Wenn ich das Schiff nun in der Werft liegen sehe und weiß, dass es seine letzte Fahrt absolviert hat, dann ist das wie ein Stich ins Herz.“

Allerdings ist das mit der letzten Fahrt noch nicht amtlich. Auch wenn Bernd Bolz entschieden hat, sich vom Boot zu trennen, könnte es ja sein, dass sich jemand meldet, der es wieder flott macht. Muss ja nicht für den Personenverkehr sein. Vielleicht findet sich ja ein Bastler, der sich den Traum vom Hausboot erfüllen will. „Das liegt aber alles nicht mehr in meiner Hand“, sagt Bolz.

Wenn sich bis Ende April niemand melde, werde er es an den Verschrotter verkaufen. „Alle anderen Varianten wären mir allerdings lieber“, gibt er zu. Die Vorstellung, dass dieses ehrwürdige Schiff von einem Profi-Entsorger binnen weniger Stunden in die Einzelteile zerlegt wird, versetzt die Stammbesatzung, zu der neben Bernd Bolz und Steffi Reichardt auch die Serviceleiterin Martina Schlicht gehört, in eine trübe Stimmung.

Den Rathenowern aber bleibt das Trio erhalten. Zur Reederei Bolz gehört ein zweites Ausflugsschiff – das MS Havelland. Das bleibt im Einsatz und wird Ostern in die Saison starten. Bereits reservierte Fahrten mit dem MS Sonnenschein werden auf das MS Havelland umgebucht. Und das Programm – Schleusenfahrt durch Rathenow, Trips havelabwärts und zum Hohennauener See – soll auch erhalten bleiben.

Und sollte es tatsächlich zum schlimmsten Fall kommen – der Verschrottung des MS Sonnenschein – dann wird neben den vielen Erinnerungen etwas ganz Handfestes überleben. Das Steuerrad, an dem sie tausende Arbeitsstunden verbrachte, hat Steffi Reichardt sich längst reservieren lassen. „Das bekommt bei mir zu Hause einen Ehrenplatz“, sagt sie. Fröhlich ist ihr bei dieser Vorstellung allerdings nicht zumute.

Von Markus Kniebeler

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