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Milchbauern protestieren in Nauen

Landwirtschaft Milchbauern protestieren in Nauen

Der Kampf und den Milchpreis von derzeit 20 Cent pro Liter nimmt immer bedrohlichere Züge an. Am Montagmorgen versammelten sich am Ortseingang von Nauen zahlreiche Milchbauern der Region, um auf ihre Misere aufmerksam zu machen. Derweil tagte in Berlin der Milchgipfel – von 100 Millionen Euro Soforthilfe ist die Rede.

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Havelländische Landwirte bei der Protestaktion am Montagmorgen an der B 5 nahe Nauen

Quelle: Norbert Faltin

Nauen. Die Idylle aus Festzeltgarnituren, Kaffeekannen, viel Sonne und noch mehr Traktoren täuschte. Eine friedliche Mahnwache am Ortseingang von Nauen machte am Montagmorgen auf die Situation der Milchbauern aufmerksam, deren Lage im Preiskampf um eines der typischsten Produkte des Havellandes immer dramatischer wird – der Milch, für die der Erzeuger gerade 20 Cent je Liter erhält - zu wenig zum Überleben. Im Anschluss an die Kundgebung zogen die Landwirte in einem Trecker-Korso aus 25 Fahrzeugen durch die Innenstadt und hupend über den Parkplatz einer Filiale der Discounterkette Aldi.

Während der Kundgebung am Ortsrand kamen zahlreiche Redner der Branche zu Wort, darunter auch Brandenburgs Agrar- und Umweltminister Jörg Vogelsänger sowie der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands (DBV) Udo Folgart (beide SPD) aus Schönwalde-Glien.

Johannes Funke, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, sagte: „Die wirtschaftliche Situation der Milchbetriebe hat sich in den letzten Wochen erheblich verschlechtert. Eine seit einem Jahr erhoffte Preiserholung für die Rohmilch ist bislang ausgeblieben. Zu Preisen von 20 Cent kann eigentlich in ganz Europa kein Bauer Milch produzieren. Das spüren wir auch schon jetzt im Havelland. In den letzten 12 Monaten haben wir 10 Prozent der Milchbetriebe verloren. Nach vorne mag ich im Moment gar nicht schauen“, klagte er. An Investitionen in Stallanlagen, die in manchen Betrieb jetzt an der Zeit wären, sei überhaupt nicht zu denken, so Funke.

Dietmar Lucke aus Selbelang, der diese Protestaktion maßgeblich vorangetrieben hat, sagt: „Wir Milchbauern fahren auf Verschleiß. Wir überleben nur deshalb, weil wir die Gewinne, die wir mit einer Biogasanlage erwirtschaften, in die Milchproduktion stecken. Wenn die Politik weiter so mit uns umgeht, dann leben wir nicht mehr lange. Aber wir können auch anders. Was die Bahn auf der Schiene kann, können wir auf der Straße schon lange“, machte Lucke deutlich. Peter Kaim aus Ribbeck forderte: „Die Politik soll sich endlich zur Milchproduktion in Deutschland bekennen. Wir brauchen einen festgeschriebenen Mindestpreis von 35 Cent – vom Allgäu bis zur Ostsee. Den Mindestlohn einführen und Elektroautos zu fördern schafft Ihr Politiker auch, lernt den kostbaren Wert der Milch zu schätzen“. Es geht um die Kulturlandschaft und Arbeitsplätze“, mahnte Kaim.

Jan Tempel aus Lietzow hat bereits andere Vertriebswege gefunden. Mit seinen ehrgeizigen Milch-Lieferservice an die Privathaushalte im Havelland hat er mittlerweile eine mühsame Methode gefunden, seine Milch an den Mann zu bringen. Auch er klagte: „Es gibt einfach keine freien Märkte. Noch immer werden Nahrungsmittel als politisches Druckmittel verwendet, die dann auf dem Rücken der fleißig produzierenden Bauern finanziert werden“, schimpfte er. Noch deutlicher wurde Uwe Bublitz aus Wachow: „Eine Milchkuh verursacht jährlich einen Verlust von 1000 Euro“, bilanzierte er. Dirk Neumann aus Damme, der am Montag mit seiner Familie hier war, sieht die Zukunft so: „Eigentlich soll mein Sohn Friedrich den Hof weiterführen. Bei den jetzigen Rahmenbedingungen ist das für ihn wenig lukrativ“.

Dennoch: Die Landwirte geben nicht auf. Das Problem scheint mittlerweile auch in der Bevölkerung angekommen zu sein. Während der gesamten Kundgebung an der B5 gab es unzählige Brummifahrer, aber auch viele Pkw-Fahrer, die mit ihrem Hupen ihre Solidarität und Sympathie für die Bauern bekundeten.

Nach Einschätzung von Brandenburgs Agrar- und Umweltminister Jörg Vogelsänger wird die Milchkrise die europäischen Bauern noch lange beschäftigen. Ein Ende der Niedrigpreise ist nicht in Sicht.

Vogelsänger: „Landwirtschaftliche Preise bilden sich weltweit, jede Einschränkung des Marktes durch Sanktionen verschärft die Krise. Wir brauchen in Europa eine schnellere Verständigung über Hilfsmöglichkeiten. Die EU muss Verbesserungen der Liquidität für unsere landwirtschaftlichen Betriebe ermöglichen. EU-Kommissar Phil Hogan muss seiner besonderen Verantwortung gerecht werden.“

„Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, dass gute Lebensmittel einen Wert haben“, so der Minister weiter: „Sie sind bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Der schnellste, unbürokratischste, kostengünstigste und nachhaltigste Weg, um die Milchkrise zu lösen, wäre, wenn der Lebensmitteleinzelhandel die Einzelhandelspreise für Milchprodukte erhöht und diesen Mehrerlös über die Molkereien an die Milchbauern weitergibt. Das sollte bei allem, was jetzt an Hilfen diskutiert wird, nicht vergessen werden.“

Vogelsänger: „Brandenburg begrüßt die Ankündigung des Bundes, mehr Geld zu Verfügung zu stellen. Für die Umsetzung sollte so bald wie möglich eine Sonderkonferenz der deutschen Agrarminister einberufen werden.“

Brandenburg unterstützt die Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete von jährlich über 17 Millionen Euro, die gerade auch Landwirten mit Tierhaltung zugute kommt. „Ob hier eine weitere Unterstützung gegeben werden kann, prüfen wir gerade mit Blick auf die europarechtlichen Regelungen, denn jede Hilfe, die wir Landwirten gewähren, muss durch die Kommission genehmigt werden“, so der Minister.

Da der Milchpreis stark schwankend ist, wäre auch ein steuerlicher Risikoausgleich ein wichtiges Instrument der Vorsorge für spätere Krisenzeiten. Das ist Bestandteil des einstimmigen Beschlusses der Agrarminister der Länder.

Brandenburg wird eine Richtlinie zur Marktstrukturverbesserung auf den Weg bringen, um Wertschöpfungsketten zu stärken.

Mit drei Molkereien, die Bio-Milchprodukte herstellen und einem hohen Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen, gehört Brandenburg in diesem Segment zur Spitze der deutschen Bundesländer.

„Der Biomarkt ist ein wichtiger Zukunftsmarkt. Brandenburg wird auch in diesem Jahr die Umstellung in diesem Bereich, auch im Milchbereich fördern“, unterstreicht Vogelsänger: „Dies sind bereits jetzt über 28 Millionen Euro, die weitere Umsetzung wird diesen Betrag um 1,5 Millionen Euro erhöhen.“

Von Norbert Faltin

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