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Minus 20 Grad: Der kälteste Job des Havellands

Falkensee Minus 20 Grad: Der kälteste Job des Havellands

Es soll ja Menschen geben, die den diesjährigen Sommer als zu kalt bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass man das eigentlich so pauschal nicht behaupten kann – an diesem Wochenende werden es immerhin fast 28 Grad: Was soll denn Axel Lüdecke sagen? An seinem Arbeitsplatz in Falkensee herrscht auch im Hochsommer ewiger Winter bei minus 20 Grad.

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Sechs Stunden täglich arbeitet Axel Lüdecke im Kühlhaus und sortiert Brötchen, Eis und Tiefkühlpizza.

Quelle: Fotos: Peter-Paul Weiler (2)

Falkensee. Es soll ja Menschen geben, die den diesjährigen Sommer als zu kalt bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass man das eigentlich so pauschal nicht behaupten kann – an diesem Wochenende werden es immerhin fast 28 Grad: Was soll denn Axel Lüdecke sagen? An seinem Arbeitsplatz herrscht auch im Hochsommer ewiger Winter.

Lüdecke arbeitet im Kühlhaus des Falkenseer Großhandelsunternehmens Selgros. Dort sind es konstant minus 20 Grad. Jeden Tag verbringt der 52-Jährige mehrere Stunden in der Kälte.

Ein Job unter Extrembedingungen, auch wenn Lüdecke das selbst nie so hervorheben würde. „Ach was“, sagt er. „Polizisten und Krankenschwestern arbeiten auf ihre Weise auch unter extremen Bedingungen. Für mich ist das ein Job wie jeder andere. Bloß, dass es eben ein bisschen kälter ist.“

Das ist allerdings maßlos untertrieben. Es dauert keine fünf Minuten im Kühlhaus und meine Beine schlottern vor Kälte. Meine Nase gefriert, mein Atem dampft. Langsam kriecht mir der Frost in jedes einzelne meiner Glieder. Über der Tür erspähe ich ein Rauchverbotszeichen, dabei würde ich jetzt doch so gerne ein wärmendes Lagerfeuer entfachen. Der Kugelschreiber hat längst den Geist aufgegeben, auch ihm ist es viel zu kalt. Ein alter Reportertrick lautet, dass man im Winter besser einen Bleistift verwendet, weil der auch bei Minusgraden noch funktioniert, doch daran habe ich natürlich Mitte August nicht gedacht. „Hier drinnen friert alles ein, ob Filzstift oder Kuli“, sagt Axel Lüdecke. Mein Lächeln wirkt, nun ja: eingefroren.

Axel Lüdecke merkt die Kälte kaum noch. „Man gewöhnt sich an alles. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt er. Lüdecke stammt ursprünglich aus Sachsen-Anhalt, lebt aber seit einigen Jahren in Falkensee. An diesem Tag trägt er eine gefütterte Jacke mit hohem Kragen, dazu eine wärmende Mütze mit Ohrenklappen, so dass von seinem Gesicht nur noch die Augen zu sehen sind. „Am schlimmsten ist es, wenn die Ohren kalt werden“, meint der Falkenseer. Er zieht sich noch Handschuhe an. „Wenn ich nur kurz drin bin, dann lasse ich die aber auch manchmal weg.“

Sechs Stunden täglich arbeitet der Falkenseer im Kühlhaus, sortiert Pizza, Hamburger, Tiefkühlgemüse und Eis in jeder denkbaren Form – zum Lecken, zum Löffeln, zum Kühlen. Lüdecke gibt Acht, dass die Kühlschränke immer ausreichend gefüllt sind, füllt die Regale auf und kontrolliert, was nachbestellt werden muss.

„Ich liebe meinen Job“, sagt er. Seit 2005 ist er beim Großhändler Selgros für die Tiefkühlkost zuständig. Die tägliche Reise ins ewige Eis: für ihn längst Routine. Es kommen aber auch immer mal wieder Lehrlinge, die im Rahmen ihrer Ausbildung für ein paar Tage im Kühlhaus mitanpacken, um auch das mal gelernt zu haben. „Denen ist dann schon kalt“, sagt Axel Lüdecke.

„Ich sage ihnen dann immer: Spielt bloß nicht den Helden. Wenn euch kalt wird, dann geht lieber raus.“ Viele seien schwer beeindruckt, so Lüdecke. „Dauerhaft dort zu arbeiten können sich aber nur die wenigsten vorstellen.“

Auch wir verlassen das Kühlhaus und sehen erst einmal: nichts. Sofort beschlägt die Brille, der Temperaturunterschied war zu groß. Gerade in heißen Sommern sei das schon manchmal ein komisches Gefühl, erzählt Lüdecke, wenn er abends in sein aufgeheiztes Auto steige. Dort sind dann teilweise 40 Grad – 60 Grad mehr als an seinem Arbeitsplatz. „Das ist dann schon extrem“, sagt er. Manchmal fährt er dann mit hochrotem Kopf vom Hof. Der Schweiß rinnt an solchen Tagen in Strömen. Und man beginnt zu verstehen, weshalb Axel Lüdecke bei der Arbeit inzwischen auf lange Skiunterwäsche und gefütterte Stiefel verzichtet. „Da würde ich doch nur den ganzen Tag schwitzen“, sagt er. „Darauf kann ich gerne verzichten. Lieber fröstele ich mal kurz ein bisschen.“

Ich frage ihn, wie es um seine Gesundheit bestellt ist. Ob er das Gefühl hat durch die ständigen Temperaturschwankungen abgehärtet zu sein. Wechselduschen mit kaltem und warmem Wasser sollen ja auch das Immunsystem stärken und Erkältungen vorbeugen. „Das kann man schon so sagen, dass ich abgehärterter bin“, antwortet Axel Lüdecke. „Eine Grippe hatte ich jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr.“

Auch für seine Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz ist gesorgt. An mehreren Stellen im Kühlhaus befinden sich Notschalter, zudem trägt Lüdecke jederzeit ein so genanntes Notfalltelefon bei sich. Dieses muss stets aufrecht sein; sollte er bewusstlos auf dem Boden liegen, sendet es automatisch ein Notsignal an den Informationsschalter und die Betriebsleitung, die dann mit ihm Kontakt aufnehmen und im Zweifel Hilfe holen können. Durch Druck auf einen großen roten Knopf kann Lüdecke das Telefon aber auch selbst auslösen.

Vorschriften, wie lange er sich im Kühlhaus aufhalten darf, gibt es ansonsten keine. „Das bleibt ganz mir überlassen“, sagt er. „Da braucht es schon ein bisschen gesunden Menschenverstand.“

Privat ist der 52-Jährige eher kein Kältetyp. Nie würde er freiwillig in den Skiurlaub fahren. „Für Winterferien bin ich einfach nicht der Typ“, sagt er. „Winter habe ich schließlich schon jeden Tag auf Arbeit.“ Wenn er verreist, dann lieber im Sommer und dorthin, wo es schön warm ist. Sein Lieblingsland ist Ägypten. Beim Gedanken an die Pyramiden, an Kamele und Wüsten und an Schnorcheln im Roten Meer wird sogar Axel Lüdecke warm ums Herz.

Und das will bei seinem Beruf schon etwas heißen.

Von Philip Häfner

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