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Mit Handicap zum Handicap: Wie ein Blinder Golf spielt

Inklusion auf dem Golfplatz Mit Handicap zum Handicap: Wie ein Blinder Golf spielt

Seit zwei Jahren ist Bernd Walsch schwarzblind, hat durch eine Krankheit sein komplettes Augenlicht verloren. Auf seinen Lieblingssport möchte der leidenschaftliche Golfer jedoch nicht verzichten – er ist für ihn Ausgleich, Selbstbestätigung und Herausforderung zugleich.

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Volle Konzentration – Bernd Walsch fixiert den Golfball im Geiste und puttet ihn ins Loch.

Quelle: Laura Sander

Nauen. Beide Hände sicher um den Griff des Schlägers gelegt, die Arme durchgestreckt, den Körper angespannt – hoch konzentriert formt Bernd Walsch den Golfball vor seinen Füßen in Gedanken zu einem Bild – sehen kann er ihn nicht. Seit zwei Jahren ist der leidenschaftliche Golfer schwarzblind, hat durch eine Krankheit über die Jahre sein komplettes Augenlicht verloren. „2001 erhielt ich die Diagnose ,Retinitis Pigmentosa (RP)’. Mein Gesichtsfeld schränkte sich immer weiter ein, bis ich 2014 gar nichts mehr sehen konnte“, so der 62-Jährige.

Auf Hilfe angewiesen

Seither ist er auf die Hilfe seiner Caddys angewiesen. In perfektem Zusammenspiel trainiert Walsch seit rund drei Jahren mit Elke Burmann, die gleichzeitig seine Berufsassistentin ist. „Sie beschreibt mir genau wo und wie der Ball liegt und hilft mir mich richtig auszurichten. Wir haben unser Training zur Perfektion gebracht“, so der Berliner Unternehmer. Kein Wunder, denn seit einem Jahr findet man den mehrfachen Deutschen Meister der Golfer mit Behinderung fast täglich auf der Driving Range. „Ich versuche meine fehlende Sehleistung mit Präzision in der Technik und Kraft auszugleichen. Im Winter gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio, um den Körper für die Belastungen des Golfsports fit zu halten“, sagt Walsch. „Wir arbeiten eng mit dem Sportclub Siemensstadt in Berlin zusammen, jedes Mitglied hat ein eigenes Trainingsprogramm.“

Bernd Walsch beim Putten auf dem Kaliner Golfplatz

Bernd Walsch beim Putten auf dem Kaliner Golfplatz.

Quelle: Laura Sander

Seit 1993 golft Bernd Walsch auf der Anlage des Golf Clubs Kallin bei Börnicke und setzt sich hier als Inklusionsbeauftragter für die Belange von behinderten Golfern ein. Das gemeinsame Spiel von Menschen mit und ohne Behinderung ist Walschs erklärtes Ziel. In seiner Berliner Firma hat er deshalb ein ehrenamtliches Büro für Inklusion und Zukunftsprojekte im Golfsport eingerichtet, das in ganz Deutschland agiert. „In Berlin und Brandenburg steckt das inklusive Golfspielen noch in den Kinderschuhen. Deutschlandweit gibt es einige hundert Golfer mit Behinderung, die sich organisieren und regelmäßig an Inklusionsturnieren teilnehmen.“ Egal ob ein Golfer an einer geistigen Behinderung leidet, durch Amputationen und Lähmungen eingeschränkt ist oder schlecht hört – eine differenzierte Wertung bringt faire Bedingungen im Wettkampf. In insgesamt acht Kategorien wird im Behindertengolfsport unterschieden.

Handicapped Captain

Für den 3. September hat Bernd Walsch – der handicapped Captain, wie er liebevoll genannt wird – nun auch ein Turnier in Kallin organisiert. „Im Rahmen der großen Clubmeisterschaft wollen wir zeigen, wie es sich anfühlt, mit einer Behinderung auf dem Platz zu stehen.“ Beim Kalliner Demonstrationsturnier „Inklusion Pur“ können sich Golfer ohne Einschränkungen in drei verschiedenen Kategorien ausprobieren. Sehbehindert, mit nur einem Arm oder einem Bein wird auf drei Bahnen ein reines Putt-Turnier gespielt. „Sie bekommen beispielsweise eine Schlafbrille aufgesetzt und müssen rund 20 Meter blind zum Abschlag laufen. So verliert man schnell das Gefühl für den Raum“, sagt Walsch. „Jeder kann an dem Turnier teilnehmen, die Anmeldegebühr beträgt zehn Euro. Die Einnahmen fließen in den Bau einer barrierefreien Toilette hier auf dem Golfplatz“, so der 62-Jährige, der im Winter einen Informationstag zum Thema Barrierefreiheit in Golfclubhäusern geplant hat.

Die acht Wertungskriterien der Golfer mit Behinderung

Die Kategorie Arm umfasst Spieler, die eine Amputation oder eine Fehlstellung der Arme oder Hände haben.

In die Kategorie Bein zählen Golfer, die eine Amputation, Versteifung oder Fehlstellung im Bereich ihrer Beine haben.

Die Golfer der Kategorie Rollstuhl sind oftmals querschnittsgelähmt und während des Spiels dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen. Spezielle Konstruktionen ermöglichen es sogar, dass sich die Sportler vollständig aufrichten.

Die Golfer der Kategorie Gehörlose spielen während eines Turniers oft in einer eigenen Wertungsklasse.

In der Kategorie
Sehbehindert werden alle Sehbehinderungen zusammengefasst.

Die Spieler der Kategorie Mental sind geistig behindert und brauchen Hilfe beim Ablauf und der Auslegung des Regelwerks.

Beeinträchtigungen des Schwungs können durch Schlaganfälle oder Multiple Sklerose verursacht werden und sind ebenfalls eine eigene Kategorie.

Schwere Krankheiten , wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Probleme, beeinträchtigen den Schwung beim Golf nicht zwangsläufig und werden als eigene Kategorie gewertet.

Aufgeben war nie eine Option

„Man muss jetzt beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es kann nicht sein, dass sich vor allem ältere Leute für eine körperliche Beeinträchtigung schämen und dann einfach nicht mehr auf den Platz kommen.“ Dies sei in der Vergangenheit vorgekommen. Um dem vorzubeugen, müsse man den Leuten das Problem ins Bewusstsein rufen. „Seit diesem Jahr haben wir in Kallin außerdem eine eigene Physiotherapeutin mit besonderem Golfsachverstand, an die sich jedes Mitglied gerne wenden kann.“ Dies sei bislang einmalig in einem deutschen Golfclub. „Wir gehen gemeinsam durch Höhen und Tiefen, keiner soll sich ausgeschlossen fühlen. Gewöhnt euch daran, dass man auch mit einer Behinderung weiter spielen kann“, so Walsch, für den Aufgeben nie eine Option war. „Ich brauche einen Ausgleich und die Selbstbestätigung. Beruflich und privat ist alles in Ordnung, ich möchte mir trotzdem selber beweisen, was ich noch kann“, so Walsch entschlossen. „Ich sehe meine Krankheit als Herausforderung an. Gibt man sich auf, hat man verloren.“

Von Laura Sander

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