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Mit der Lok von Ketzin nach Rheinsberg

Voll Dampf und mit Regen durchs Land Mit der Lok von Ketzin nach Rheinsberg

In Ketzin trafen sich am Sonnabend Eisenbahnfreunde aus der ganzen Region. Der Grund: Ein Rekolok aus der Vorkriegszeit. Von Ketzin zum Pfefferkuchenmarkt im sächsischen Pulsnitz sollte die Fahrt gehen. 300 Leute haben beim Verein Osthavelländische Kreisbahnen die Fahrt gebucht.

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Viel Dampf: Die 50er Lok aus Ketzin (l.) und die 52er aus Berlin verlassen den Bahnhof Herzberg (Mark).

Quelle: Juliane Primus

Ketzin. Normen Schubert war monatelang als Soldat in Afghanistan im Einsatz. Wenn es um Leben und Tod geht, beweist der 34-Jährige Nerven. Doch der Geruch von frisch verglühter Steinkohle am Bahnhof Ketzin bringt ihn aus der Fassung. Schubert springt bewaffnet mit einem Fotoapparat über die Gleise. Fängt sie ein, die tonnenschwere Dampflok, die an diesem Sonnabendmorgen so ungeduldig schnauft und pfeift. Dann läuft Schubert auf den Bahnhofsvorplatz, begrüßt neue Fahrgäste und hastet wieder zurück zur Lok. Es ist Schuberts großer Tag. Darauf wartet er, seit er vor sechs Jahren das verfallene Bahnhofsgebäude kaufte.

Er ist damit nicht allein. "Als sie gestern in Ketzin einfuhr, hat mein Herz gleich höher geschlagen", sagt Uwe Schroeder, bekennender Eisenbahnfan aus Nauen. Sie, die schwarze Lok mit den roten Rädern, heißt unter den Eingeschworenen nur 503708, sie ist eine Vorkriegslok, die in den 60er-Jahren im Reichsbahnausbesserungswerk Stendal rekonstruiert und so zur Rekolok wurde. Schroeder lauscht ihr aus dem Wagen. Mehr als zehn Stunden wird der 52-Jährige hier sitzen in einem der DDR-typischen Sitze, er wird Windräder und Rehe, Wälder und Solarfelder an sich vorbeiziehen lassen, ein bisschen dösen, übers Wetter reden und ein, zwei Bierchen zischen. Eisenbahnromantik eben. "Ich hatte das Plakat gesehen, und dann alle verrückt gemacht." Seinen Sohn Andreas, an dem das Eisenbahngen total vorbeigegangen ist, und die Nachbarn, die seit 20 Jahren nicht mit dem Zug gefahren sind. Von Ketzin zum Pfefferkuchenmarkt im sächsischen Pulsnitz sollte die Fahrt gehen. 300 Leute haben beim Verein Osthavelländische Kreisbahnen die Fahrt gebucht. "Das war unglaublich, damit hatten wir nicht gerechnet", sagt Bahnhofsbesitzer Schubert.

Dann, wenige Tage vor der Fahrt, wandelte sich für den Verein alles in einen Albtraum: Wegen einer Baustelle vor Dresden gab die Deutsche Bahn die Strecke nicht frei. Die Fahrt nach Pulsnitz musste ausfallen. Eine Alternativroute über Neuruppin nach Rheinsberg wurde gefunden. 100 Fahrgästen passte das nicht und sie sprangen ab. Die Lok und die Wagen waren aber für mehrere Tausend Euro gebucht, außerdem hing ein Wohltätigkeitsprojekt für krebskranke Kinder an der Fahrt. Schubert erzählt: "Bei vielen unserer Mitglieder ist der Dispo jetzt am Anschlag." Ja, es ist ärgerlich, dass es nicht nach Pulsnitz geht, findet auch Uwe Schroeder. Aber ein Mann, der so manchen Abend auf dem Dachboden sitzt und sich über seine Modelleisenbahnen freut, lässt sich davon nicht den Spaß verderben.

"Ein regelrechter Glückfall" ist die Fahrplanänderung für Rudolf Moser, ein Berufseisenbahner aus Neuruppin, der auch in seiner Freizeit nicht ohne kann. Als die Lok gegen 11 Uhr in Herzberg einrollte, stand er schon längst mit Kamera am Bahnsteig unter einem großen schwarzen Regenschirm. Fotowetter ist anders, aber das ist egal. Denn eine zweite Dampflok aus Berlin, die zum Neuruppiner Martinimarkt fährt, ist unterwegs. "Die fahren dann zusammen aus dem Bahnhof, das ist einmalig", sagt Moser. Der 60-Jährige hat sich zwischen zwei Gleisen positioniert, ein Mann raunzt ihn an: "Sie stehen mir im Bild." "Immer dasselbe Theater", sagt Moser und meint den Streit um den besten Fotoplatz. Die beiden Loks fahren an, plötzlich herrscht andächtige Stille unter den Männern. Eine Art Burgfrieden. Die Loks kommen näher, Moser drückt und drückt und drückt auf den Auslöser, dann verschwindet er im Dampf. Als die Züge vorbeigerauscht sind, läuft er zu seinem Auto. Wer die besten Fotos will, kann nicht im Zug sitzen: "Das ist eben so."

Von Juliane Primus

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