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Havelland Multikulti in der Bibliothek
Lokales Havelland Multikulti in der Bibliothek
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02:15 30.11.2015
Victor Otieno und Bibliotheksleiterin Ulrike Wünsch verstehen sich blendend. Zwei Wochen lang hat der 21-Jährige in der Stadtbibliothek gearbeitet und ins Berufsleben hineingeschnuppert. Quelle: Christin Schmidt
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Rathenow

Praktikanten haben die Mitarbeiter der Rathenower Stadtbibliothek schon viele betreut, dennoch dürfte ihnen der 21-jährige Victor Otieno in besonderer Erinnerung bleiben. Der junge Mann aus Kenia hat zwei Wochen lang in eine für ihn bisher völlig unbekannte Arbeitswelt hineingeschnuppert und mit seiner freundlichen Art Bibliotheksleiterin Ulrike Wünsch begeistert: „Victor ist ein sehr angenehmer und herzlicher Mensch. Er spricht gut deutsch und wir verstehen uns problemlos.“ Schon am ersten Tag hatte er das System verstanden und konnte die ausgeliehenen Bücher problemlos in die entsprechenden Regale einordnen.

„Normalerweise kontrollieren wir bei Praktikanten noch mal, um sicher zu gehen, dass alle Exemplare an ihrem Platz stehen. Bei Victor war das aber nicht nötig. Er arbeitet sehr gewissenhaft und ich muss sagen, so schön sahen unsere Regale noch nie aus“, erklärt Ulrike Wünsch und lacht ihren Praktikanten an. Und wie haben die Bibliotheksbesucher reagiert? „Einige haben etwas überrascht geguckt, aber insgesamt waren die Reaktionen sehr positiv und freundlich“, fasst Victor zusammen. Besonders angetan ist er von seinen Kollegen, die ihn nicht nur sehr herzlich aufgenommen haben. „Sie wollten, dass ich wirklich etwas lerne.“

Die deutsche Kultur verstehen lernen

Anfang 2013 kam Victor aus Kenia nach Deutschland. Hier hat er Asyl beantragt und möchte sich ein sicheres Leben aufbauen. Mittlerweile lebt er in einer Wohngemeinschaft in Rathenow und macht gerade seinen Schulabschluss. Die neunte Klasse hat er bereits erfolgreich absolviert. Jetzt paukt er in der Abendschule den Stoff der zehnten Klasse. Wie er zum Praktikum in der Stadtbibliothek kam? „Ich hatte Hilfe von einer wundervollen Dame“, verrät Victor mit strahlendem Lächeln.

Victor Otieno scannt ausgeliehene Bücher ein. Quelle: Ch. Schmidt

Die wundervolle Dame ist Monika Dorn. Sie hat die Patenschaft für den jungen Kenianer übernommen und besucht ihn seit etwa einem halben Jahr mindestens einmal pro Woche. „Frau Dorn lernt mit mir Deutsch, wir lesen zusammen Zeitung und diskutieren über aktuelle Geschehnisse, auch über Politik“, erzählt Victor und fügt hinzu: „Sie ist für mich zu einer ganz wichtigen Person geworden, eine Art Familie.“ Seine Patin helfe ihm auch, die deutsche Kultur und die deutsche Bürokratie zu verstehen, was nicht immer leicht sei.

„Die Menschen hier werde ich vermissen.“

Als fleißige Bibliotheksbesucherin hat Monika Dorn einen guten Draht zu Ulrike Wünsch und vermittelte ihrem Schützling den Kontakt. Ein wichtiger Schritt für ihn. „Ich hatte keine Vorstellung wie der Arbeitsalltag in einer solchen Einrichtung aussieht. Da ich überlegt hatte, später als Dolmetscher zu arbeiten, war das Praktikum eine sehr gute Gelegenheit, um einen Einblick in die Arbeitswelt zu bekommen. Auch hier geht es um Sprache und man hat Kontakt mit Menschen“, erklärt Victor. Eines weiß er schon jetzt: „Die Menschen hier werde ich vermissen.“

Zwei Wochen hat er von 9 bis 12 Uhr Bücher sortiert und die Leser bedient. Am Nachmittag fuhr er dann mit dem Zug nach Dallgow-Döberitz zur Abendschule. Noch einmal volle Konzentration von 17 bis 21 Uhr. „Es ist ein bisschen anstrengend, aber ich habe eine Aufgabe und das ist gut.“ Der junge Mann aus Kenia ist der einzige Ausländer in seiner Klasse. Noch hat er Mühe, alles so schnell zu verstehen, wie seine Mitschüler. Dafür scheint sein Ehrgeiz umso größer zu sein. Einen sechsmonatigen Deutschkurs hatte er bereits an der Akademie Seehof absolviert die Prüfung erfolgreich bestanden. Das reichte ihm aber nicht. Victor wollte mehr lernen. Eine Sozialarbeiterin unterstützte diesen Wunsch und vermittelte ihm den Kontakt zu Monika Dorn. Sie hilft ihm auch so manche Hürde in Schulalltag zu bewältigen.

Am liebsten noch ein Praktikum im IT-Bereich

Das Praktikum in der Bibliothek dürfte den jungen Kenianer einen Stück näher an seinen Traum von einem sicheren Leben in Deutschland gebracht haben. „Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Das ist sehr schwer für mich“, gesteht Victor mit nachdenklichem Blick. Wenn es irgendwie möglich ist, möchte er später eine Fachhochschule besuchen. Bildung, sagt er, ist eines der wichtigsten Dinge im Leben und eine gute Ausbildung sei der einzige Weg, um die eigene Zukunft zu sichern. Und dann fügte er noch etwas hinzu: „Angesichts der aktuellen Situation musst du als Ausländer doppelt so hart arbeiten.“ Dazu ist Victor bereit. Gern würde er weitere Praktika absolvieren, am liebsten im IT-Bereich.

Von Christin Schmidt

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