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Nach Flucht: Junge Syrerin fasst langsam Fuß

Havelland Nach Flucht: Junge Syrerin fasst langsam Fuß

Die 17-jährige Siham aus Syrien ist die erste Praktikantin im Rathenower Optikpark, die ein Kopftuch trägt. Für die Mitarbeiter und Gäste des Parks ist das überhaupt kein Problem. Sie wissen die Arbeit der jungen Frau zu schätzen. Aber nicht überall stößt Siham auf Verständnis.

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Ein gutes Team: Mandy Rudolf und Eva Fischer mit Siham aus Syrien.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Seit einem Jahr lebt Siham mit ihrer Familie in Großwudicke, einer Gemeinde mit knapp 900 Einwohnern. Hier teilt sich die 17-Jährige, die in der syrischen Hauptstadt Damaskus aufwuchs, mit ihren Eltern und vier Geschwistern eine Dreizimmerwohnung. Siham besucht die neunte Klasse der Duncker-Oberschule und seit September absolviert sie ein Praktikum im Optikpark.

Ein ganzes Schuljahr darf die Schülerin in die Berufswelt hineinschnuppern. „Den Optikpark kannte ich von Ausflügen mit der Klasse. „Ich wusste, dass die Menschen hier sehr nett sind, außerdem mag ich den Park“, erklärt Siham die Wahl ihres Praktikums. Weil sie mit Kindern arbeiten wollte, setzte Optikpark-Geschäftsführerin Elfie Balzer die junge Syrerin im Grünen Klassenzimmer ein. Genau das richtige für Siham. „Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Spaß und die Kollegen sind alle sehr gut zu mir“, schwärmt die junge Frau.

Das Kopftuch fällt gar nicht mehr auf

Die Mitarbeiter des Parks sind es gewohnt, mit Praktikanten zusammenzuarbeiten , viele Kollegen haben zudem ausländische Wurzeln. Neu ist aber, dass eine Mitarbeiterin während der Arbeit ein Kopftuch trägt. „Natürlich war das für uns anfangs ungewohnt. Bisher kannten wir das ja nur aus dem Stadtbild, aber ehrlich gesagt, ich sehe das Kopftuch gar nicht mehr“, verrät Elfie Balzer. Siham habe sich toll integriert und die Kollegen sind mit ihrer Arbeit sehr zufrieden.

Von Montag bis Mittwoch geht Siham zur Schule, Donnerstag und Freitag hilft sie von 7 bis 13 Uhr bei den Vorbereitung und der Durchführung der verschiedenen Angebote des Grünen Klassenzimmers. Sie organisiert Spiele, besorgt die nötigen Materialien, packt mit an, stellt Stühle, Bänke und Tische auf, schneidet, bastelt und bringt sich mit eigenen Ideen ein. Außerdem unterstützt sie das Team auch bei Veranstaltungen am Wochenende.

„Sie fragen mich, wann ich zurück nach Syrien gehe.“

Für das Piratenfest hat Siham sich eine Schatzkarte ausgedacht und die Kinder bei der Suche begleitet. Auch auf dem Frühlingsfest war sie dabei und hat im City Center Kinder geschminkt. „Bei all diesen Aufgaben braucht es auch ein gewisses Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Kindern. Und genau das hat Siham“, lobt Elfie Balzer. Für die Mädchen und Jungen, die das Grüne Klassenzimmer besuchen, ist der Anblick einer Frau mit Kopftuch anfangs ungewöhnlich, Probleme gibt es aber keine. Im Gegenteil, die Kinder lernen Dank Siham quasi neben den vielen anderen Dingen, die im Grünen Klassenzimmer vermittelt werden, nun auch noch eine andere Kultur kennen.

Die 17-Jährige fühlt sich sichtlich wohl im Optikpark. Weniger glücklich sieht sie aus, wenn sie über die Schule spricht. „Viele Mitschüler sind unfreundlich, sie lachen mich aus und sagen böse Wörter“, erzählt Siham. „Sie fragen mich, wann ich zurück nach Syrien gehe. Ich erkläre ihnen dann, dass ich nicht aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen hier gelandet bin, sondern gezwungen war, diesen Weg zu gehen, um zu überleben“, betont Siham.

Das Kopftuch im Koran

Das Gebot des Kopftuchtragens für die Frau wird vor allem mit drei Textpassagen des Korans begründet, die sich in Sure 24, Vers 31 sowie Sure 33, Vers 53 und 59 finden.

Die erste dieser Stellen führt den Musliminnen führt die Erfordernisse sittsamen und schamhaften Betragens vor Augen.

Auf Koketterie und unnötige sexuelle Aufreizung der Männer sollen Musliminnen verzichten.

Elfie Balzer ist schockiert, sie schüttelt ungläubig den Kopf und stellt dann all die Fragen, die man eigentlich von Sihams Mitschülern erwarten würde: „Kannst Du selbst entscheiden, ob du das Kopftuch tragen willst?“ „Nein, das müssen wir mit unseren Eltern abstimmen“, sagt die junge Syrerin. „Und darfst du es ablegen, wenn du unter Frauen bist?“ „Ja, das ist kein Problem.“ Vorsichtig entsteht ein Gespräch und Siham freut sich, die vielen Fragen zu beantworten. Sie erzählt von der Flucht mit Boot, Bus, Zug und zu Fuß, von ihren vielen Freunden, die in Syrien starben, von ihren Großeltern, die krank sind und noch in Damaskus leben und sie sagt, dass sie zurück in ihre Heimat möchte, wenn der Krieg vorbei ist.

Siham möchte später als Erzieherin arbeiten

„Hast du eigentlich lange Haare?“, fragt Elfie Balzer ihre junge Mitarbeiterin. „Nein, ich hatte lange Haare bevor ich nach Deutschland kam. Aber auf der Flucht, die 15 Tage dauerte, konnte ich das Kopftuch nicht abnehmen. Danach waren meine Haare kaputt und ich musste sie abschneiden.“ Siham zeigt mit der Hand auf ihre Taille, so lang waren ihre Haare vor der Flucht. Jetzt reichen sie „nur“ noch bis zur Rückenmitte.

Gespräche wie dieses kann Siham nur selten führen, weil sie keine deutschen Freunde hat. „Mein kleiner Bruder hat Glück, er hat viele deutsche Freunde und spricht deshalb schon sehr gut. Das fehlt mir“, gesteht Siham. Dank der aufgeschlossenen Kollegen im Optikpark konnte sie aber inzwischen aufholen. „Sie kommuniziert hier mit allen und hat große Fortschritte gemacht von September bis jetzt“, lobt Elfie Balzer. Deutsch ist Sihams dritte Fremdsprache. Neben Arabisch spricht sie Englisch und Türkisch. Nach der Schule möchte sie eine Ausbildung als Erzieherin machen. Das Praktikum hat ihr gezeigt, dass die Arbeit mit Kindern für sie das Richtige ist.

Von Christin Schmidt

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