Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Nachkriegs-Schicksale im Falkenseer Museum

Stadtgeschichte Nachkriegs-Schicksale im Falkenseer Museum

„Was will der fremde Mann bei uns, fragten Kinder ihre Mütter, als der Vater aus dem Krieg heimkehrte.“ Das berichtete Harald Fritz Potempa. Während der 5. Falkenseer Museumstage am Wochenende referierte der Militärhistoriker über „Ausgebombte, Heimkehrer und Rucksackdeutsche“ und über die damalige Situation in der Gartenstadt.

Voriger Artikel
Nauener mit Sport im Blut
Nächster Artikel
So will die SPD den CDU-Sieg verhindern

Bert Krüger mit dem Holzkoffer der Familie Reinart, die 1944 aus Litauen flüchtete.

Quelle: Hans-Peter Theurich

Falkensee. „Was will der fremde Mann bei uns, fragten Kinder ihre Mütter, als der Vater aus dem Krieg heimkehrte.“ Das berichtete Harald Fritz Potempa. Während der
5. Falkenseer Museumstage am Wochenende referierte der Militärhistoriker über „Ausgebombte, Heimkehrer und Rucksackdeutsche“ und über die damalige Situation in der Gartenstadt. Die Veranstaltung im gut besuchten Museum Falkensee war mit Vorträgen und Zeitzeugenberichten den großen Flüchtlingsströmen in der Nachkriegszeit gewidmet.

Damals suchten 13 Millionen Deutsche eine neue Heimat. Wegen der Nähe zur ehemaligen Reichshauptstadt kam Falkensee eine besondere Bedeutung zu. „Über diese Zeit gibt es nicht viel Literatur, und deshalb haben wir unser Archiv geöffnet. Der Fluchtkoffer der Familie Reinart aus Litauen steht hier symbolisch für viele Schicksale“, sagte Museumsleiterin Gabriele Helbig.

In seiner Begrüßung erklärte Bürgermeister Heiko Müller (SPD): „Hier war alles anders.“ In Berlin waren 60 Prozent der Wohnungen durch Bomben der Alliierten und die größenwahnsinnigen Pläne der Nationalsozialisten für die Welthauptstadt Germania zerstört. Ein paar Kilometer weiter, in Falkensee, gab es nur wenige Kriegsschäden. Folglich suchten viele Berliner in der nahegelegenen Stadt eine neue Unterkunft.

Das frühere Außenlager des KZ Sachsenhausen in Falkenhagen, ein Zwangsarbeiterlager, der ehemalige Rüstungsbetrieb Demag und ein Kriegsgefangenenlager wurden zwischen 1945 und 1947 zum Sammellager für Flüchtlinge. Es erhielt den Namen „Quarantänelager Agneshof“, benannt nach einer kleinen Weißbierbrauerei an der Spandauer Straße.

Kurioserweise gab es in der späteren DDR gar keine „Flüchtlinge“. Sie hießen „Neubürger“. Durch das Potsdamer Abkommen vom Sommer 1945 waren die Gebietsabtretungen in Osteuropa offiziell, und so war auch niemand zur Flucht gezwungen – so die Lesart in der damaligen sowjetisch besetzten Zone.

Jeder Neuankömmling musste zunächst ins Quarantänelager, in die Entlausungsstation. Besonders spannend war der Text einer Schülerin, den Museumsleiterin Gabriele Helbig vorlas. Er war lange vor der Wende 1989 im Unterrichtsfach WPA, also wissenschaftlich-praktische Arbeit, entstanden. Darin hatte das heute unbekannte Mädchen ihre Gespräche mit Zeitzeugen notiert.

Ergreifend verlief das Schicksal der verwaisten Kinder im Lager. Sie standen am Zaun und baten die Besucher um ein neues Zuhause. Der elfjährige Jürgen hatte Glück; eine Mutter hatte sich entschlossen, ihn an Kindesstatt anzunehmen. Doch Jürgen hatte schon seinen großen Bruder und seine Mutter verloren. Um nichts in der Welt wollte er seinen kleinen Bruder im Lager zurücklassen. Also ging die Falkenseerin mit zwei Jungen nach Hause.

Eva Buckbesch aus Falkensee und ihr Mann haben eine kleine Tischvitrine im Museum mit Dokumenten, Fotografien und Erinnerungsstücken an ihren Schwager Alfred Platzek ausgestattet. Ein Foto zeigt den 18-jährigen Ostpreußen in russischer Kriegsgefangenschaft. In Odessa wurde der begeisterte Kommunist zum Politischen Kommissar ausgebildet. Seine Familie floh von der Ostsee nach Falkensee, dort traf er sie wieder. Er promovierte als Wirtschaftswissenschaftler und arbeitete als Dozent in der Hochschule für Nationalökonomie in Karlshorst. „Erst 1972 hat er seine Heimatstadt Bischofsburg in Ostpreußen wieder gesehen“, sagte Eva Buckbesch der MAZ.

Beeindruckende Referate über die Nachkriegswirren in Falkensee hielten Museumsmitarbeiter Bert Krüger und der Vorsitzende des Fördervereins, Burkhard Berg. Hans Ulrich Rhinow berichtete über seine Fluchterlebnisse 1945. Human Mirrafati, der 1992 aus dem Iran nach Deutschland geflohen war, schilderte seine Haft im Irak und sein neues Leben in Berlin und Falkensee.

Von Judith Meisner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Havelland
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg