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Nauen kann auch anders

Image-Schaden Nauen kann auch anders

In den Wochen nach der Zerschlagung der Nazi-Zelle hadern viele Nauener mit dem schlechten Image ihrer Stadt. Ob Nauen den Ruf als Hochburg des Rechtsextremismus verdient hat und was das ganze mit einem Wolf im Schafspelz zu tun hat? Die MAZ im Gespräch mit Markus Klein vom Mobilen Beratungsteam Potsdam.

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Nur mit vereinten Kräften könne sich Nauen vom Nazi-Image befreien.

Quelle: Andreas Kaatz

Nauen. Markus Klein (37) ist seit 2013 für das Mobile Beratungsteam Potsdam in der Region unterwegs. Auch im Havelland fördert er die kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und die Stärkung eines demokratischen Gemeinwesens.

Herr Klein, wie ist die Situation in Nauen nach der Festnahme von Maik Schneider und weiteren Mitgliedern der Nauener Nazi-Zelle?

Markus Klein: Ich vermute, dass diese Festnahme für viele Nauener eine Erleichterung ist und sie hoffen, dass nun endlich Ruhe einkehrt. Schon lange haben die Leute die Entwicklungen in ihrer Stadt kritisch betrachtet und sich zurückgezogen.

Zurückgezogen?

Klein: Die Angst davor, in eine Ecke gestellt zu werden, sobald man sich zum Flüchtlingsthema äußert, ist allgegenwärtig. In die eine, wie auch in die andere Richtung. Schon lange ist es nicht mehr wirklich möglich darüber ganz offen zu sprechen. Die Menschen sind eingeschüchtert.

Gab es deshalb aus der Bevölkerung so wenig Hinweise auf die Täter?

Klein: Das kann ich nicht sagen. Wenn man sich jedoch überlegt, dass viele, die sich gegen die Asylgegner gestellt haben, massiv angegriffen worden sind, lässt sich die Zurückhaltung vielleicht etwas besser verstehen. Die Angriffe auf das Büro der Linken, das Fahrzeug der Jugendhilfe Mikado und natürlich der Brand der Turnhalle haben Wirkung gezeigt und eingeschüchtert.

Mobiles Beratungsteam

Das Mobile Beratungsteam Potsdam

arbeitet seit 1998 im Auftrag der Landesregierung im Rahmen des Handlungskonzepts „Tolerantes Brandenburg“ und berät Bürger, Initiativen, Vereine, politische Verantwortungsträger und öffentliche Verwaltungen.

Der Ansatz ist die Hilfe zur Selbsthilfe für eine demokratische Kultur im Land Brandenburg - gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Das Beratungsteam ist in seinen Handlungen unabhängig von politischen Organisationen.

Warum Nauen?

Klein: Aus Kapazitätsgründen müssen sich die Aktivitäten der rechtsextremen Szene auch im Havelland auf bestimmte Orte konzentrieren. Mit dem Abbruch der Stadtverordnetenversammlung im Februar letzten Jahres konnte die NPD in der Stadt einen Teilerfolg erzielen und setzte alles daran die Stimmung aufrecht zu erhalten. Entgegen des aktuellen Bildes ist die Gruppe von Personen, die sich in rechtsextremen Strukturen organisieren, nicht besonders groß. Diesen ist es jedoch gelungen, viele nicht organisierte Leute zu mobilisieren und auf die Straße zu bringen.

Wie das?

Klein: Ganz nach der Strategie „Wolf im Schafspelz“. Das Bürgerbündnis Havelland scheint erst einmal harmlos und zieht gerade mit dem Flüchtlingsthema viele Bürger an, die nicht unbedingt etwas mit der rechtsextremen Szene zu tun haben. Bei Demonstrationen wird gezielt darauf geachtet, dass keine offensichtliche Verbindung zur NPD oder anderen rechten Bündnissen besteht. Man hat die vermeidlich gleichen Ängste und Gedanken, versteht sich womöglich sogar gut. Die Dynamik während einer Demonstrationen trägt dazu bei, dass viele Menschen Dinge rufen, die sie sonst nie sagen würden. Nauen war die erste Stadt in der eine Initiative so ausgerichtet war.

Wenn die Taktik so gut funktioniert hat, warum dann noch die Anschläge?

Klein: Die Akteure agieren nicht ohne Resonanz. Nachdem es gelungen war, Teile der Bevölkerung zu instrumentalisieren fühlten sie sich in ihren Ansichten bestätigt und nicht mehr allein. Sie sehen sich als verlängerter Arm des Volkswillens und haben das Gefühl sich mit ihren kriminellen Handlungen richtig zu verhalten.

Hat die Stadt während all dieser Entwicklungen geschlafen?

Klein: Ganz und gar nicht. Nach dem Brandanschlag auf die Turnhalle hat sich Bürgermeister Detlef Fleischmann klar positioniert und betont, dass die Stadt Flüchtlinge aufnehmen will. Das Toleranzfest, das seit einigen Jahren immer am 20. April stattfindet, ist ebenfalls ein guter Indikator dafür, dass Nauen auch anders kann. Außerdem engagieren sich die Willkommensinitiative, die Initiative für Menschlichkeit, der Humanistische Freidenkerbund und viele weitere Initiativen, Vereine und Privatperson in der Stadt. Und das auch noch nach den Anschlägen, obwohl diese natürlich nicht ohne Wirkung geblieben sind.

Was kann die Stadt tun, um sich kurzfristig von ihrem Image als eine Hochburg der rechten Szene zu befreien?

Klein: Das ist nur mit vereinten Kräften zu schaffen. Alle Akteure, die Verwaltung, Initiativen, Vereine und die Parteien müssen ihre Kräfte gegen die Asylkritiker bündeln, Flüchtlinge mit offenen Armen willkommen heißen und sich auch in Zukunft nicht durch rechte Aktionen einschüchtern lassen.

Von Laura Sander

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