Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Nauen Ein Nachtwächter auf Erkundungstour
Lokales Havelland Nauen Ein Nachtwächter auf Erkundungstour
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:03 29.07.2018
Kenntnisreich und heiter: Stadtführung in Nauen. Quelle: Wolfgang Balzer
Nauen

Gleich mehrfach ungewöhnlich war der Freitagabend in Nauen. Zu den letzten Tropfen eines Gewitterschauers bläst der Nauener Turmbläser (Gerhard Flemming) punkt 20 Uhr seine Fanfare. Nauens Nachtwächter (Wolfgang Wiech), traditionell mit Horn, Laterne und großem Schlüsselbund ausgerüstet, begrüßte direkt vor der Rathaustür mit dem traditionellen Ruf „Liebe Leute lasst euch sagen...“ fast 100 Interessierte aus Nauen und vielen Orten der Umgebung zu seinem Rundgang durch die Nauener Historie. Und das in der Hoffnung, das Jahrhundertereignis, die ungewöhnliche Mondfinsternis, gemeinsam erleben zu können.

„Kein Gebäude in Nauen ist vor 1695 gebaut worden“, verkündete der Nachtwächter selbstbewusst. Der große Stadtbrand habe im genannten Jahr ganz Nauen in Schutt und Asche gelegt. Und die passende Anekdote hatte er dazu auch parat: In einem Haus am Wasserturm habe der Knecht die Magd besucht und im Heu soll es heiß hergegangen sein.

Besucher aus der halben Welt hätten Nauen nach der Inbetriebnahme der Großfunkstelle für drahtlose Telegraphie im Jahre 1906 besucht, verkündete der Nachtwächter. „Und auch Strolche“, tönte es aus dem Hintergrund. Das Waschweib (Monika Wiech) meldete sich, stolz über ihr Wissen, zu Wort. Ja, ja, meinte der Nachtwächter. Der so genannte Hauptmann von Köpenick hätte sich ursprünglich das Nauener Rathaus (1891 eingeweiht) für seinen Streich ausgesucht. Angesichts des vielen Militärs sei er wohl lieber nach Köpenick gegangen – glücklicherweise. Nun lache die Welt über Köpenick und nicht über Nauen.

Anekdoten über den Alten Fritz

Anekdoten und Historisches wechselten sich im munteren Wechsel ab. Und letzteres gibt es in der benachbarten Goethestraße, vor 100 Jahren Nauens Prachtstraße, mehr als genug. Vor der Goethestraße 52 angekommen, erfahren die Teilnehmer, dass hier 1732 Kronprinz Friedrich, später König Friedrich II., drei Monate lang als Bataillonskommandeur residierte. Und den Weibern soll er nebenbei auch fleißig nachgestellt und ein Techtelmechtel mit der Pfarrerstochter gehabt haben. Na ja, Nachtwächter sind für gewöhnlich gut informiert, Waschweiber allerdings auch. Was das für ein blanker Schlüssel da an seinem Gürtel sei, die Zwischenfrage. Wenn die Schmidten eine Kerze ins Fenster gestellt habe, hätte er sich doch um sie kümmern müssen, gab der Nachtwächter eher kleinlaut zu, wandte sich aber lieber der Historie zu.

Erinnerung an den Eisernen Gustav

So nächtigte einst der „Eiserne Gustav“, Droschkenkutscher Gustav Hartmann, auf seiner Reise nach Berlin im Berliner Hof und im Haus Nummer 55 habe Uhrmachermeister Carl-Wilhelm Bäker (1819 bis 1892), der Mitbegründer der Deutschen Astronomischen Gesellschaft, gewohnt. Und mindestens sechs Kometen habe er auch entdeckt, weiß der Nachtwächter und plauderte dann über die Geschichte der jüdischen Synagoge in der Goethestraße, Juhnkes Filmdreh und die Geburt von Jürgen Drews 1945 in Nauen ebenso wie über sein Amt, das die Beschützer der Nauener vor Feuer und Diebstahl auch schon in früheren Zeiten mit Würde und Eifer versehen haben. Und doch seien sie immer Unehrenhafte gewesen, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter standen.

Im „Lindenviertel“, Lindenstraße, Lindengasse und Lindemanngasse, hätte es eine Kneipe an der Ecke gegeben haben, eine Opiumhöhle, meinte der Nachtwächter. Nicht weit die Torgasse, eine der Straßen mit den speziellen Nauener Doppeltüren. Die linke gehe nach innen auf und führe über den Flur bis auf den Hof, die rechte öffne sich nach außen und führe direkt in die obere Etage, so die Erklärung.

Enttäuschung auf dem Zickenberg

Immer wieder geht der Blick des Nachtwächters Richtung Mond. Aber der war hinter der Wolkendecke nicht zu sehen. Schließlich waren die Führungsteilnehmer rechtzeitig auf dem „Zickenberg“, einem kleinen Hügel, angekommen. Es war bereits kurz vor 22 Uhr und damit kurz vor dem Höhepunkt der angekündigten Mondfinsternis, dem einmaligen romantischen Spektakel der spätabendlichen Führung mit dem Nauener Nachtwächter durch die Altstadt.

Blick auf die Transitstraße

Der Nauener Nachtwächter bietet seit Jahren regelmäßig historische Stadttouren an.

Am 3. Oktober um 14 Uhr gibt es eine Führung entlang der ehemaligen Transitstraße F5 und durch die Innenstadt Nauens. Wer kann sich noch erinnern an die alten Zeiten, als durch Verkehr von und nach West-Berlindurch Nauen fuhr.

Wenn schon oben nichts zu entdecken ist, erklärte Wolfgang Wiech, dann eben etwas, was unten, unter den Füßen zu sehen ist. Und das sind einige Gully-Deckel in der Mittelstraße. Diese ziert das Nauener Stadtwappen mit dem markanten Karpfen. Warum ein Fisch im Wappen? Drei Erklärungen könnte es geben, meinte der Nachtwächter: Nauens Stadtgründer hätte einen Fisch im Siegel gehabt, er sei aus Nauens wasserreicher Umgebung zu erklären oder es könnte ein Zeichen der damals noch nicht so weit verbreiteten Christen gewesen sein. Genau kennt die Herkunft des Fisches im Nauener Wappen bis heute niemand.

„Ich liebe Geschichte. Für mich war das eine spannende Führung, auch ohne Mondfinsternis“, lobte Doreen Hackbarth aus Brieselang. Den wegen des Ausbleibens des großen Ereignisses leicht enttäuschten Wolfgang Wiech dürfte der kräftige Beifall entschädigt haben.

Von Wolfgang Balzer

Die 9. Ribbecker Sommernacht bietet am 11. August einen Abend mit Musik, Literatur und Installation. Vor allem aber gibt es eine Begegnung mit den Tastenistrumenten des Dorfes – egal ob im großen Saal oder privaten Wohnzimmer.

29.07.2018
Nauen MAZ-Sammelserie - 300 Postkarten aus Nauen

Franz Nieter hat eine großen Leidenschaft: Er sammelt alle möglichen Postkarten von seiner Heimatstadt Nauen. Jetzt will der 69-Jährige ein Buch mit den Karten herausbringen.

28.07.2018

Im Juli 1998 begann auf Gut Neuhof in Markee eine außergewöhnliche Form der Suchttherapie für junge Leute, die es heute weltweit auf 135 Höfen gibt. Nicht alle Teilnehmer schaffen es.

27.07.2018