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Nein zu Rollkragenhelden

In der Zeitung vor 50 Jahren Nein zu Rollkragenhelden

Die Märkische Volksstimme berichtete im Jahr 1966 über Falkenseer Raubüberfälle, Nauener Stadtbadaktionen und Etziner Tanzbeobachtungen – und über Frauen, die sich Männerdomänen eroberten.

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Trauriger Nachricht am 1. Juni 1966: Der Zugverkehr zwischen Nauen und Ketzin wurde eingestellt.

Quelle: Repros: MAZ

Havelland. Vor 50 Jahren erschienen am 1. Januar Tageszeitungen. Die Leser hatten ihre „Märkische Volksstimme“ im Briefkasten. Und die wusste an diesem Neujahrstag Ungeheuerliches zu berichten. Unter der Rubrik „Paula 07 meldet“ erfuhren die Leser von einem Überfall, der sich am zweiten Weihnachtsfeiertag in Falkensee ereignet hatte. Ein Mann hatte in der Seegefelder Straße eine 82-jährige Rentnerin brutal niedergeschlagen und beraubt. Er erbeutete 8 Mark, 8 MDN wie die Währung damals offiziell hieß. Einige Stunden später überfiel derselbe Täter in der Falkenhagener Straße einen Mann, der aus Westdeutschland kam und in Falkensee zu Besuch war. Der Räuber schlug ihn mit einer Sektflasche nieder, hier erbeutete er etwa 400 Mark.

Das Ereignis dürfte Stadtgespräch gewesen sein. Die Polizei hatte den bereits mehrfach vorbestraften Täter wenige Stunden nach den Überfällen dingfest machen können. Seine Verurteilung war später eine öffentliche Sache: Die Gerichtsverhandlung fand im Falkenseer Rathaus statt, am 15. Mai berichtete die MV darüber, der Mann wurde zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nicht kriminell, aber tragisch sollte es 1966 noch mehrmals im Kreis Nauen zugehen, immer wieder musste von Todesfällen berichtet werden: Am Ortsausgang von Friesack wurde im Januar ein Radfahrer überfahren. Ein Pessiner wurde tot aufgefunden, er hatte am Abend vorher in Nauen gefeiert und stand „unter erheblicher alkoholischer Beeinflussung“. Ein Motorradfahrer starb im März bei Paaren. Ein zehnjähriger Junge ertrank im Mai beim Baden in der Kiesgrube bei Pausin. Ein Frau starb in Falkensee an Stromschlag in der Wohnung. In Nauens Zuckerfabrik wurde eine junge Saisonarbeiterin von Getreide verschüttet und erstickte. In Paulinenaue ertrank ein vierjähriger Junge in einem Wasserbecken.

Die Badeunfälle stehen als besonders traurige Ereignisse in einem Metier da, das ansonsten die Massen auf ganz positive Art beschäftigte. Das Baden mobilisierte die Menschen, genauer: das Schaffen von Bademöglichkeiten. „Ab 1. Juli wird gebadet“ titelte die MV am 18. Februar über die Zielstellung des Stadtplanes in Nauen. „Die Fertigstellung des Stadtbades ist die Hauptaufgabe im Nationalen Aufbauwerk“. Das Nationale Aufbauwerk vereinte im ganzen Land Frauen und Männer zu ehrenamtlicher Arbeit, zahllose NAW-Stunden wurden geleistet, die Nauener haben mitgeholfen beim Ausschachten, Mauern, Planieren, Pflanzen. Über eine große Tombola war Geld für das Projekt gesammelt worden. Und im Juli wurde dann auch gebadet.

Auch in anderen Orten wollten die Menschen baden. In Pausin sollte das Freibad bis zum 5. August fertiggestellt sein. In Falkensee floss viel Geld in den Lindenweiher. Seit Jahren zog sich die Entschlammung des Gewässers dahin, nun sollte es endlich gelingen. 58 000 MDN wurden ausgegeben, um das Gewässer und die Badestelle wieder herzurichten. In Ketzin wurde die Badesaison im Mai bei 15 Grad Wassertemperatur eröffnet, zwanzig Liegestühle und fünf Ruderboote warteten auf die Erholungssuchenden. Drei Freiduschanlagen und ein Klettergerüst und ein Erste-Hilfe-Raum waren vorhanden. Am Ende der Saison wurden mehr als 35000 Besucher gezählt. Davon waren die Brieselanger noch weit entfernt. Ende August titelt die MV: „Brieselang baut ein Naherholungszentrum“, das Gelände am Nymphensee soll hergerichtet werden, 108 000 MDN sind dafür vorgesehen.

Politisch gesehen, bestimmte die Fünf-Tage-Woche viele Zeitungsspalten. Ab April 1966 wurde sie schrittweise eingeführt, erst mal jede zweite Woche war der Sonnabend frei, ab Sommer 1967 endgültig. In den Betrieben bildeten sich Kommissionen zur Vorbereitung der Arbeitsveränderungen, die Verkaufsstellen und der Busverkehr mussten umorganisiert werden, öffentlich wurde die Debatte über das lange Wochenende geführt. „Kostbare Freizeit – sinnvoll gestalten“ titelte die Zeitung am 3. Februar. Und die Ratsvorsitzende Grete Richter forderte: „Die Betriebe tragen eine große Verantwortung für die sinnvolle Freizeitgestaltung ihrer Werktätigen.“

Kann gut sein, dass die Werktätigen das auch ohne Anleitung schafften. Denn die Zahl der Chöre, Zirkel, Filmclubs, Musikkapellen und Amateurkünstler war groß. 1966 erhielten die kulturell ambitionierten Osthavelländer zudem Impulse durch die Arbeiterfestspiele, die im Bezirk Potsdam ausgetragen wurden. Auch Friesack war damals Festspielort, das Blasorchester des Kraftfuttermischwerks Ketzin und das Kabarett „Die Spechte“ vom HO-Kreisbetrieb hatten sich für das zentrale Programm des Bezirks qualifiziert.

Eine neue Form der Kulturarbeit etablierte sich in Falkensee. In die Finkenkruger Gaststätte „Vier Jahreszeiten“ wurde zu „Jugendtanznachmittagen“ eingeladen. Das kam bei den jungen Leuen aus der Region offensichtlich gut an, sie reisten selbst aus Birkenwerder und Oranienburg an, standen schon zwei Stunden und länger vor Tanzbeginn nach Karten an. Allerdings gab es auch Ärger: Ältere kauften Bier und gaben es an Jüngere weiter. „Liebe junge Freunde, helft deshalb mit, dass Eure Tanznachmittage recht kulturvoll werden und bleiben“, schrieb der MV-Reporter Gregor, „Erzieht Euch untereinander! Ruft die, die sich nicht anständig zu benehmen wissen, zur Ordnung! Haltet auf gute Kleidung.“ Das mit der Kleidung beschäftigte auch die Etziner, das geht aus einem Leserbrief vom November hervor: „Wir Etziner besitzen bestimmt immer Gastfreundschaft. Aber Rollkragenhelden und Lederjackenrowdys werden auch in Zukunft zu unseren Veranstaltungen, wie kürzlich beim Karneval, keinen Einlass finden.“

Die Kleidungskritik richtete sich auch an einzelne Damen. Die drangen eben in so manche Männerdomäne vor. Nicht nur, was Rollkragen betrifft. In fast allen Dörfern wurden Frauenlöschgruppen aufgestellt. Das Plastverarbeitungswerk Staaken suchte per Anzeige im Januar unter den Schulabgängern Mädchen als Lehrlinge, im September konnte vermeldet werden: 53 Mädchen werden Plastfacharbeiter. Auch im Freizeitbereich war die Gleichberechtigung angesagt: Es bildeten sich immer mehr Frauenangelgruppen, für den 4. September wurde zu einem Kreisfrauenangeltag eingeladen.

Und selbst die GST, die Gesellschaft für Sport und Technik, zog junge Frauen an. Die Nauener GST-Frauenmannschaft im Fernschreiben wurde 1966 sogar Deutscher Meister.

Von Marlies Schnaibel

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