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Papierküsse nach Falkensee

Lesung im Museum Papierküsse nach Falkensee

In Amsterdam verbarg sich die jüdische Familie von Anne Frank im Zweiten Weltkrieg. In Falkensee war es die Familie Gilgenberg, die zwei Geschwister der Familie Meller und ein Kindermädchen aufnahm, um sie vor den Nationalsozialisten zu beschützen. Vater Pali Meller sandte aus der Haft regelmäßig Briefe nach Falkensee. Daraus entstand Buch „Papierküsse“.

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Die Schauspielerin Julia von Sell las aus den Briefen ihres Großvaters Pali Meller im Museum Falkensee.

Quelle: Hans-Peter Theurich

Falkensee. Aus dem Buch „Papierküsse. Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43“ las die Schauspielerin Julia von Sell. Es war die 13. Veranstaltung der Reihe „Falkensee im Spiegel der Literatur“ im fast ausverkauften Museum.

In der Amsterdamer Prinsengracht verbarg sich die jüdische Familie der Anne Frank im Zweiten Weltkrieg. Ähnliches spielte sich auch in der Falkenseer Siemensstraße 21 ab, die heute Anschützstraße heißt. Die Familie Gilgenberg nahm dort zwei Geschwister der Familie Meller und ein Kindermädchen auf, um sie vor der mörderischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu beschützen.

Nach Falkensee sendete der Vater, der jüdische Ungar Pali Meller, Briefe und Postkarten an seine Kinder Pila und Barbara. Er war zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Als Abschiedsgruß schickte er ihnen „Papierküsse“.

Der Architekt Pali Meller war mit der Nichtjüdin Petronella Colpa verheiratet. Deshalb behelligten die Nationalsozialisten die Familie nicht. Das änderte sich, als die Frau 1935 bei einem Autounfall starb. Meller hatte doppelt Pech: Er wurde mit gefälschten Papieren erwischt, die ihn zum „Arier“ machen sollten. Und er hatte eine nichtjüdische Freundin, so dass er wegen sogenannter „Rassenschande“ zusätzlich angeklagt wurde. Im Februar 1942 wurde er verhaftet.

Die Briefe des Vaters aus dem Gefängnis klingen zunächst fast zu fröhlich für seine Situation in Berlin-Plötzensee oder im Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Dann wird klar, er schlägt diesen Ton an, um die Kinder nicht zu beunruhigen. Man erzählte ihnen nämlich, der Vater sei auf Reisen. „Meine Mutter hat erst nach dem Krieg erfahren, was wirklich passiert ist“, sagte Julia von Selle bei der Lesung. Sie ist die Enkelin von Pali Meller.

Nur der elfjährige Sohn Pila war damals eingeweiht. Und er reagierte geistesgegenwärtig, als die Gestapo (Geheime Staatspolizei) an der Tür klingelte. Er behauptete, die Familie Gilgenberg und das Kindermädchen seien im Kino in Berlin. Tatsächlich aber hatten sie sich versteckt.

Pila und seine Schwester Barbara gingen in Falkensee zur Diesterweg-Schule. Brunhild Walter aus Waldheim war auch zur Lesung gekommen. Die 85-Jährige erinnert sich noch gut an ihren Mitschüler Pila Meller: „Er hatte den Spitznamen Faust, weil er sich fürs Theater interessiert hat.“

Der Ton der Briefe aus der Haft wird immer ernster. „Das Glück kann eine Pellkartoffel sein“, schreibt der 40-Jährige aus dem Gefängnis in Brandenburg-Görden. Der Vater bittet seinen Sohn: „Handle so, wie du glaubst, dass ich es getan hätte.“

Am 14. März 1943 bekommen die Kinder die letzte Postkarte. Ihr Vater hat Fieber und beschreibt eine Fahrradtour in leuchtenden Farben. Am 31. März stirbt Pali Meller an Tuberkulose im Gördener Gefängnis. Jüdische Häftlinge erhielten keine medizinische Versorgung. Barbara Meller übergab die Briefe ihrer Tochter, daraus entstand 2012 das Buch „Papierküsse“. Pila wurde Grafiker. Seine Schwester Barbara wurde 1975 die erste Frauenbeauftragte einer Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. Sie war die Mutter von Julia von Sell.

Von Judith Meisner

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