Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Politisch Verfolgtem droht Abschiebung

Schwerer Abschied für Flüchtling Politisch Verfolgtem droht Abschiebung

Seit zwei Jahren lebt Hervé Kommogne in Friesack (Havelland). In Kamerun wurde er politisch verfolgt und ist deshalb geflüchtet. Die Flucht kostete ihm beinahe das Leben, sein Schlauchboot kenterte. In Brandenburg ist er gut integriert, hat deutsch gelernt, macht ein Praktikum und singt im Kirchenchor. Trotzdem soll er am Dienstag nach Spanien abgeschoben werden.

Voriger Artikel
„Der Kriminalist“ ermittelt in Elstal
Nächster Artikel
Petzold tritt zur Landratswahl für die Linken an

Sein Praktikum in der Klinik Nauen wird Hervé Kommogne nicht weiterführen können – er soll abgeschoben werden.

Quelle: Danilo Hafer

Friesack. Fragt man Hervé Kommogne wie es ihm gerade geht, antwortet er: „Ja, mir geht es gut, es ist alles ok.“ Doch man merkt dem Kameruner sofort an, dass das nicht stimmt. Hervé Kommogne lebt seit zwei Jahren in Deutschland, genauer in einem Übergangswohnheim in Friesack. Im Moment macht er ein Praktikum bei den Havelland Kliniken in Nauen und könnte dort im Oktober eine Festanstellung bekommen.

Doch am Dienstag soll Hervé Kommogne nach Spanien abgeschoben werden. Der Grund: Nach dem „Dublin II“-Abkommen muss er seinen Asylantrag in dem Land stellen, in dem er zuerst den Boden der Europäischen Union betrat. Und das war in seinem Fall Spanien. Doch darüber sprechen will Hervé Kommogne nicht. Er verdrängt es und spricht lieber über seine Arbeit im Krankenhaus. „Die Patienten freuen sich immer wenn ich ihnen helfe und wünschen mir viel Erfolg“, sagt der 35-Jährige.

In Kamerun wurde Kommogne angegriffen und erhielt Todesdrohungen

Sozial und politisch engagiert war Kommogne auch schon in seiner Heimat in Kamerun. Letztlich sollte ihm das zum Verhängnis werden. Als Präsident der regionalen „Jugendorganisation der demokratischen Sammlungsbewegung des Volkes von Kamerun“ kämpfte er in der Hauptstadt Duala, mit rund 280 Jugendlichen, erfolgreich für die Durchführung von Gemeindewahlen. Jedoch hatte die Opposition die Wahlergebnisse angefochten und es kam zu einem fünftägigen Aufruhr und bürgerkriegsähnlichen Zuständen, berichtet Hervé Kommogne. Im Verlauf dieser Entwicklung und weil die Regierungspartei ihre Versprechen zur Jugendpolitik nicht eingehalten habe, sei er zur „Sozialdemokratischen Front“ gewechselt. Rund 150 Jugendliche seien ihm gefolgt. Sie gründeten eine Organisation, mit der Arbeit für Mitglieder und andere Bürger geschaffen werden sollte. Allerdings habe damit dann auch sein Niedergang begonnen, so Kommogne.

„Ich wurde angegriffen und erhielt Todesdrohungen“, sagt er. An einem Sonntag im April 2011 wurde er auf dem Heimweg von einer Parteiveranstaltung von vier Männern überfallen, in ein leerstehendes Haus verschleppt, gefesselt und anschließend massiv geschlagen. Dabei haben sie ihm auch eine Daumenkuppe abgeschnitten. Zwei Nächte hielten sie ihn fest. Nur durch einen Zufall ließen seine Peiniger von ihm ab und er wurde von Passanten gefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Das war der Punkt, an dem sich Hervé Kommogne dazu entschied, sein Land zu verlassen.

Dem Tode so nahe

Am 4. Februar 2013 setzte er sich schließlich in einen Bus und fuhr über Niger und Algerien nach Marokko. Allein für diese Strecke brauchte er mehrere Monate. Nach ersten gescheiterten Versuchen, alleine über das Meer nach Spanien zu gelangen, versuchte Kommogne es Anfang Juni 2013 noch einmal. Diesmal zusammen mit fünf weiteren Personen in einem kleinen Schlauchboot. „Während der Fahrt sind wir viermal gekentert, bis uns endlich ein großes Schiff mitgenommen hat. Sonst wären wir wahrscheinlich gestorben“, sagt er. Acht Stunden waren sie da schon auf dem Wasser. Das Schiff brachte ihn dann nach Ceuta, einer spanischen Exklave an der afrikanischen Küste. Da er in Spanien keine Chance auf ein ordentliches Asylverfahren sah, kaufte er sich ein Busticket, mit Ziel: Dänemark. Seine Reise endete jedoch an der deutsch-holländischen Grenze. Dort wurde er kontrolliert, in ein Erstaufnahmelager nach Dortmund und dann weiter nach Eisenhüttenstadt geschickt, wo er am 12. Februar 2014 seinen Asylantrag stellte. Ein Jahr war da seit seiner Abreise in Kamerun vergangen.

„Es ist einfach absurd, dass er jetzt nach Spanien soll“

Zusammen mit 30 weiteren Flüchtlingen wurde Hervé Kommogne dann nach Friesack gebracht. Schnell hatte er dort Anschluss gefunden. Ein erster Kontakt war Pfarrer Willibald Schmitt, der ihn mit zum Kirchenchor nahm. Dort lernte er dann auch Anke Goersz kennen, die ihn seitdem begleitet und mit Rat und Tat zur Seite steht. Auch ihr sieht man die Hilflosigkeit deutlich an. „Es ist einfach absurd, dass er jetzt nach Spanien soll, wo er die Sprache nicht kennt und wieder bei Null anfangen muss“, sagt sie. Aber rein rechtlich könne man das Urteil nicht mehr anfechten. In einem Brief an das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration bittet sie zusammen weiteren Unterstützern, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. „Niemand interessiert sich für seine Geschichte und das, was er sich hier schon aufgebaut hat. Es geht nur um Paragrafen“, sagt Anke Goersz.

Am Dienstag soll Hervé Kommogne Deutschland verlassen. Ziel ist Madrid. Wie es dort für ihn weitergehen wird, weiß niemand.

Von Danilo Hafer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Havelland
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg