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Ramadan in Rathenow

Afghanische Familie im Havelland Ramadan in Rathenow

Wie eine Familie aus Afghanistan sich an das Fastengebot hält. Eine Reportage.
 

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Fasten aus Überzeugung: Ahmad Jamil Taheri (li.), Tanaz Qassemi und Sohn Mohammed Hussain in ihrem Zimmer im Rathenower Asylbewerberheim.

Quelle: Markus Kniebeler

Rathenow. Im Zimmer der Familie Taheri im Asylbewerberheim am Birkenweg deutet auf den ersten Blick nichts darauf hin, dass hier tagsüber Schmalhans Küchenmeister ist.

Auf der Anrichte steht ein Korb mit appetitlichen Backwaren, beim Besuch des Reporters wird der Teekessel angeworfen, und Ahmad Jamil Taheri macht alles andere als einen hungergestressten Eindruck. So schnell werden Erwartungen ad absurdum geführt.

Die Tatsachen sind natürlich unverrückbar: Seit dem 9. Juli begehen gläubige Muslime den Ramadan. Und zu denen zählt auch die Familie Taheri. Vater Ahmad Jamil (37) und Mutter Tanaz Qassemi (32) nehmen zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder feste noch flüssige Nahrung zu sich. (Der eben erwähnte Tee war einzig und allein für den Gast bestimmt) So schreibt es der Koran vor. Sohn Mohammed Hussain muss sich an das Fastengebot nicht halten, weil er mit elf Jahren noch zu jung ist.

Wenn die Sonne untergeht, das ist derzeit gegen 21.30 Uhr der Fall, wird es in dem Zimmer der Familie Taheri lebhaft. Mit dem Iftar, einem festlichen Abendessen wird das tägliche Fasten beendet. Nach einem Dankgebet, kommen die erwähnten Backwaren auf den Tisch. Oder besser auf den Teppich. Denn die Taheris essen den Sitten ihrer Heimat gemäß auf dem Boden. Neben Brot gibt es Suppe, Gemüse, Obst und zum Nachtisch meist noch etwas Süßes.

Wer nun eine große Fressorgie vor Augen hat, ein maßloses Schlingen und Stopfen, der ist schon wieder auf dem Holzweg. "Meist beginnt das nächtliche Mahl mit einem Glas Tee", sagt Ahmad Jamil Taheri. Und dann folge vielleicht ein Teller Suppe mit Brot und irgendwann Gemüse. Alles ganz entspannt. Ein solches Essen kann sich bis Mitternacht hinziehen.

Diese ausgesprochen kontrollierte Nahrungsaufnahme nach fast 20 Stunden ohne einen Bissen und ohne einen Schluck ‒ in dieser Zeit hat sich der Nicht-Muslim Frühstück, Mittag- und Abendessen einverleibt nebst etlichen Zwischensnacks und mehreren Litern Flüssigkeit ‒ hat nicht so sehr medizinische Gründe. Natürlich wäre es ungesund, den leeren Magen gleich mit einem Turboessen zu strapazieren. Aber viel mehr hat diese Mäßigung mit Besinnung und Konzentration zu tun. Im Ramadan gehe es auch darum, dass man bewusster lebe und dass man behutsamer miteinander umgehe, sagt Ahmad Jamil Taheri.

Natürlich müsse man mit seinen Kräften haushalten, sagt der Familienvater, der mit Frau und Sohn seit August 2011 im Rathenower Heim lebt. Gerade jetzt, bei 30 Grad im Schatten, gehe es darum, sich nicht zu verausgaben. Aber in dieser Hinsicht kann Taheri, der im Asylbewerberheim dem Hausmeister zur Hand geht, auf Verständnis hoffen. "Der lässt mich jetzt keine Möbel schleppen."

Dennoch ist so ein Tag ohne Nahrungsaufnahme lang. Normalerweise würde das Paar morgens länger schlafen. Doch weil beide Deutschkurse besuchen, stehen sie schon gegen 7 Uhr auf. Eingekauft werden muss auch irgendwann, und das Studium des Korans ist ebenfalls fester Bestandteil eines Ramadan-Tages. Ruhephasen zwischendurch sind unerlässlich. In muslimischen Ländern werden während des Ramadans sogar die Arbeitszeiten offiziell verkürzt.

Dass der Ramadan die Gläubigen in diesem Jahr vor besondere Herausforderungen stellt, bestreitet Ahmad Jamil Taheri nicht. Zum einen setze die Hitze einem zu. Und zum anderen sei die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in den Sommermonaten naturgemäß viel länger als im Winter. Wenn der Ramadan im Dezember stattfindet ‒ wegen des Mondzyklus verschiebt sich der Fastenmonat von Jahr zu Jahr um zehn bis elf Tage und durchschreitet so im Lauf von 33 Jahren alle Jahreszeiten ‒ wenn also der Ramadan im Dezember stattfindet, dann ist die Herausforderung längst nicht so groß. Meist stehe man vor Sonnenaufgang auf und nehme etwas zu sich, berichtet Taheri. Und die Fastenzeit bis zum Untergang der Sonne am Nachmittag sei im Winter überschaubar.

Natürlich müsse niemand fasten, wenn er ernsthaft krank und seine Gesundheit gefährdet ist, sagt Taheri. Dann könne der Gläubige aussetzen und die Fastentage später nachholen. Auch Kinder seien bis zum 15. Lebensjahr ausgenommen von dem Fastengebot. Taheris Sohn, ein aufgeweckter Kerl, der auf die Schollschule geht und innerhalb von zwei Jahren so gut deutsch gelernt hat, dass man Bauklötze staunt, Taheris Sohn Mohammed Hussein macht freiwillig mit beim Fasten ‒ aber nur phasenweise. Er würde vielleicht sogar den ganzen Tag auf Essen und Getränke verzichten, aber da haben seine Eltern ein Wörtchen mitzureden. Und die achten darauf, dass der Junge sich nicht überfordert.

Die Taheris sind nicht die einzigen im Asylbewerberheim, die den Regeln des Ramadan folgen. Viele der Bewohner sind muslimischen Glaubens und die meisten von ihnen leben ihren Glauben auch. "Wenn Ramadan ist, wird es hier tagsüber spürbar ruhig", sagt Sigrid Schulz, Sozialberaterin im Asylbewerberheim. Dafür gehe es dann abends länger lebhaft zu.

Erfrischen darf man sich während des Ramadan, so viel man will. Wenn es unerträglich heiß wird, springt auch Ahmad Taheri unter die Dusche. Das hilft. Aber man müsse aufpassen, das einem beim Duschen kein Wasser in den Mund laufe, erklärt er. Darüber mag man lächeln. Aber wie Taheri das sagt, klingt das alles andere als lächerlich.

Von Markus Kniebeler

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