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Rathenow Egon Kornblum zum 100. Geburtstag
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15:29 11.05.2018
Egon Kornblum (rechts) 1992 bei der Eröffnung der Ausstellung „Zur Geschichte der Juden in Rathenow“ mit Generalkonsul Israel M. Levy. Quelle: Kulturzentrum Rathenow
Rathenow

Die Geschichte der Familie Kornblum und damit auch von Egon Kornblum ist eng mit der Geschichte Rathenows in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden. Alfred Kornblum, am 7. Juli 1878 in Rybnik geboren, kam 1909 nach Rathenow. 1910 heiratete er die am 25. September 1879 in Schlitz geborene Franziska Windmüller. Ihr erster Sohn Herbert kam am 15. Dezember 1910 in Rathenow zur Welt, zwei weitere Kinder Günter, geboren am 15. November 1912, und Egon, geboren am 15. Mai 1918 folgten.

Alfred Kornblum, ein geachteter Bürger Rathenows, gehörte lange Jahre dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an und war bei ihrer Zwangsauflösung im November 1938 ihr Vorsitzender. Zunächst bewohnte die Familie eine Wohnung in der Steinstraße 7. Hier betrieb Alfred Kornblum auch ein Herrenartikelgeschäft. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte sich das Leben der Familie Kornblum grundlegend.

Egon Kornblum zwischen seinen Eltern Franziska und Alfred Kornblum und mit seinem Bruder Günter kurz vor seiner Flucht 1939. Quelle: Kulturzentrum Rathenow

So konnte Egon, der jüngste der drei Kinder, zwar noch seinen Realschulabschluss machen, aber die begonnene Optikerlehre durfte er 1937 schon nicht mehr fortsetzen, geschweige denn beenden. Ihm wurde die Gesellenprüfung verwehrt. Alfred Kornblum musste 1937 sein Geschäft aufgeben. Er erhielt einen Wandergewerbeschein und konnte so die ihm treu gebliebenen Kunden zu Hause beliefern.

Nach dem Novemberpogrom wurde Alfred Kornblum gemeinsam mit den anderen Männern der jüdischen Gemeinde in das KZ Sachsenhausen in so genannte Schutzhaft gebracht. Dort mussten er und die anderen Vorstandsmitglieder dem Verkauf der Synagoge zustimmen. Zu allem Leid und Unrecht, welches den Juden in Deutschland angetan wurde, kam für die Familie Kornblum noch ein schwerer Schicksalsschlag hinzu. Am 8. Januar 1939 starb der älteste Sohn Herbert an Leukämie. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Rathenow (Neufriedrichsdorf) beigesetzt.

Egon Kornblum bei der Schulabschlussfeier 1934 in Rathenow: vorn, der einzige Junge in kurzen Hosen. Quelle: Kulturzentrum Rathenow

Das einschneidende Erlebnis für Egon Kornblum waren die Ereignisse des 9. und 10. November 1938. Auch in Rathenow plünderten Nazis die Synagoge und zerschlugen alles, was ihnen in die Hände kam. Nur die Tatsache, dass der nichtjüdische Hausmeister im Obergeschoß der Synagoge wohnte, führte dazu, dass sie nicht angezündet wurde.

Dies war der letzte Anstoß für Egon Kornblum, seine Ausreise aus Deutschland intensiv zu betreiben. Der gerade Zwanzigjährige versuchte Anfang 1939, eine Schiffspassage nach Shanghai zu bekommen. Das war zu diesem Zeitpunkt der einzige Ort, wohin man ohne Visum einreisen konnte. Am 25. März 1939 verließ Egon Kornblum Rathenow und seine Eltern, die er nie mehr wieder sehen sollte.

Das Herrenartikelgeschäft von Alfred Kornblum in der Steinstraße 7, das er 1937 aufgeben musste. Quelle: Kulturzentrum Rathenow

Mit der „Conte Biancamano“ fuhr er am 29. März von Genua in Richtung Shanghai, wo er am 25. April 1939 eintraf. Dort brachte man die Neuankommenden in Camps unter. Familien erhielten ein Zimmer, während Unverheiratete sich oft mit mehreren Schicksalsgenossen ein Zimmer teilen mussten. Ein Komitee kümmerte sich um die Ankömmlinge, organisierte Mahlzeiten und die medizinische Versorgung. Obwohl die Juden nicht arbeiten sollten, gab es einige Tätigkeiten in den Camps, zu denen sie herangezogen wurden. So waren sie im Krankenhaus und als Lagerpolizei tätig. Die Lagerpolizei hatte dafür zu sorgen, dass keiner das Lager verließ. Lebensgefährlich an Bauchtyphus erkrankt, blieb Egon Kornblum bis 1948 in Shanghai. Von hier wanderte er in die USA aus. Später ging er mit seiner Frau nach Israel. 1958 beschloss Egon Kornblum, mit seiner Frau und zwei Kindern in Deutschland einen Neuanfang zu wagen. Hier wurde noch ein drittes Kind geboren. So wie die Eltern von Egon, Franziska und Alfred Kornblum, waren viele Familienangehörige durch die Nationalsozialisten ermordet worden. Andere, die fliehen konnten, lebten nun in der ganzen Welt zerstreut.

Egon Kornblum kam erstmals 1987 in seine Heimatstadt Rathenow. Ich lernte ihn im Herbst 1991 eher zufällig kennen. Das Kreismuseum Rathenow bereitete eine Ausstellung „Zur Geschichte der Juden in Rathenow“ vor und es wurden Dokumente und Materialien zusammen getragen. Ein Anruf, es gebe da jemanden, der Jude ist und aus Rathenow stammte, eine Adresse war der Anstoß.

Geboren in Rathenow am 15. Mai 1918

Geboren wurde Egon Kornblum am 15. Mai 1918 in Rathenow.

Seine Eltern waren Alfred und Franziska Kornblum.

Sein Vater hatte in der Steinstraße 7 ein Herrenartikelgeschäft, das er 1937 aufgeben musste.

Seine Optikerlehre durfte Egon Kornblum nicht mehr beenden.

Am 25. März 1939 verließ Egon Kornblum Rathenow. Vier Wochen später traf er ein in Shanghai.

1948 wanderte er von Shanghai aus in die USA, ging später mit seiner Frau nach Israel und kehrte 1958 nach Deutschland zurück.

Ich schrieb und Herr Kornblum reagierte: telefonisch. Wir verabredeten uns in Essen, wo er wohne. Das war der Anfang einer unvergessenen Freundschaft. Viel erfuhr ich über die jüdische Gemeinde in Rathenow, über zunehmende Entrechtung in den 1930er Jahren und über das Schicksal so manch anderer Juden aus Rathenow. Wichtig war dieser Austausch. Aber noch wichtiger war die Bereitschaft Egon Kornblums, vor Menschen der Stadt und Region zu sprechen, an Hand des eigenen Schicksals aufzuzeigen, wohin Diktatur und Rassenhass führen können, aber nicht dürfen.

Sehr am Herzen lag ihm, dass der ermordeten Juden aus Rathenow gedacht werden sollte. Dafür setzte er sich ein und warb für einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof. Lange sollte es dauern, doch Beharrlichkeit führte letztendlich zum Ziel und so wurde am 24. August 1997 endlich der Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof enthüllt.

Nach 1992 kam Egon Kornblum regelmäßig, um Vorträge zu halten

Nach 1992 besuchte Egon Kornblum regelmäßig Rathenow, um in Vorträgen z.B. an Schulen über sein Leben und das was seiner Familie geschehen war zu berichten und vor Wiederholungen zu warnen. Für diesen unermüdlichen Einsatz wurde Egon Kornblum im Dezember 2003 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Bis ihm seine körperlichen Kräfte Grenzen setzten, war Egon Kornblum im Sinne der Aufklärung über den Holocaust unterwegs. Getrieben von der Vorstellung, dass so etwas nie wieder passieren dürfe, immer in der Hoffnung auf offene, bereitwillige Ohren zu treffen.

Diese gab und gibt es auch in Rathenow und so mancher kann sich sicher an den streitbaren älteren Herrn erinnern, der kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darum ging, die Demokratie zu verteidigen und wenn es um die Zivilcourage des Einzelnen ging. Egon Kornblum hat diese Zivilcourage bewiesen. Das Wissen um den Holocaust weiter zu geben und jedem Rechtsextremismus egal in welcher Form, entgegenzutreten ist sein Vermächtnis auch oder gerade heute noch. Am 27. Januar 2005 verstarb Egon Kornblum in seiner Wahlheimat Essen als streitbarer Geist, als unduldsamer Verfechter von Demokratie und Toleranz. Am 15. Mai 2018 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Von Bettina Götze

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